Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 39 (9.10.1890)
- Date
- 1890-10-09
- Page
- Seite 507 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227865--47410-3268930- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
507 vertheidigen und große Mengen von Proviant in seinen Kammern aufzunehmen. Das Vorrathshaus von Pithom >var also gefunden, und der Spaten zog bald andere Trümmer ans Licht, welche lehrten, daß der in pharaonischer Zeit Pithom und Succoth genannte Grenzort unter dem Namen Hero und Heroonpolis bis in die römische Kaiserzeit fortbestanden habe. Die Reste eines Castrums für die Legionen des Cäsar wurden entdeckt, und aus ihnen ließ sich ersehen, daß unser Ort noch in später Zeit kriegskundigen Machthabern geeignet erschien, die Ostmark des Delta zu schützen. Auf die höchst interessante Inschrift aus der Ptolemäer Zeit, welche Naville hier entdeckte, und aus der sich ergiebt, das; die niazedonischen Beherrscher Aegyptens dieselbe ostafrikanische Küste, der wir Deutschen gegenwärtig unsere kolonisatorische Aufmerksamkeit zuwenden, auszubeuten verstanden, kann ich hier nur flüchtig hindeuten. Es geht aus ihr auch hervor, das; die Schiffe der Ptolemäer von Heroonpolis abscgeln konnten, und diese Notiz bestätigt die griechischen und römischen Aussagen über diese Stadt, welche längst auf die Bermuthung führten, das; der heutige Isthmus von Sues früher tiefer ins Land eingedrungen sei als heute, und Heroonpolis damals durch eine wahrscheinlich nicht allzubreitc maritime Wasserstraße mit dem Rothen; Meere verbunden gewesen sei. (Fortsetzung folgt.)? Ludwig Körne. Von Prof. Dr. H. Steinthal. Wie das Wachsthum der Pflanze durch die Beschaffenheit der Erdkrumc, aus der sie emporsproßt, bedingt ist, so der Entwickcluugsgang des Jndividuunls durch die geistige Atmosphäre des Ortes, wo i cs geboren worden und ausgewachsen. Börne ist nicht zu begreifen,! wenn man nicht daran denkt, daß er in Frankfurt a. M. geboren i wurde und gelebt hat. Es wäre freilich Thorheit, zu bestimmen, i was aus Börne geworden, wenn er 1786 nicht in Frankfurt, sondern in Hamburg oder in Berlin das Licht erblickt hätte; es liegt aber genügender Grund zu der Behauptung vor, daß er sich dann anders i entwickelt haben würde; und wenn man auch das zu behaupten nicht : wagen will, so steht doch dies fest: seine Vaterstadt mit ihren ganz j eigenen Verhältnissen hat bedeutenden Einfluß auf ihn geübt. i Die Mißstimmung, welche Börne gegen die Juden hegte, obwohl er öfter für ihre bürgerliche Gleichstellung mit vollster Wärme eingetreten , hängt eng zusammen mit seiner Ansicht von; Handel:; dem; die Juden Frankfurts waren Kaufleute. Wie spricht er nun i von ihnen? Er schreibt seiner Freundin 1821 (Nachg. Schr. I, 304 f.): „Jede Leidenschaft, jeder Wind ist mir willkommen, daß ich nur fortgetrieben werde. Doch ein Gebiet giebt es im menschlichen Leben, wo ich zur Eisscholle erstarre, die kein Frühling schmilzt — der Handel. An Herrn N. N. ist mir das so klar geworden. Das ist ein verständiger, gebildeter, ja geistreicher Geschüftsinann. Nun sollten Sie ihn reden hören über Rothschild, über Oesterreichische Anleihe u. dergl. Mit Entsetzen höre ich ihn an: diese Leidenschaftlichkeit, diese Gluth, diese Lebendigkeit, dieses Mienenspiel, diese Begeisterung. Es ist nicht die Habsucht, von der er mir ganz frei scheint; die würde ich bedauernngswürdig, aber erklärlich finden. Er spricht von solcher; Dinger; wie ein Kunstfreund von einem Rafael'schen Gemälde, das er mit Entzücken anschaut, ohne daß der leiseste Wunsch, das Kunstwerk eigenthümlich zu besitzen, seine Empfindung störe. Ist das nicht fürchterlich? Und so sind sie Alle in Frankfurt." Und einige Monate später, 1822, schreibt er aus Stuttgart (das. II. S. 132): „Der Widerwille gegen Handelsleute und gegen Juden als solche