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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 509 (sequence 9)
Language
German
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509 Nein, der Haß unb der Krieg sind Träume, aus denen man einst erwachen wird. Welchen Jammer hat nicht die Liebe des Vaterlandes schon der Menschheit verursacht! Wie viel hat diese lügnerische Tugend nicht an wilder Wuth alle anerkannten Laster übertroffen! Ist der Egoismus eines Landes weniger ein Laster als der eines Menschen? Hört die Gerechtigkeit auf, eine Tugend zu sein, sobald man sie gegen ein fremdes Volk ausübt? Eine schöne Ehre, die uns verbietet, uns gegen unser Vaterland zu erklären, wenn die Gerechtigkeit ihm nicht zur Seite steht."—(Das. 195): „Für jeden rechtlichen Mann ist es eine Qual, durch die Wahrheit gezwungen zu werden, von seinem Vaterlande übel zu sprechen ... Allein hören Freimüthigkeit und Unparteilichkeit auf, Tugenden zu sein, sobald man sie auf einen Gegenstand seiner Liebe wendet?" — (Das. 203): „Die Liebe des Vaterlandes, sie mag sich nach außen oder nach innen offenbaren, ist eine Tugend, so lange sie in ihren Schranken bleibt; darüber hinaus wird sie ein Laster. Wenn Jemand sagt, für das Vaterland handle man immer schön, so ist das eine alberne Floskel, albern und lästerlich zugleich. Nein, man handelt nur schön für das Vaterland, wenn man das Gerechte will." Und nun muß ich endlich, um diesen Punkt abzuschließen, noch folgende Stelle anführen, gerade weil sic die bekannteste ist (7. Febr. 1832): „Das; ich ein Jude geboren, das hat mich nie erbittert gegen die Deutschen, das hat mich nie verblendet. Ich wäre ja nicht werth, das Licht der Sonne zu genießen, wenn ich die große Gnade, die mir Gott erzeigt, mich zugleich ein Deutscher und ein Jude werden zu lassen, mit schnödem Murren bezahlte — wegen eines Spottes, den ich immer verachtet, wegen Leiden, die ich längst verschmerzt. Nein, ich weiß das unverdiente Glück zu schätzen, zugleich ein Deutscher uud ein Jude zu sein, nach allen Tugenden der Deutschen streben zu können und doch keinen ihrer Fehler zu theilen. Ja, weil ich als Knecht geboren, darum liebe ich die Freiheit mehr als ihr. Ja, weil ich die Sklaverei gelernt, darum verstehe ich die Freiheit besser als ihr. Ja, weil ich keinem Vaterlande geboren, darum wünsche ich ein Vaterland heißer als ihr." (Schluß folgt.) d „Die Ä ab b «tarier." Von Dr. Adolf Silberstein in Budapest. Die moderne exakte Wissenschaft mag lange behaupten, daß sie zu ihrer Erklärung der Welt die Hypothese von dem Dasein Gottes nicht benöthige, die menschliche Gemüthswelt wird des idealen Schimmers, den die Sehnsucht nach einem höheren Prinzip in sie wirft, niemals entbehren können. Mit dem letzten Menschen erst wird der Religivnstrieb ersterben, der in den Formen zahllosemal wechseln kann, im Wesen dieselbe beseligende Kraft behalten wird zu allen Zeiten. Man verwechsele eben nur nicht Religion mit äußeren kirchlichen Vorschriften! Man finde in der Religion eben nur das Wesen der Erhebung über die Noth und Unzulänglichkeit des alltäglichen Daseins zu dem Sonnenschein höchster Vollkommenheit und Gerechtigkeit! Hier ist der unerschöpfliche Born des Trostes für die Armen und Bedrückten, für die Unzufriedenen und vom Zweifel Gequälten. Und dieser Born quillt geradezu aus jedes Menschen Herz, mit und ohne Hilfe des Priesters, gleichgiltig welcher Farbe. Ter denkende und fühlende Mensch trägt sein Gottesbewußtsein, seine Sehnsucht nach dem Höchsten, nach dein Schlüssel aller Rüthsel, unter allen Zonen, zu allen Zeiten in sich selbst. Bei der Schwäche der meisten menschlichen Köpfe sticht sich dies religiöse Bewußtsein oft die phantastischesten