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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 506

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 506 (sequence 6)
Language
German
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506 ragte zur Zeit des Exodus ein großartiges Heiligthum dem wolkenlosen, purpurblauen Himmel dieser Landschaft entgegen. Von den Wohnhäusern der Bürger blieb wenig erhalten, doch lassen sich mehrere Grundrisse noch wohl unterscheiden. Auch nach dem Auszug blieb Tanis eine bedeutende Stadt, die noch Strabo und Stephanus von Byzanz „die große" nennen. Von ihr, die nach dem Könige, der das Meiste für sie gethan und am liebsten in ihren Mauern Hof gehalten hatte, „die Ramsesstadt" genannt ward, von ihr, die alte Erinnerungen des jüdischen Volkes als den Schauplatz des Verkehres zwischen dem Pharao und Mose bezeichneten, muß die Bewegung ausgegangen sein, welche die Israeliten von den Aegyptern losriß. Haben sich — wofür Vieles zeugt — unter den Semiten von Zoau auch Hebräer befunden, so müssen gerade sie den Auszug begonnen haben, und das zweite Buch Mose's lehrt, welche Richtung sie nahmen. Es hat übrigens noch einige andere Orte in Aegypten gegeben, welche den Namen „Ramses" führten, wie es auch später mehrere Alexandrien gab; keiner aber darf mit größerer Wahrscheinlichkeit für die Ausgangsstätte des Exodus angesehen werden, als das erwähnte Zoan-Tanis-Ramses; und von dein aus lassen wir darum auch im „Josua" die Wanderung beginnen. Succoth wird in der Schrift als erste Lagerstätte des Volkes bezeichnet. Man hat diesen Namen gewöhnlich „Zelte" gedeutet und seine Lage unbestimmt lassen müssen. Wir sind besser gestellt; denn die im Auftrag des schon erwähnten „Egypt exploration fund“ unternommenen und andere jüngere Ausgrabungen des Genfer Aegyptologen Naville haben uns jüngst mancherlei neue für die Erklärung des zweiten Buches Mose's höchst wichtige Aufschlüsse geliefert. Im östlichen Delta hat der von de Lesseps angelegte Süßwasserkanal, welcher in der Mitte des Asien und Afrika verbindenden Isthmus beim Timsahsee gen Mittag abschwenkt, um bei Sues, das er mit trinkbarem Naß versorgt, sich ins Rothe Meer zu ergießen, vor der Wendung nach Süden ein fruchtbares Thal geschaffen, das unter dem Namen des Wadi Tumilat bekannt ist; denn wo das Nilwasser die Wüste berührt, wird sie zum Garten, wo im ägyptischen Fruchtland die Wasserader verstecht, die es tränkte, muß es zur Einöde werden. Schon die ägyptische Mythe versinnbildlichte diese Erscheinung, indem sie den Osiris (Nil), die Nephtys, das Weib des Seth (hier die Wüste) umarmen, und wo sie zusammen geruht, süßen Klee ergrünen ließ. So hat denn auch in einigen zwanzig Jahren der Lessepsche Süßwasserkanal ein ödes Thal in gutes Ackerland verwandelt, und am östlichen Ende desselben in der Breite des Timsahsees und nur wenige Kilometer von ihm und der Wasserstraße entfernt, die nunmehr das Rothe mit dem Mittelmeer verbindet, erhebt sich ein Denkmal, das für die biblische Geographie besonders wichtig zu werden verhieß, weil es auf der Vorderseite die Gestalt Ramses 1 l., des Pharao der Bedrückung, zeigt, die zwischen den Göttern der Morgen- und Abendsonne. (Ra Harmachis und Tum) thront, während seine Rückseite den Namen desselben Königs in sechsmaliger Wiederholung zeigt. Es wurden auch große zum Theil mit Strohstücken untermischte Nilziegel in der Nähe dieses Monumentes gefunden, und so lag es auf der Hand, zu vermuthen, daß! es die Stätte des biblischen Ramses bezeichne. In jedem Falle hatte! der Herrscher dieses Namens sich hier als Bauherr thätig erwiesen und! wahrscheinlich den Ort, für den dies geschehen war, „Ramses" genannt; ' die erwähnten Ziegel aber mußten an 2. Mose 1, 11 erinnern, wo j es heißt: „Und es baute das Volk dem Pharao Vorrathshäuser (Miskenuth') Pithom und Ramses," sowie an 2. Mose 1, 13 und 14, j ’) Vielleicht des ägyptischen