ist bei mir auf den höchsten Grad gestiegen, feitdem ich, entfernt von Frankfurt, gesehen habe, was das eigentlich heißt, sein Leben genießen." Hören wir nun dagegen, was er sechs Jahre später, 1828, aus Hamburg (Nachg. Schr. IV. 36) schreibt: „Hütte ich nur Zeit, das großartige Handelswesen zu studiren. Davon hatte ich gar keine Vorstellung. Die Börse zu sehen, verlohnte der Mühe, eine Reise von hundert Meilen zu machen. Es ist Alles hier echt republikanisch." Dann weiter (das. S. 110): „Was der Handel Großes, Schönes schafft, die Hafen, schwacher Menschen göttlicher Muth, Erfindungsgeist, Ehevereine zwischen Völkern —" Danach ist die Sache klar. Der Handel in Frankfurt bestand vorzugsweise in Geldgeschäften, und so waren ihm die Juden, Rothschild an ihrer Spitze, Wechsler und Papierer, deren Interesse mit der Erhaltung der deutschen Zerrissenheit und der österreichisch-russischen Beruhigung der Welt zusammenhing, also mit Allem, was ihm das Verhaßteste war. (Fragen und Aphorismen 235, Bd. VII, 93. Pariser Briefe, 1. Jan. 1831 u. 16. Febr. 1831.) Die Juden schienen ihm in; Bunde mit Metternich zu stehen. Dazu kommt aber nun das noch mehr ins Innerste greifende Verhältniß zu seinem elterlichen Hause; denn die Geburtsstütte ist die Lehrstätte der Religion. Er nennt seinen Vater „weltklug" und einen „Hofmann" (Nachg. Schr. II, 64, 68), von dem er nicht verstanden werde. Daher (1825) seine bittere Klage (das. III, 46): „Frankfurt ist mir verhaßt, und ich bin ungern in meinem elterlichen Hause. Es ist da so schwül." — Wo ihm aber in den Mannesjahren so schwül war, da war ihn; im Knabenalter so kühl, so kalt. Der Vater war ineist auf Reisen; die Mutter, schwach, stand wie das ganze Haus unter der Herrschaft einer alten Köchin, welche den Knaben Löb nicht leiden konnte und ihn bei jeder Gelegenheit gegen seine Geschwister zurücksetzte. Dadurch ward gewiß die freie Entfaltung des Geinüths gehemmt. Wichtiger aber ist der Geist des Vaters, der auch in dessen Abwesenheit in; Hause waltete. Börne's Erzieher war von ihm die Vorschrift ertheilt: Ueberschreiten Sie die traditionelle Erziehung nicht! So war der Knabe angehalten, die Ceremonien genau zu beobachten. Wer nun solches altjüdische Leben kennen gelernt hat, der wird mir Recht geben, wenn ich meine: das jüdische Haus könnte ebensowohl das Gemüth auf's feinste pflegen, wie auch im Gegentheil völlig ersticken; cs koinmt darauf an, wie die Ceremonie geübt wird: jenes Waschen und Beten, die Feier des Sabbath und der Festtage, das Essen und Trinken und das Fasten, der täglich zweimalige Besuch der Synagoge. Wenn z. B. der jüdische Vater sein Kind Freitag Abends segnete, legte er die Hand auf dessen Haupt und murmelte einige Worte. Wenn dabei aus der Hand und aus dem Munde des Vaters ein geistiges Fluiduni ins Herz des Kindes dringt, so ist die Wirkung voi; Heil, und das Kind bleibt in Rapport mit Vater und Großvater und den Ahnen und seinem Volke; wenn aber der Vater nichts mitzutheilen vermag, so ist sein Wort und seine Berührung profan, und der Knabe lacht. Und so ist alle Uebung religiöser Ceremonien mit dem echten Geiste ebenso erhebend und erquickend, tröstend und stärkend für das ganze Leben, wie ohne den Geist thöricht und das Gemüth ausleerend. — Auch der jüdische Lehrer Börne's, selbst mangelhaft gebildet, hat es nicht verstanden, ihm die Last der religiösen Ceremonie durch Vergeistigung derselben zu einer inneren Gottesverehrung zu gestalten. Seine Unterweisungen und Anleitungen, ungeschickt und kalt, ohne innerliche Erregung, ja mit Ueberdruß ertheilt, wurden vom Knaben nur mechanisch ausgenommen. Und was dieser so bis zu seinen; vierzehnten Jahre rein gedächtnißmäßig und in äußerlicher Uebung an Kenntnis; der Bibel und des Judenthums ohne jede i Gemüthswäriue ausgenommen hatte, ward, da es ferner nicht geübt,