Formen aus und verirrt sich häufig in den seltsamsten Aberglauben. Eine so phantastische, aber höchst gutmüthige und harmlose Verirrung bietet das Volk der siebenbürgischen Szekler dar, zur Zeit, als die Reformation vom Norden über die Berge hereindrang. Der Ungar war nie ein Religionsheuchler, nie ein bigotter Scheinheiliger. Er meinte es mit Allem redlich und so auch mit seinem Gott. Darum war der Ungar stets ein eifriger Sohn der Kirche, ob diese katholisch oder altkatholisch war. Siebenbürgen war die Hochburg der Reformation. Dort war das religiöse Bewußtsein aller Fesseln entledigt und schuf sich stets neue Formen. Aus dem Protestantisnius, welcher die Kirche dem Volke wiedergab, entwickelte sich der Unitarismus, der das Christenthum dem Monotheismus annüherte. Einen Schritt weiter zurück, beinahe bis zur Verschmelzung niit dem Judenthum, machte die protestantische Szöklerschaft, indem sie die Heiligung des Sabbath und viele andere Vorschriften des Mosaismus sich aneignete und somit die originelle Spielart der Sabbatarier schuf. Die Sabbatarier sind so zu sagen eine echt ungarische Religionssekte, deren Entstehung, geistige Entwicklung und politische Schicksale uns ein hervorragender jüdischer Geistlicher und Gelehrter, der Budapester Prediger Dr. Samuel Kohn, in der anziehendsten Weise, in lückenlosen;, pragmatischem Zusammenhang bis zum heutigen Tage, erzählt?) Kohn ist »ns schon lange Zeit als tüchtiger historischer Forscher durch seine „Geschichte der Juden in Ungarn" bekannt. Sein vorliegendes Werk bekundet einen unleugbaren Fortschritt theils in Bezug auf die farbenreicherere Darstellung von anziehenden Kulturgeniülden, die oft bis zu genrehafter Kleinmalerei ausgeführt sind, theils in Bezug auf die Fruchtbarkeit der Forschung, welche uns eine Bereicherung der ungarischen Litteraturkunde aus bisher noch unbenutzten Quellen hoffen läßt. Das ungarische Sabbatarierthum, das mit anderwärts auftretenden Sekten nichts gemein hat, wie die ungarischen Gelehrten und mit ihnen Kohn schlagend Nachweisen, ist ein Seitensprößling der siebenbürgischen Reformation, ein Bastard des Unitarismns. Seine Hauptquelle ist die unmittelbare Beschäftigung mit dem Bibeltext, welche zur Erlernung der althebräischen Schriftsprache und schließlich zu einer übertriebenen Schätzung des Mosaismus führte. Auf die sabbatarische Gedanken- und Glaubensbildung hat kein äußerer Einfluß gewirkt, von einer jüdischen Propaganda war damals gewiß keine Spur. Das religiöse Bedürfniß allein war es, welches die Szekler antrieb, ihrem Gotte immer näher zu kommen, welchen sie im alten Testament wahrer geoffenbart glaubten, als im neuen. So durchläuft das Sabbatarierthum seine Geschichte, welche 1588 beginnt, ihren Höhepunkt unter dem Fürsten Gübor Bethlen, dessen Kanzler Simon Pöchy, der reiche Erbe des Sektengründers Eössy war, erreichte und von 1638 ab unter den konsequenten Verfolgungen sowohl der siebenbürgischen als der späteren Regierungen großentheils wieder mit dem Unitarismus verschmolz, nachdem Fürst Georg Rüküczi I. mit beispielloser Grausamkeit und Energie durch Vermögensberaubungen und Henkerbeil die Häupter der Sekte vernichtet hatte. Es war ein kurzer Glanz und eine kurze Blüthe, als unter den; Schutze des mächtigen und unermeßlich reichen Kanzlers Simon Pächy die Sabbatariergemeinden de»; Kultus des mosaischen Gottes, der andächtigen Befolgung seiner Vorschriften sich Hingaben und dem Christenthum nur historischen Werth beilegten, ohne seine Göttlichkeit fl „A szombatosok.“ Törteuelfik, doginatikajuk es irodalmuk. Kölönös tekintettel Pechy Simon fökancellär mietete es munkaira. Verlag des Athenäum, 1890.

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