Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 39 (9.10.1890)
- Date
- 1890-10-09
- Page
- Seite 512 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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512 hier hat sie das Gefühl der Sicherheit, in der Khille war' sie wie auf dem Eis, wo marr beständig ausrutscht. Ich weiß das ganz gut, aber man darf das nicht aussagen; denn wenn die Sache klar wird,! daß sie durchaus auf dein Torf bleiben will 1111b muß, dann spreizen j sich alle Randaren in der ganzen Gegend, und es war' Roth, ich z gab' ihr dann meine ganze Rande als Mitgift." Ter Vetter Reb Joichene gab sich Mühe, die Ansicht des Rani dars zu bestreiten und führte aus seiner Erfahrung mehrere Fälle! als Beispiele an, daß sich der Mensch sehr leicht uub bald an ver-! änderte Verhältnisse gewöhne, und daß ein Torfmädel ebenso gut! eine Khillefrau werden kann, wie umgekehrt ein Khillemädchen eine! gute Randarin, und daß nach seiner Ansicht Rachele sich in der Khille! m kurzer Zeit vortrefflich zurechtfinden würde. Ter Randar hingegen j blieb bei feiner früheren Behauptung stehn, gab zwar zu, daß die! von Reb Joichene initgetheilten Fälle möglich, ja sogar wirklich sind, aber er versicherte auch, daß er sein eigenes Kind besser kennen müsse! als jeder Andere, und daß er es am besten zu beurtheilen loisse, wohin sie paßt und wohin sie nicht paßt. j Unter solchem Tisput verstrich die Zeit, bis Rachele aus der 1 Küche kam und den Tisch zum Abendbrod rüstete. Sie deckte für j sieben Personen. Bald darauf saß die Gesellschaft bei Tische. Obenan der Randar, zur rechten Hand desselben der Vetter Reb Joichene i und neben diesem Rachele, zur Linken saßen die drei Söhne nach ihrem Alter rangirt, und unten, dem Randar gegenüber, der Gast.; Man ließ sich das Essen trefflich schinecken und würzte das Mahl i mit Gesprächen und Plaudereien, in denen die ernsten Geschäftsi angelegenheiten und die kleinen Torfereignisse bunt genug durch einj ander gewürfelt wurden; denn auf eine Frage des Randars, ob j morgen die Konnnission in die Brennerei konunen werde, gab bei-! fpielsweise Haschel die Auskunft, daß die gescheckte Kuh vom Geist- > lichen ein Külbel bekommen hat. Ter Gast schien von alle dem, was! hier gesprochen wurde, nichts zu vernehmen, so theilnahmslos sah er i aus, und hätte er nicht zufällig einmal aufgeblickt, so würde er auch! gar nicht bemerkt haben, wie sich zwei wundervolle Augen senkten, j welche bis dahin ungestört auf ihn gerichtet waren.! Der Randar unmbcrte sich über das Schweigen des Fremden I gar nicht. Was soll ein „Beheme" reden — dachte er bei sich, und weniger in der Absicht, eine verniinftige Antwort zu erhalten, als die Tischgesellschaft ein Bischen lustig zu machen, wendete er sich an den Gast mit der Frage: „Ihr kommt doch her von Polen, da habt Ihr doch viel gesehen und gehört auf dem Weg. Nu, was thut sich Rulles in der Welt." „Nichts!" sagte der Fremde. „Hört num nichts von einein Krieg in der Welt?" „Rein!" „Nein!" lachte der Randar, „Ihr hört nichts. Ist es denn überall in der Welt so „stat" (still), wie auf unseren! Torf da?" „Alles eins." „Alles eins!" lachte der Randar wieder und flüsterte seinen! Bruder etwas ins Ohr. „Das ist gerade keine solche Dummheit," sagte Reb Joichene, „ein Sprichwort ist ja auch: Tie ganze Welt ist ein Ort." „Habt Ihr „Mesnmen"?"') fragte der Randar weiter. „Rein." „So werd' ich Euch Mesnmen verehren." „.Jejascher Koach! (Zur Kraft)" sagte der Fremde. „Wißt Ihr, wie viel Mefumen werth ist? Riesinnen ist vierzig Gulden werth!" h Mefumen benschen heißt, den Tischsegeu sprechen; Mesumeu! wird aber auch in der Bedeutung Geld gebraucht. 