Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 39 (9.10.1890)
- Date
- 1890-10-09
- Page
- Seite 511 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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511 " Da ich fremden Göttern gedient, Berauschenden Wein ihnen gespendet. Äsch kaum, als ich weggezogen war, Kam Babels Ende, kam Serubabel, Und nach siebzig Jahren ward mir geholfen. j Fällen wollt die hochragende Ceder Agagi, der Sohn des Hamdatha., i Doch es gereichte ihm selbst zum Fallstrick,! Sein Hochmuth ward vernichtet. Du erhobst des Benjamiten Haupt Und vertilgtest des Feindes Stamm. Umgeben von Rindern und Hütern in Fülle Hingst Du ihn an den Pfahl. > Die Griechen sammelten sich wider mich! In den Tagen der Hasmonäer, Und rissen nieder die Mauern meiner Festungsthürme Und entweihten das heilige Oel des Tempels; | Doch bei der Oelkrüge letztem! Geschah den Rosen ein Wunder Diese acht Tage j Bestimmten sie Dir zu Dank- und Lobgesüngen."! -t- :jr! * | Das Lied, welches an das nationale Leben des jüdischen Volkes erinnert, war verklungen, die Chanukahlichter, an fünf verschiedenen Lampen von ungleichem Werthe, aber mit gleichem Glaubenseifcr angezündet, brannten freundlich, und der Fremde wollte sich nun wieder hinausbegeben in die Schünkstnbe. Der Randar aber vertrat ihm den Weg mit der Frage: „Wie heißt Ihr?" „Leb," war die kurze Antwort. „Von wannen seid Ihr?" „Arls Polen." „Kann man Euch zu einem Spiel Karten brauchcir?"? „Aicht!" j „Ein Beheme! (Dummkopf)" flüsterte der Randar seinem Bruder j ins Ohr — „was Hab' ich gesagt? Ich Hab' das gleich auf den! ersten Blick gesehen. Nicht einmal zu einem Spiel Karten ist er l zu gebrauchen." „Er ist vielleicht ein „Lamden" (Gelehrter)," sagte Reb Ioichene leise. „Seid Ihr ein Lamden, oder bist Du ein Jung?" fragte jetzt der Randar frisch drauf los, da er sich sein Urtheil über den Fremden einmal gebildet hatte. „Nein," war die Antwort auf diese Frage, aber Niemand wußte, worauf das „Nein" sich bezog.! „Was „nein"?" fragte der Randar, der immer drüngender wurde, j „Seid Ihr kein Lamden?" I „Kein Lamden!" „Nu, was könnt Ihr denn, laßt mich hören, wenn Ihr nicht lernen lind nicht spielen könnt?" Der Fremde schwieg. j Rachele aber ging rasch auf den Vater los und sagte im bittenden! Dvne: „Vater-Leben, thu einen fremden Menschen nicht beschämen, j las; ihn können, was er will."! Es entstand eine Pause, und der Fremde benutzte diese, die! Stube zu verlassen.! „Was fangt man jetzt an? — einen so langen Winterabend?" ' fragte der Randar; „meine Jungen da kann man zu keinem ordcnt-! lichen Spiel brauchen; erstens haben sie alleweil zu thun; und zweitens, wenn sie schon Zeit haben, spielen sie lieber ihr Neue- Mode-Spiel! Schach heißen sie's! Ich Hab' mich schon gefreut, ich werd' heute können ein bissel „Chanukah" halten. Willst Du unser Dritter sein, Rachele?" „Ich möcht'," erwiederte das Mädchen, „aber ich muß in die Küche zum Nachtmahl sehen." „Wie fällst Du aus? Wenn Du in drei Stunden hinausgehst, wirst Du mit dem Nachtmahl auch noch zurecht kommen," belehrte der Vater. „Du magst meinen, es ist jetzt etwas spät! Wie lang' ist es denn gar, seit wir Mittagmahl gegessen haben!" „Du bist nicht hungrig," sagte Rachele, „aber wenn einer in so ein' Wintertag zu Fuß geht über Feld, wird er wahrscheinlich Hunger haben." „Ah so, Du meinst den Gast? Nu, gieb ihm jetzt etwas zu essen: Du wirst vielleicht von Mittag etwas übrig haben." „Und soll ich," fragte das Mädchen, „einen Juden, der auf „Chanukah" zu uns cinkehrt, so abspeisen für sich allein mit den Ueberresten? Ich mein', wir sollen heut' ein bissel früher Nachtmahl essen. Was meinst Du, Vetter Ioichene?" „Mir ist Alles eins." „Thu, wie Du willst," sagte nun der Vater nachgebend, und Rachele begab sich in die Küche. Die drei Söhne verließen ebenfalls die Stube, denn sie hatten noch in der Brennerei zu thun, und so blieben die beiden Männer, der Randar und sein Bruder, wieder allein. „Wie alt ist Rachele zu Gesund und zu Leben?" fragte Reb Ioichene. „Wie alt sie ist?" sagte der Randar, „soll ich Dir einen Spaß sagen, ich weiß es wahrhaftig nicht; im Gebetbuch für den Versöhnungstag Hab ich's eingeschrieben, aber wart, wenn Pawel noch draußen ist in der Schänkstube, werd' ich Dir's gleich sagen." Bei diesen Worten öffnete der Randar die Thür und rief hinaus in die Wirthsstube: „Ist Pawel noch da?" „Wir gehn nicht nach Haus bis Morgen, Bis es wieder Morgen sein wird." Dieser Refrain eines böhmischen Volksliedes war Pawels Antwort, womit er seine Anwesenheit dokumentirte. „Pawel," rief der Randar; „wie alt kann Rachele jetzt sein?" „Die Rachele," sagte Pawel, „wird auf „Purim" (Fasching) sechzehn Jahre alt werden, am Fasttag der Esther thut sie sich jähren." „Das heißt ausgejüdischt," sagte Reb Ioichene, der die Antwort Pawels in der Nebenstube gehört hatte, „weißt Du, der Christ könnt' in einer jeden Khille Gemeindedicner sein, wie gut er unsere Feiertage und Fasttage im Kopfe hat, lind wie fein er sich genierkt hat, wann Rachele geboren ist." „Ich bitt' Dich, so ein Bauer," sagte der Randar, „auf was hat er zu denken? Was hat er für eine Sorg'? sobald er nur zu essen lind zu trinken hat, lveiter geht ihn die Welt nichts mehr an. Soll er ein Blatt „Simdies-lumefescli“ (Titel eines jüdischen Buches) lesen? oder soll er speknlirei;, wie er die sechshundert und dreizehn Gebote erfüllen kann? füllt er sich seinen Kopf aus mit Narreschkeiten." „Sechzehn — bis hundert Jahr!" sagte Reb Ioichene wie im Selbstgespräche, ohne aus des Randars Bemerkungen etwas zll erwiedern: „sechzehn Jahre! da kann sie in Wahrheit noch warten." „Wie meinst Du?" „Ich mein' mit der Partie, voll der ich früher gesprochen Hab', sie wird uns nicht davon laufen, wenn wir von heut über ein Jahr zu Gesund wiederum davon reden!" „Wenn es kein Randarssohn ist, Bruderleben, ist Schad' für die Müh und Schad' für das Wort. Das Madel paßt in keine Khille hinein, die kann nur auf dem Torf existiren; da ist sie geboren, da ist sie erzogen und da weiß sie, wie sie sich drehen und tuenden soll; in der Khille müßt' sie bei jedem Schritt, den sie macht, stolpern. Sie müßt' nicht, macht sie die Sachen recht, macht sie's nicht recht;