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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 510

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 510 (sequence 10)
Language
German
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510 anzuerkennen. Die Szekler heiligten den Snbbath und feierten noch andere jüdische Feste und acceptirten auch einen Theil der Speisegesetze. Sie warfen sich mit Eifer auf die Uebersetzung des alten Testaments, der Psalmen und führten das jüdische Gebetbuch in freier Uebertragung bei sich ein. Es entstand eine ungarische religiöse Litteratur voll Kern und Kraft, und Simon Pechy, das geistliche Oberhaupt, war auch zugleich der Geist dieser ganzen Litteratur. Viele Schriften dieses genialen Mannes harren noch des Drucks, und Herr Dr. Kohn wird gewiß nicht zögern, die werthvollen Manuskripte, die er gesammelt, vervielfältigen und dem Inventar des ungarischen Schriftthums einverleiben zu lassen. Zwischen den Jahren 1621 und 1638 liegt die Glanzzeit des Sabbatarierthums. Simon Pöchy war zwar als Erbe Eössy's von je im Geheimen Sabbatarier gewesen, aber während seiner politischen Laufbahn unter Bocskai. Sigmund Rükuczi, Bathori und Gabor Bethlen trat er politisch damit nicht hervor. Erst als er die Gnade Bethlens verlor, der in seinem Kanzler ein bezahltes Werkzeug der Oesterreicher witterte, widmete sich Pöchy ganz seiner religiösen Mission, welche die große Verbreitung und Blüthe des Sabbatarierthums zum Ergebniß hatte. Doch schon nach siebzehn Jahren, 1638, machte die eiserne Faust Rükaezi's der Sekte ein gewaltsames Ende. Die Ketzerprozesse zu Dees, welche mit der Konfiskation des gesmnmten sabbatarischen Vermögens endeten, bilden ein interessantes Kapitel der ungarischen Kulturgeschichte und verleihen der Kohn'schen Darstellung ein eigenthümlich düsteres, aber lebenswahres Kolorit. Die Masse der Sabbatarier wurde gezivnngen, zum Protestantismus znrückzukehren. Auch Simon Pöchy nahm mit 73 Jahren den ganzen Inhalt seines bis dahin verlebten Daseins zurück. Es hat ihn Niemand sterben sehen, Niemand kann die Stelle seines Grabes bezeichnen, der Volksglaube dichtet ihm an, er sei nach Konstantinopcl ausgewandert und habe dort die sabbatarische Kirche fest gegründet. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, daß Simon Pechy, dieser einst so mächtige, so reiche Mann, der Berather so vieler Fürsten, ungefähr im Jahre 1641 oder 1643 arm und verlassen gestorben ist und nichts hinterließ, als dm Namen eines ehrlichen Sektenhauptes, der den Mosaismus in allen seinen Quellen und Verzweigungen studirt hatte und vermeinte, seinen Szecklern eine reinere Religion bieten zu können. Seltsame Schwärmerei in dem Herzen eines Mannes, dessen Kopf von so vielen Fürsten als von praktischer Lebensweisheit erleuchtet geschätzt wurde! In Pöchy hatte der religiöse Drang über den Staatsmann gesiegt. Sein Glaube hielt ihn ausrecht in seinem Fall, und seinen Glauben mußte er schließlich durch den Verlust aller Glücksgüter büßen. Seine Sekte wurde das Opfer zahlreicher Verfolgungen. Aber so tief reichen die Wurzeln religiöser Gefühle, daß es trotz aller Machtmiwendmig nicht gelang, die Sabbatarier vollständig auszurotten. Mehr als zwei Jahrhunderte nach Pöchy's Tode erhebt die letzte sabbatarische Gemeinde ihren Kopf, in dem verlassenen Szüklerdorfe Bözödfalu. Im Jahre 1868 erlebte die Welt das Schauspiel, daß eine Szäklergeineindc — zum Judenthnm übergeht. Der oberflächliche Fanatismus witterte Verrath und Proselytenthum. Das erleuchtete