1 „Brauch ich nicht." „Wie heißt, Ihr braucht nicht, es ist ja nur die Ehre; ein Gast soll die Ehre haben, den Segen zu sprechen." „Laß dein Vetter Reb Joichene die Ehre," gab Rachele als Auskunftslnittel an, „wenn es durchaus ein Gast sein soll. Ter Vetter Reb Joichene ist ja auch unser Gast." Der Vetter Reb Joichene „benschte" und sprach den Tischsegen, und Rachele hatte hierbei Gelegenheit, die Wahrnehmung zu uiachen, daß das Benschen bei einem ans der Khille länger dauere, als bei dem Vater, und als müßte sie einen ihrem Vater im Stillen gelnachten Vorwurf vor sich selbst, vor dem Vetter Reb Joichene und vor dein Freniden entschuldigen, sagte sie: „Wenn man zinn Essen so viel Zeit hat, wie die Khille-Leut, dann muß man sich auch zum Benschen gehörig Zeit lassen: wenn man aber kann! Zeit zum Ehen hat, wie bei uns hier auf dem Tors, wo wir selten eine Mahlzeit haben, ohne daß einer oder der Andere vorn Tisch weggerufen wird, lveil es beständig und in Einen! fort etwas zu thun giebt, da kann nian auch nicht so lange Zeit mit dem Benschen zubriugen, da muß es gehn wie auf der Post, und unser Herrgott muß schon dazu zufrieden sein." „Auf was hinauf sagst Tu das?" fragte Haschele, der jüngste Bruder. „Weil Ihr Alle schon eine halbe Stunde fertig gewesen seid, wie der Vetter-Leben erst bei „Al-Hauißim" (ein in den Eganukahtagen einzuschaltendes Stück) gehalten hat." „Ra!" sagte der Randar, „dagegen brennen hier in der Stub', wie viel, ich bitt'Dich, brennen da Ehauukahlichter? Soll inan sehen, was eine Sach' ist! Wie an den Todesengel Hab' ich an den ,,Al- Hanißim" vergessen. Wenn mir recht ist, muß ich noch einmal benschen?" Es entwickelte sich über diese scharfsinnige Frage ein sehr lebhafter Disput, die Meinungen waren getheilt, und obwohl die Stimmenmehrheit gegen ein nochnialiges Benschen war, fühlte sich der Randar doch nicht gänzlich beruhigt; er wandte sich an den Fremden, wie er die Sache auffasse und wollte von ihm wissen, ob er verpflichtet sei, nochrnals zu benschen oder nicht. Ta aber der Fremde sagte, er sei kein „Lamden", wollte Rachele kurzen Prozeß machen und die schwierige Angelegenheit dadurch erledigen, daß sie bewies, wenn der Vater anstatt über die Frage zu disputiren, lieber gleich noch einmal gebenscht hätte, so wäre er jetzt schon längst fertig gewesen; eine Ansicht, die aber grundfalsch lvar, wie ihr der Vetter Reb Joichene sofort klar machte, indem er sagte: „Und wie, wenn er mit dem ersten Benschen der Pflicht Genüge geleistet, wäre dann das zweite Benschen nicht ein Segen ohne Inhalt, eitel und sündhaft gewesen?" Ter Randar befand sich in einer Verlegenheit, ans welcher vor der Hand kein Ausweg möglich war; endlich machte er es, wie einst der große Alexander, da er den Knoten nicht lösen konnte. Tenn plötzlich rief er: „Jetzt werd' ich mir nicht länger den Kopf verrückt machen, nehmt die Karten her, wir werden ein bissel Ehanukah halten." Wie inan sich zmn Spiele rüstete, sah man das Mädchen auf den jüngsten Bruder zugehen und ihn: etwas ins Ohr flüstern. „Was habt Ihr für Geheimnis;? Ein Geheimnis; gehört unter den Rauchfang," bemerkte der Randar. (Fortsetzung folgt.) Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauckwitz in Berlin.