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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 504

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 504 (sequence 4)
Language
German
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504 machte, und haben hier nur Weniges hinzuzufügen. Daß in der Reihenfolge der Schöpfungen der Mensch die letzte Stelle einnimmt, hat doch offenbar die Bedeutung, daß Alles, was vorangegangen, zum Gebrauch und zum Nutzen des Menschen geschaffen worden, was ja übrigens auch aus 1. Mos. 1, 29 folgt. Ein Volk, dessen Dichter und Lehrer Alles, was Gatt geschaffen hat, für gut erklären, die Erde sammt Allem, was sie hervorbringt, Pflanzen und Thiere, für den Gebrauch des Menschen bestimmt bezeichnen, ein solches Volk ist mit der Gestaltung des menschlichen Lebens zufrieden und erfaßt, was das Leben ihm bietet, mit frohem, heiterem Muthe.') Diese Freude am irdischen Dasein erzeugt und erhält nicht blos jene geistige Frische, die wir Elastizität des jüdischen Geistes nannten, sie giebt uns auch eine Erklärung dafür, daß sämmtliche biblische Bücher kcuim eine leise Andeutung von einer Fortdauer der Seele nach dem Tode des Leibes enthalten. Sie sind eben weit davon entfernt, die Erde als ein Jammerthal, das menschliche Leben als eine uns wider unseren Willen aufgelegte Reihe von Leiden und Schmerzen zu malen. Die Sterbeszenen, wie sie uns von einem Jakob, Moses, David, wie sie uns von berühmten talmudischeu Gelehrten berichtet werden, sind von diesem Geiste der Befriedigung und der an das Leben dieser Welt geknüpften Leistungen durchdrungen; erhebend ist die Ruhe, mit der jene großen Gestalten des Alterthums dem Schluffe ihrer irdischen Thätigkeit entgegensahen. Betrachtungen über und ausführliche Schilderungen eines jenseitigen Lebens, an denen es auch in der nachtalmndischen Litteratur, beim Niedergange des Schristthums nicht fehlt, sind stets eine Folge der Unzufriedenheit und der in einzelnen Fällen wohl begründeten Zerfallenheit mit dem irdischen Dasein. Ohne die Fortdauer der menschlichen Seele leugnen zu wollen, haben die Juden in drangvollen Zeiten der Verfolgungen auch ihr Leben der Anhänglichkeit am Glauben zum Opfer gebracht; daß man aber das Martyrium aufgesucht habe, davon ist mir keiEBeispiel bekannt. Wie hat sich nun wohl auf Grund der optimistischen Anschauung Israel seinen Gott gedacht? — Nun, zunächst liest es auf der ersten Seite seines heiligen Buches zu wiederholten Malen: Gott sah, daß es gut war; an einer anderen Stelle: „Gott freut sich seiner Werke". Das kann doch kein Gott sein, vor dem man stets sich in Angst und Zittern fühlen muß. Ueber diesen „Gott des Schreckens und des Zornes", den man dem Judenthum, vielleicht der Folie willen, oktroyirt hat, möchte ich hier am liebsten gar nichts sagen; denn wenn ich auch noch so viele Citate aus Bibel und Talmud anzuführen im Stande wäre, so zweifle ich doch, ob meine Leser sich die Mühe geben werden, die Citate aufzusuchen. Da ich aber doch weiß, daß eine optimistische Weltanschauung sich nicht einen Gott des Schreckens rc. konstruirt, so begnüge ich mich mit folgender Bitte: Man rufe sich in das Gedüchtniß zurück, was man von den Erzählungen der Schrift aus den Zeiten der Erzväter Abraham, Jsak und Jakob gehört hat. Die naiven, fast kindlich zu nennenden Geschichten von dem Umgänge Gottes mit den Menschen, diese lieblichen, stets von Neuem anziehenden Sagen eignen sich zwar schwer zur Unterlage für eine philosophische Konstruktion des Gottesbegriffes, aber wir finden in ihnen, daß die Erzähler in der That zu ihrem Gotte stehen, wie ein Kind zum liebevollen Vater, der indes; bei