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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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54. Jahrgang. Nr. 39. Lerlm. 9. Oktober 1890. HZeitage zur „Attgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8 Berlin 5. Oktober. Die jüdische Gemeinde Berlin hat abermals einen schweren Verlust zu beklagen. Vorgestern ist nach langer und schwerer Krankheit Herr Julius Cunow verschieden, der durch eine Reihe von Jahren Mitglied des Gemeindevorstandes war. Mit seinem Tode beklagt eine große Anzahl wvhlthätiger und gemeinnütziger Anstalten den Vertust eines wohlwollenden Gönners. Die Beisetzung fand heilte Bormittag auf dem Friedhof in der Schönhauser Allee statt- X Berlin- 8. Oktober. Wahrhaft goldene Worte waren es, die Herr Rabbiner Dr. Mayballm in seiner Festrede zu Schemini Azereth in der Synagoge der Kaiserstraße zu Gunsten einer stärkeren Betheiligung der jüdischen Jugend am Handlvert und Ackerbau und anknüpfend an das Festwort: „Oesfnen wird dir der Herr seinen köstlichen Schatz und segnen! das Werk deiner Hände", gesprochen hat. Solche begeisterte lind begeisternde Worte können sicher eines tiefem Eindruckes nicht verfehlen. - Auch die Predigt, die Herr Dr. Mayballm am zweiten Tag Rösch Hasehanah in der neuen Synagoge gehalten und die von Freunden uitb Verehrern durch den Druck veröffentlicht worden, ist von gleich warmer Begeisterung getragen. Der gefeierte Kanzelredner geißelt in derselben mit wahrhaft erhabenen Worten den überhandnehmenden Abfall in Israel. Die Predigt ist ein oratvrisches Kunstwerk im Allfban, wie in der Ausführung. Möge es dem verehrten Manne noch lange besehieden fein, in gleicher Weise für die heilige Sache unseres Glaubens gu wirken. Berlin, 8. Oktober. Zur Frage des Konfessionswechsels veröffentlicht der Evangelische Oberkirchenrath in dem seit 1.876 bestehenden „Kirchlichen Gesetz- und Verordnungsblatt" statistische Mittheilungen aus der Landeskirche, welche sich allerdings auf die Provinzen Schleswig- Holstein, Hannover und Hessen-Nassau nicht beziehen, im klebrigen aber manche werthvolle Nachrichten enthalten. Was das Jndenthnm betrifft, so hat dasselbe tu den letzten Jahren einen steigenden Ueberschnß gur evangelischen Kirche geliefert, woran die Provinzen in folgender Weise bet heiligt waren: Ueberschnß des Zutritts in Zugang Abgang den Jahren Provinzen 1875- 88 1875*80 ' 1881-85 1886 1887 1888 Ostpreußen! 255 65 ll-j I 20 16 14 Westprenßen i *"! - 10 9 Brandenburg 898 90 156 291 89 111 156 Pommern 65 7 7 13 — 18 20 Posen 56 2 11 28 5 5 6 Schlesien 366 23 86 142 19 89 57 Sachsen 88 4 cS 34 15 14 8 Westfalen 92 1 9 12 2 7 61 Rheinland 91 — 25 34 11 11 10 zusammen 1901 185 867 (567 160 231 341 Blickt man nur ans die beiden grössten Zahlen - bei Brandenburg mit Berlin und bei Schlesien —, so wird man der Ansicht zuneigen, daß die Uebertritte aus dem Judenthum am zahlreichsten dort erfolgen, wo die meisten Inden leben. Diese Vermuthung wird aber sofort hinfällig, wenn man auch die übrigen Zahlen betrachtet; z. B. in Posen mit 50,866 Juden bei der Volkszählung voll 18S5 hat die evangelische Kirche nur 54 während derselben Periode gewonnen, welche in der Provinz Sachsen mit 78-14 Juden einen Zuwachs um 79 gebracht hat. Erstreckte sich die kirchliche Statistik etwas lveiter, gäbe sie namentlich Auskunft über die am stärksten betheiligten Orte, so würde mall zu erkenlleu im Staude sein, ob gerade in Gemeinden mit starker jüdischer Bevölkerung die Uebertritte häufiger vorkommell oder umgekehrt in Gemeinden mit vereinzelt lebenden Juden. Das neuerlich gesteigerte Verhültniß der Uebertritte zur Gesammtzahl der Jndeil (804,877 in den älteren Provinzen) drückt sich für die Jahre 1886 88 durch 1:1249 jährlich aus; in der Kirchenprovinz Brandenburg betrug es aber 1 :645 uitb in Posen 1:10,173. Die meisten Uebertritte habeil in den Jahren 1881- 84 also zur Zeit der stärksten Autisemiteuhetze — stattgefunden. Möge diese schmähliche Fahnenflucht nunmehr ihr Ende erreicht haben! * Berlin, 4. Oktober. Dem Direktor der Deutsch-ostafrikanischeu Gesellschaft Ernst Vohsen ist, wie wir