Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 39 (9.10.1890)
- Date
- 1890-10-09
- Page
- Seite 508 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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508 nicht erinnert worden, bald vergessen, „so daß er in späteren Jahren nicht die kleinste Stelle des alten Testaments im Urtexte mehr verstehen konnte und er sich von den jüdischen Gebräuchen wie von ihm ganz fremden Dingen mußte wiedererzählen lassen." (Gutzkow S. 61). In seinen Schriften finden sich Anspielungen auf biblische Erzählungen, und einmal macht er eine Anwendung vom ersten Verse des Psalms, aber Alles kalt. Selbst eine Stelle, von der man meinen könnte, sie müsse ihm ganz vorzüglich zugesagt haben, die republikanische Warnung Samuels vor dein Königthum, wird citirt etwa wie eine äsopische Fabel; eine Hinweisung auf die Propheten würde man in allen seinen Schriften vergeblich suchen. Er hatte den Widerwillen gegen die Inden seiner Umgebung auf das gesammte Judenthum und alles Jüdische, auch auf die Bibel übertragen. Daher findet sich bei ihm nirgends etwas wie jene Aeußerungen Heinrich Heines, welche mit so hinreißender Gewalt die biblischen Schriften würdigen. Dies bringt uns auf sein Verhältnis; zum Christenthum. Börne hat sich, zweiunddreißig Jahre alt, 1818 taufen lassen. Wie er zum Judenthum stand, konnte ihm das Aufgeben desselben nicht schwer werden, und er hat die Taufe niemals benutzt, um dadurch etwas zu erlangen, was er als Jude nicht Hütte erreichen können. So lange es möglich war, hielt er sie geheim. Als er sich zur Aufnahme in die Frankfurter Lesegesellschaft meldete, ward er abgewiesen, „weil die Gesetze der Anstalt Israeliten ausschlossen. Nun war er doch Christ und konnte sich als solcher geltend machen! Dies verschmähte er." Erst einige Jahre später, als er, vor die Polizei gefordert, seine Religion angeben mußte, erklärte er, daß er Christ sei. War er denn auch wirklich Christ? Wenn Börne sich taufen ließ, so kann gar kein Zweifel darüber erhoben werden, daß er glaubte, Christ zu sein. Es liegen auch einige Aeußerungen vor, welche uns seine Ansicht vom Christenthum im Allgemeinen ziemlich klar erkennen lassen. Er schied wohl zwei Seiten an demselben: nach der einen mochte er darin die Erfüllung des Judenthuins sehen, nämlich die von jeder Aeußerlichkeit befreite, rein innerliche Erfassung der Gottheit und die ohne Schranke anerkannte Humanität, andererseits freilich spricht er sich sehr hart aus über die Entwickelung, welche das Christenthum genommen hat. Er tadelt dessen „Mythologie", wie er es nennt; und während er den Zauber des gothischcn Domes und des katholischen Kultus völlig versteht, tadelt er eine Münchener Prozession aufs bitterste (Nachg. Schr. I, 288, 322), und i so meint er auch (das. I, 292), „freie Staaten auf das Christenthum gründen wollen, ist ein Wahnsinn, der noch viele Jahrhunderte des blutigen Jammers über die Welt bringen wird." So weist er denn schließlich den Juden sogar für die Zukunft eine hohe Mission zu (Briefe aus Paris, 2. Februar 1833): „Die Nationalität der Juden ist auf eine schöne und bencidenswerthe Art zu Grunde gegangen; sie ist zur Universalität geworden.. .. Die Inden sind die Lehrer des Kosmopolitismus. Und weil sie die Lehrer des Kosmopolitismus sind, sind sie auch die Apostel der Freiheit." Keine Freiheit, meinte er, sei möglich, so lange sich die Nationen einander hassen und befehden. „Was die Völker trennt," sagt er, „vereinigt die Despoten; der wechselseitige Haß, der jene trennt und schwach macht, verbindet diese und macht sie stark." Nur eins hätte ich hier hinznzufügen, nämlich daß der jüdische Kosmopolitismus von den Propheten gelehrt worden ist. Ein sehr alter Prophet, wir wissen nicht einmal, wie er hieß — aber Jesaias und Micha, Beide überliefern uns seine Worte—, er sagt: „Und die Völker schmieden ihre Schwerter um zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Winzermessern; nicht wird heben Volk gegen Volk ein Schwert, und nicht lernen fürder sie den Krieg." Und der Prophet Micha glaubt ebenso wenig wie Börne, daß alle Völker eine Religion haben müssen. Er sagt: „Mag ein jedes Volk im Namen seines Gottes wandeln, wir aber wandeln im Namen unseres Gottes auf ewig und immer." Sehen wir nun, wie der Börne'sche Kosmopolitismus beschaffen ist. Börne, so wirft man ihm vor, hatte keine Vaterlandsliebe, er fühlte nicht als Deriischer. Und warum nicht? Weit er nicht mit dem vollen Brustton in die deutsche Ruhmcstrompete stieß! Seit wann ist es denir deutsch, die Tugend lind deli Ruhm des deutschen Volkes auszuposauncu? Das lvar nieinals deutsch, das hat niemals als deutsch gegolten, und Gott bewahre das deutsche Volk vor diesem zerstörenden Eindringling. Wie Börne für das deutsche Volk fühlte, >vie sehr er es liebte, das hat er vielfach unzweideutig ausgesprochen, Statt vieler Stellen nur eilre. In seinen „Schilderungen aus Paris" (XII) sagt er: „Darum rathe ich jeden; Deutschen, in Paris ohne Philosophie nicht auszugehen, itnd so oft er Gesellschaften besucht, zuvor einige Unser Vaterland still herzubcten. Ich kann die Telltschen versichern, daß sie nichts verloren, seitdem ich in Frankreich bin, vielmehr sehr gewonnen. Ich liebe sie jetzt, und mit der tvahrsteu, reinsten, uneigennützigsten Liebe — denn was könnten sie einem gelvinnsüchtigen (steifte in Knust, in Wissenschaft und im Leben mehr anbicten als die Franzosen? Aber sic haben lind gelvährei; etwas, >vas den Franzosen mangelt: die Freiheit im Denken und im Fühlen." Diese Denkfreiheit, die ehemals in Delitschland bestanden hat trotz der Censur, trotz der Heimlichkeit des Gerichts, trotz despotischer Minister, bildet so sehr den eigenthünilichcn Kern des deutschen Nationalgeistes, daß man doch wahrlich nicht befürchten sollte, sie könne verloren gehen bei Preßfreiheit, Versammlungsfreiheit, öffentlicher Gerichtsverhandlung und öffentlicher Sitzung der Volksvertreter. Nur ist zu beachten, daß unter den Gütern des Menschen, welche alle gefährdet sein können, keines so sehr und so andauernd in Gefahr ist wie die Denk- und Fühlfreihcit. — Damit man aber nicht glaube, daß Börne seine Ansicht über die Deutschen und sein Gefühl für sie, wie er sie 1823 ausgesprochen, später geändert habe, so genügt cs, seinen französischen Lobredner zu hören. Dieser sagte nach Börnes Tode: „Er liebte Frankreich im Interesse Dentschlands." Und so schreibt er selbst (am 22. November 1832), daß ihm „eigentlich nur an Deutschland i liege". Endlich aber (am 11. März 1833) schreibt er: „Als mir aber durch die Seele ging, lvns ich seit zwei Monaten niedergeschriebei;: die unerhörte Schinach, der unerträgliche Schmerz des Vaterlandes, und dachte: lind das Alles dem treuesten, dein edelsten, dem geistreichsten llilter den Völkern der Erde, dem Volke, das unter allen Kinder«; Gottes dem Vater am ähnlichsten geworden: allliebend wie er, allgegenwärtig wie er, allwissend wie er; und darum, weil es ihm so gleicht, wie Gott selbst, von den Teufeln der Welt am ineisten geschändet — da lnußte ich weinen." Und lvenn er nun dennoch häufig so bitter gegen die Telltschen sprach, wie leicht müßte es sein, a;is dieser Bitterkeit, aus dieser übermäßigen Heftigkeit seine übermäßige Liebe herauszuhören. Er wolle, sagt er (VI, 215), „das deutsche Volk anfwccke»; denn es schläft." „Man muß nicht aufhörcn," schrieb er im Jahre 1830, „die Deutschen zu ärgern; das allein kann helfen . . . man muß sie zum Nationalärger stacheln ... Man muß ihnen Tag und Nacht zurufen: Ihr seid keine Nation, ihr taugt nichts als Nation." Es Hütte leicht sein müssen, dies zu verstehen — inan hat es nicht verstanden. Allerdings steht für Börne Wahrheit und Recht höher als Patriotismus. Er sagt (VI, 192): „Die unwandelbare Freundschaft und der ewige Friede zwischen allen Völkern, sind es denn Träume?