Mesket, das besser „Tempelhaus" zu übersetzen wäre, da man sich dieses Wortes bediente, um öffentliche und > wo wir lesen: „Und die Aegypter zwangen die Söhne Israels zun, Dienst mit Härte und verbitterten ihnen das Leben mit schwerem Dienst in Thon und Ziegeln rc." Endlich wiesen sie auf die folgende Stelle 2. Mose 7 und 8: „Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh geben, Ziegel zu machen, >vie gestern und vorgestern; sie sollen selbst gehen und sich Stroh zusammenstoppeln. Aber das Maß der Ziegel, welches sie gestern und vorgestern machten, sollt ihr ihnen auferlegen, ohne etwas davon abzuziehen." Sie werden zugeben, verehrter Freund, daß die Forschung, als sie an einer Stelle des östlichen Delta, welche sie zu Gosen zähle» mußte, den Namen Ramses mehrfach inschriftlich erwähnt und daneben mit Stroh vermischte große Ziegel fand, sich versucht fühlen durfte, diese Stelle für den Platz zu halten, auf dem sich in mosaischer Zeit der neben Pithom erwähnte Ort Ramses erhob. Ich selbst bin ei» Vorkämpfer dieser Meinung gewesen, und es hat vielleicht in der That das Ramses-Denkmal von Tell el-Maschuta zu einer Vorstadt des sogleich zu erwähnenden Ortes gehört, die man das „Ramsesquartier" nannte; das „Ramses" des Auszuges muß indeß Zoan- Tanis gewesen sein. Für die Bestimmung der Lage des Pithom, wo die Hebräer die gleichen Zwangarbeiten „in Thon und Ziegeln" zu verrichten hatten wie dort, haben uns neue Ausgrabungen willkommene und sichere Dienste geleistet. Diese von dem Genfer Aegyptologen Naville im Auftrag des „Egypt exploration kund" mit großem Geschick, Fleiß und Glück llnternommenen Arbeiten entschieden auf einen Schlag die Frage, wo Pithom und Succoth zu suchen seien, und verboten ferner, das 2. Mose 1, 11 erwähnte Ramses in die unmittelbare Nähe des Denkmals von Tell el-Maschuta zu verlegen. Sie zwangen auch zu der Annahme, daß in mosaischer Zeit der westliche Arm des Rotheu Meeres, den wir heute den Golf von Sues nennen, sich weiter in das Land hinein gestreckt habe, als in unseren Tagen, und schenkten uns endlich die Möglichkeit, mit Augen zu sehen und mit Händen zu greifen, was die Schrift unter den Vorrathshäusern (Miskenuth) von Pithom lind Ramses versteht. Diese Grabungen sind es auch, die uns zu derjenigen Deutung des biblischeil Auszligsberichtes zwangen, die wie Sie, lieber Freund, mancheii Leser des „Josiia" überrascht haben wird, und die doch von Jedem, der sich in die neu gewonnenen Denkmäler und ihre Inschriften vertiefte, als die einzige mögliche und richtige angenominen werden muß. Bei Tell el-Maschuta wurden nämlich die Reste einer Stadt zu Tage gefördert, die den Tum als vornehmsten Lokälgott verehrte, und deren Haupttempel ihm darum geweiht war. Die dem Boden entzogenen Trümmer dieses Heiligthums sind zum Theil mit HieroglYphenreiheu bedeckt, welche lehren, daß die Stadt, die hier einst stand, wie jede andere in Aegypten, zwei Namen, einen heiligen und einen profanen, führte. Der erstere hieß Pithom (d. i. Haus oder Wohnung des Tum) und fand vornehmlich auf den Tempclbezirk Anwendung, der zweite wurde Thekut genannt, das ist das hebräische Succoth/) und die Wohustatt der Bürger, zu denen viele Seniiten gehörten, ward mit ihm bezeichnet. Dies Thekut (Succoth) hatten wir schon früher durch Handschriften aus der Zeit des Pharao der Bedrückung als einen Grenzort der ägyptischen Ostmark kennen gelernt, und es konnte nicht überraschen, als die Naville'schen Ausgrabungen hier die starten Mauern eines Bauwerkes dem Sande entzogen, das dem doppelten Zweck gedient hatte, die Stadt z» monumentale Bauten überhaupt zu bezeichnen; solche aber waren unbedingt auch die Miskenuth, deren die Schrift erwähnt, und von denen sich wenigstens eins, wie wir sehen werden, bis auf uns erhielt. /) Der hieroglyphische Buchstabe, den wir th umschreiben, wechselt mit dem hebräischem D-

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