ungarische Ministerium ließ die nach frommer Ueberzeugung Handelnden gewähren. Es waren eben die letzten Nachkommen der Sabbatarier, die, den Grundgedanken ihres Stifters ausführend, sich nunmehr vollständig zum Judenthum bekannten. Die Sekte der Sabbatarier hat seit zwanzig Jahren aufgehört zu cxistiren, nachdem sie Jahrhunderte lange Verfolgungen überlebt hatte. Das Kohn'sche Buch ist reich an den interessantesten Details, sowohl aus der Blüthczeit, als auch aus der Zeit der Auflösung des Sabbatarierthums. Wir wollen dem gelehrten Forscher nicht in diese Einzelheiten folgen. Es genügt uns, aus seinem fleißig und im Geist der Wahrheit geschriebenen Buche ein lehrreiches Bild über so manche Kulturzustünde unseres historischen Ungarn gewKmen zu haben. Speziell die ausführliche Geschichte der Sabbatarier belehrt uns, daß! im ungarischen Volke viel religiöse Empfänglichkeit undMnausrottbare! Glaubenstrcue herrscht, se^ sie auch hie und da auf falschem Wege! gewesen. Und ein abermaliger Beweis für W Macht des religiösen Bedürfnisses ist cs, wenn eine Sekte Jahrhunderte lang allen Verfolgungen durch die Staatsgewalt zum Trotz sich erhält und nur der? Allgebieterin Zeit zum Opfer füllt. Feuilleton. Der unbekannte Gast. Eine Geschichte von Eduard Kulte. / (Fortsetzung.) Der Randar nahm mm seinen „Schames" (so wird nämlich das eine Licht genannt, mit welchem die andern allgezündet werden) und sprach die vorgeschriebene Segensformel. Er pries den Herrn der Welt, der geboten hat, anzuzünden ein Licht der Weihe, der Wunder gethan hat an den Vätern in jenen Tagen um diese Zeit, und der uns am Leben erhalten, daß wir erreicht haben und erlebet diese Zeit. Hierauf zündete er ein Licht an der Menoreh an und steckte den Schames ait seinen Platz. Dasselbe wiederholte der Vetter Joichene an seiner silbernen Menorah, die drei Söhne an ihren blechernen Menorahs und endlich der Fremde an seiner aus Sand und Nußschalen improvisirten Menorah. Nachdem sie Alle angezündet hatten, sprachen sie noch leise flüsternd Folgendes: „Diese Lichter gründen wir zum Angedenken an die Wunder und Zeichen, an das Heil und die Hilfe, die Du unfern Vätern hast gewähret in jenen Tagen um diese Zeit durch Deine heiligen Priester (die Hasmonäer). Und durch alle acht Tage der Weihe sollen diese Lichter uns ein heiliges Angedenken sein; wir zünden sie nicht an zu irgend einem weltlichen Gebrauch und Nutzen, sondern um sie anzuschaun und dabei mit der innigsten Dankbarkeit und Verehrung.zu loben und zu preisen Deinen großen Namen für alle Deine Wunder und Zeichen und das Heil und die Hilfe!" Nachdem sie dies gesprochen hatten, sangen sie gemeinschaftlich das Lied „Moaus zur Jeschuoßi", welches in deutscher Uebersetzung lautet, wie folgt: „Meine Feste, Hort meines Heils! Dich zu preisen geziemt sich's. O daß mein Andachtshaus fest wieder stände Und wir dort Dank Dir opferten! — Einst wenn Du ein Blutbad bereitest Ob dem bellenden, wüthenden Tyrann, Werde ich wieder unter Psalmenliedern Des Alters Weihe vollenden. Meine'Seele war der Leiden satt, Im Kummer zehrte meine Kraft sich auf; Einst habeil sie nlein Leben verbittert Durch schwere Arbeit in der Sklaverei Egyptens. Aber mit seiner großen Macht Führt er heraus das Volk, sein Eigenthum; Doch^ Pharao's Heer und sein ganzes Geschlecht Sank wie eilt Stein in die Meerestiefe. Nach seines Heitigthumes Heiligthllm bracht' er mich Doch auch dort fand ich nicht Ruhe; Es kam der Dränger und trieb mich ins Elend,

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