hören, der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden. * Berlin, 8. Oktober. Die in der „Täglischen Rllndschau" veröffentlichten „Briefe der Kaiserin Angusta", deren einen ton, soweit er Leopold Zunz betraf, zur Kenntlliß unserer Leser gebracht haben, sind Gegenstand starken Zweifels bezüglich ihrer Echtheit geworden. Aufklärung erwartete man von einer angeküudigten Schrift! des Herrll P rufe s s o r S ch r a der i n I e n a. Diese Schrift ist nunmehr erschienen, u'.id wenn der Verfasser auch nicht zur vollen Ueberzeugllug der Echtheit jener Briefe gelangt ist, so ist er doch, gleich einer Allzahl hervorragender Persönlichkeiten, welche mit den Gesinnungen der verewigten Kaiserin vertrallt silld, überzeugt, daß der Inhalt der veröffentlichten Briefe den Standpunkt der Kaiserin durchaus treffend ' wiedergiebt. Besonders heben wir hervor, daß der Verfasser aus Grund aller privaten itnb öffentlichen Aeußeruugen der Kaiserin, soweit sie bisher bekannt silld, gu der Ueberzeugung gelangt, daß die Kaiserin den konfessionellen Friedell wünschte, lind daß ihr von ihrem Standpunkte die sogenallnte a uti semitische BeweguW wenig sympathisch seiil mußte; es liege dies auf der Hand, auch wenn es llicht durch ausdrückliche Zeugnisse gu belegen sein sollte. * Berlin, 4. Oktober. Die „Tägliche Rundschau" brachte vorgestern die Nachricht von. dem Rücktritt des Ministers des königlichen; Hauses von Wedell-Pi esdor f. Hierzu bemerkt die „Post": Soweit! nufere Informationen reichen, steht in dieser Beziehung itocl) nichts fest. : Wenn illdeß die Nachricht sich bestätigen sollte, so könnte mall die lh> | sache nur in prinzipiellen Fragell über die Verwaltllng des j Ministeriums des königlichen Hallses suchen, keineswegs etwa in persöilj liehen Differenzen". Es verdient hierbei bemerkt zu werden, daß Herr > v. Wedelt- Piesdorf einer der entschiedensten Anhänger des bekannten! Hofpredigers und der alltisenlitischeil Ströinnllg in der konservativen! Partei geweseil ist. z * Berlin, 5. Oktober. Der „Reichsbote" theilt in einem Artikel I über den Ablauf des Sozialistengesetzes mit, daß Fürst Bismarck im! Anfall ge der achtziger Jahre allen Ernstes dem Minister des Innern die Ausweisung des brannten H ofprediger s auf Grund des Sozialistengesetzes angesonnen habe. Voll einigeil Blättern ist diese Nachricht angezweifelt, voll anderen allsrecht - ermatten worden. Aus : lvohlunterrichteter Onette könnell wir die Mittheilung, so sonderbar sie auch klingen mag, bestätigell, allerdings — „a bisseleFalschheit ist alle-! mal dabei" — und so liegt auch hier eill Jrrthuni bezüglich der Zeit vor. j Nicht im Anfänge der achtziger Jahre war es, sondern nach jener bej kannten Versammlung beim Grafen Waldersee, oeren Aus-! beutllilg in antisemitischem Sinne versucht, aber gerade d'.lrch die Vor-! dringlichkeit der übereifrigen Hetzer glücklicherweise nicht erreicht wurde.! Damals war es, wo die evangelische Orthodoxie dem Fürsten Bismarck! allfing, unbequem zu werden, und wo er sich eines ihrer streitbarsten! Kämpell auf die besagte Weise zu erltledigen suchte. Damit ist auch : zugleich das Schweigell und die Zurückhaltung aufgeklärt, deren der Hvsprediger sich voll da ab befleißigte, und welches jetzt mit einem Schlage anfzuhören scheint, da die Wllcht jenes Gesetzes ihn llicht mehr; zu treffen droht. - Bei Gelegenheit der obigen Zeitungsdebatte hatte das j „D. T." beulerkt, daß in einer sehr viel lläher liegenden Periode, näm-! lich unter beut Kaiser Friedrich, Fürst Bismarck einen empfindlichen | Schlag voll Herrn Stöcker abgewalldt habe; es handelte sich um die! Absicht, letzteren von seinem Hofpredigeramte zu entfernen. Bestätigend! erklärt hierzu der „Reichsbote": „Das geschah allerdings in den ersten Tagen der Regierung Kaiser Friedrichs, macht aber unsere Mittheilung nicht linwahr. Fürst Bismarck folgte oft den Impulsen des Augenblicks, wie das Vorgehen der offiziöseil Presse gegen Stöcker nach der Waldersee-Versammlung und vor der lebten Wahlkampagne illnstrirt." Auch unsere Information wird durch diese Erklärung des „Reichsbotell" lediglich bestätigt.

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