Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 39 (9.10.1890)
- Date
- 1890-10-09
- Page
- Seite 505 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227865--47408-3268928- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
505 Neile Auffassung einiger Stellen des biblischen Exodnsberlchtes. Ein Brief an Herrn Dr. Gustav Karpeles. Von Georg Ebers. Lieber und verehrter Freund! Sie theilen mir in liebenswürdiger Weise mit, daß manche geographische Einnahme, die ich in meiner Erzählung „Josua" als begründet voraussetze und deren ich, weil sie von den Resultaten früherer Exegcten abweichen, auch in der Vorrede der genannten Dichtung gedenke, bei vielen Lesern dieser Zeitschrift Bedenken oder doch Verwunderung erweckt habe und sprechen den Wunsch aus, diesen von mir selbst die Gründe vorführcu zu lassen, welche mich z. B. bestimmten, das biblische Zoan die Ramsesstadt zu nennen, und es also dem Ramses der Schrift gleich zu sehen. Sie verlangen ferner erklärt zu sehen, weswegen ich die im zweite» Buche Mose's erwähnte Stadt Pithom mit der Exodus-Station Sueevth Eins sein lasse und hier von der Eroberung eines befestigten Borrathshauses berichte, von der doch die Schrift nichts vermeldet. Auffallend erscheint Ihnen außerdem meine Bestimmung der Station Dophka und die Annahme, daß daselbst Bergwerke bestanden und die Auswanderer die zur Zwangsarbeit in die Minen vcrurtheilten Brüder befreit und in ihre Reihen aufgenoiinnen hätten, obgleich im ganzen Pentateuch nichts dergleichen erzählt wird. Endlich fragen Sie, warum ich den Josua vor dem Auszüge als Befehlshaber im ägyptischen Heer dienen lasse, und besonders wünschcnLwerth wäre Ihne» die Begründung meiner Annahme, daß der heute „Scrbül" genannte Berg, der die Oase Firän stolz überragt, »ud nicht die eine starke Tagereise weiter südlich gelegene Tschcbcl Mnsagruppc, welche seit der Zeit des Justinian für den Berg der Gesetzgebung gehalten wird, der Sinai der Schrift sei. Diese Annahmen widersprechen allerdings sünnntlich alten, festgewurzelten Lehren, doch habe ich sie nicht leichthin gewonnen, sondern aufGniud langjähriger Beschäftigung mit der hieroglyphischen Litteratur auf Stein und Papyrus, sowie mit Hilfe einer mühcvolleu Durchforschung der griechischen und lateinischen Schriften, welche sich auf bas früheste christliche Leben in der steinigen Einöde der Sinaihalbinsel beziehen. Das Resultat dieser Forschungen ward sodann an Ort und Stelle einer möglichst unbefangenen Prüfung unterzogen. In meinem Buche: „Durch Gosen znin Sinai"') finden sich die meisten dieser Annahmen eingehend begründet; doch Sie wollen sich nicht mit uicincm Hinweis auf dies Werk begnügen, und wenn ich nun das dort Gesagte hier kurz und übersichtlich zusannnenfassc und dabei in Folge der jüngsten wissenschaftlichen Erwerbungen Manches in ein neues Licht rücke, so geschieht es nicht nur, unr die Treue meiner Darstellung zu vcrtheidige», sondern, Allem voran, weil es mir am Herzen liegt, dem für wahr Erkannten in denjenigen Kreisen Geltung zu verschaffen, ivelche naturgemäß das größte Interesse an diesen Dingen nehmen. Nach den folgenden Darlegungen werden diejenigen, denen der Pentateuch ein heiliges Buch ist, dessen willkürliche Veränderung auch dem frei gestaltenden Dichter nicht zustchcn tvürde, erkennen, daß ich, weit entfernt, seine Angaben meinen poetischen Zwecken unterzuordnen, nur bestrebt war, dieselben so zu schildern, wie es mir eine Vergleichung der im zweiten Buche Mose's dargestellten Ereignisse mit den Denkmälern und ihrem heute »och unveränderten Schauplatz zur Pflicht machte. 0 Georg Ebers: Durch Gosen zum Sinai, aus dem Wanderbuche und der Bibliothek. 2. verbesserte Auflage. Leipzig. W. Engelmann. 1882. Die erste Frage: Darf das Zoan der Bibel, das sicher dem späteren griechischen Tunis entspricht, für das Ramses der Schrift gehalten werden? ist zu spezieller Natur, als daß ihre eingehende Beantwortung vielen Ihrer Leser willkommen sein dürfte. Es sei darum nur gesagt, daß der Psalmist Zoan-Tanis (78, 12) als diejenige Stadt bezeichnet, auf deren Gebiet Mose seine Wunder vor dem Pharao verrichtete, daß mehrere Papyri, welche aus der Zeit Ramses II. und seines Sohnes Menephtahstammen, diewir allgemein fürdiePharaonen derBedrückung und des Auszuges halten, denselben Ort als „das Haus" oder „die Wohnung", „die Stadt", „den erlauchten Tempel", „die Veste" des Ramses bezeichnen, und daß in denselben Handschriften eines Bauwerkes (bechennu) des Pharao, „das sich ain Orte des Ramses Miamun befindet", erwähnt wird. Dies „bechennu“ ist ein festungsartiges Gebäude, das zugleich zur Aufbewahrung von Vorräthen dienen konnte und darum sehr wohl für eins von jenen Miskenuth gehalten werden darf, welche die Hebräer nach der Schrift zu Ramses und Pithom für den Pharao zu errichten hatten, und von denen wir das zweite in der letztgenannten Stadt wiederfinden werden. Das Zoan-Tanis, welches die Papyri, wie gesagt, auch die Ramsesstadt nennen, war eine oft und gern von den Königen, die hier in Frage konunen, bewohnte Residenz, von der aus wir besonders Ramses II. seine Kriegszüge nach Asien antreten und sie auch durch Friedensverträge abschließen sehen. Es muß auch — dies lehren die Denkmäler — neben der ägyptischen eine zahlreiche semitische Bevölkerung beherbergt haben, und der König war ihr so wohl gewogen, daß er sie mit Bauwerken schmückte, welche an Pracht und Größe nicht weit hinter denen von Theben zurück standen. Sie sind längst zusamluengestürzt, und die Zerstörung, der sie anheim sielen, war so gewaltig, daß man sie einem Naturereigniß zuschreiben möchte; denn wo einst der prachtvolle Tempel stand, den Ramses II., der Pharao der Bedrückung, im Anschluß an ältere Heiligthümer aus rothbraunem Granit errichten ließ, war, als wir die Stätte der vernichteten Residenz besuchten, nichts übrig geblieben als ein in malerischem Wirrwar aufeinander gethürmtcs Gehüuf von mächtigen Werkstücken, geborstenen und in viele Theile zerschlagenen Säulen, gestürzten Kolossen und den Fragmenten eines ganzen Dutzends von hohen, nunmehr in Stücke zerschmetterten Obelisken, die einst paarweise die Pylonen des Haupttempels von Tanis geschmückt hatten. Ein gleich wirkungsvolles Bild der zerstörenden Macht der Natur, der Zeit oder des Hasses, eine beredtere Mahnung an die Vergänglichkeit auch des größten und am festesten Gefügten hienieden ist lins nirgends begegnet, und heute noch drängt sich mir in stillen Stlmden die Frage auf, wer sich wohl, wenn hier kein Erdbeben vernichtend wirkte, der tollen Anstrengung unterzogen haben kann, so viele gewaltige Granitquadern, Rund- und Spitzsäulen zu zerschlagen, und festgegründetes Gemäuer sammt seinem Schmuck an Sphinxen und Statuen in den Staub zu werfen unb weithin umherzustreuen. Wer gegenwärtig diese Trümmerstätte, welche sich an das Fischerdorf ('.an el-Hagr im nordöstlichen Delta schließt, besucht, dem tritt ein weniger malerische?, doch wohl noch reicheres Bild vor Augen; denn der britische Archäolog Flinders Petrie legte durch gewaltige Grabungen, die er auf Kosten des englisch-amerikanischen „Egypt exploration fund" unternahm, die gesummten Denkmälerreste dieser Stadt frei, und wo früher die Trümmer so znsammengehäuft lagen, wie es der Zufall fügte, da sieht man jetzt Stollen und Gräben, die der Spaten geschaffen, und neben ihnen oder auf ihrem Grunde die Fundameilte der zerstörten Bauten und die zurückgebliebenen von der Hand des Bildhauers bearbeiteten Steine, die so lange die Tempel von Tanis schmückten. In dem Seth der Acgypter verehrten die hier ansvssigen Semiten einst ihre Baalim, lind zu Ehren dieses Gottes