aller Liebe doch zuweilen ein recht ernstes und strenges Gesicht machen kann und nwchen ') Bekanntlich hat der Talmud für eine ganze Reihe von Genüssen verschiedenster Art besondere Benediktionen vorgeschrieben; u. A. Berachot 43 b: „Wer im Frühlingsmonate hinausgeht und blühende Bäume sieht, spreche: Gepriesen sei, der nichts in seiner Welt fehlen ließ, darin auch schöne Geschöpfe und schöne Bäume geschaffen, um dem Menschen Vergnügen zu bereiten." — Die Sünde, für welche ein Nasir zu büßen hat (4. Mos. 6, 11), besteht nach Baba Kamma 911» darin, daß er ohne Noth sich den Wein versagt habe n. dergl. muß. Schließlich ist ja, »venu von dem Verhältnis; Gottes zu deu Menschen gesprochen wird, in der Schrift fein Gleichnis; häufiger, «k das eines Vaters zu seinem Kinde. Was wäre das aber für ei» Vater, der von seinem Kinde nicht auch zu Zeiten gefürchtet würde? Wer von uns hätte and) iit jüngeren Jahren seinem Vater oder seiner Mutter darum weniger Liebe zugcwendet, wer wäre darum von der Güte und Fürsorge der Eltern weniger überzeugt gewesen, weil sie das Kind zur rechten Zeit mit einer Züchtigung bedacht haben! Brauche ich zu erzählen, welche Erziehuugsrcsultate der König David an seinen Söhnen Absalon und Adonija erlebt hat? Fragen wir lins weiter: Wie gestaltet denn dasjenige Buch, auf dessen erstem Blatte das „Gott sah, daß es gut war" wiederhob wird, das jüdische Leben? Dieses Gesetzbuch macht cs dem Israeliten zur Pflicht, zu gewissen Zeiten sich zu freuen. Ta, wo im 3. Buche Moses im 23. Kapitel von der Ergreifung der vier Pflanzcnarten, die wir vulgo „Lulab" nennen, gesprochen wird, heißt es mit Au schluß daran: „Ihr sollt euch freuen vordem Ewigen, eurem Gotte. Noch ausführlicher und eingehender bespricht das 5. Buch Moses dief Freude „vor Gott", indem es nicht weniger als zehn Mal diese Freude dem Israeliten zur Pflicht macht. Welcher Art diese Freud, sein solle, wird in nicht zu verkennender Weise weiter gelehrt. Be> den Wallfahrten nach Jerusalem, zumal bei dem Hauptfestc, den, Herbstfeste, dem Feste der Einführung der Feldfrnchtc in die Scheuern, mit dem zugleich die Abtragung der Zehnten verbunden war, unserem jetzigen Hüttenfeste, soll man nach dem Worte der Schrift sich freuen mit dem, „was die Hand erlangt, je nach dem Segen, den Gott ge schenkt hat."') „Ihr sollt euch freuen vor dem Ewigen, eurem Gotte, ihr, eure Söhne und eure Töchter, eure Knechte und cm. Mägde und der Levite, der in euren Thoren wohnt, und der keinen Feldantheil hat."') „Und du sollst dich freuen an deinem Feste, du und dein Sohn und deine Tochter und dein Knecht und deine Magd und der Levite und der Fremdling und die Waise und die Wittwe. Sieben Tage sollst du festfeiern deinem Gotte an dem Orte, den er erwählen wird, denn segnen wird dich Gott an allen deinem Ertrag und deinem Hündewerk, und du sollst nur freudig sein."") Ich darr mich wohl der Blühe überheben, sämmtliche auf die Festesfreude bezüglichen Stellen des genannten Gesetzbuches auzuführen; sic drücken alle einen doppelten Gedanken aus, der dieser Freude zu Grunde liegt, nämlich erstens des freudigen Dantes an Gott, den Geber aller Guten; zweitens der Bcthätigung dieses Tankes, indem man von dein erhaltenen Segen auch denen mittheilt, die des Segens nicht in demselben Maße theilhaft geworden sind. Zu diesen mit Glncksgütern weniger Bedachten gehören, wie wir eben gesehen, und wie ich hier beiläufig hervorhebe, die Leviten, also derjenige Stamm, der in alten Zeiten die Funktionen des Lehrers auszuüben hatte, und die Priester. Daß die Lehrer arm waren, wird Niemanden Wunder nehmen; aber auch die Priester waren nicht reich. Sie sollten ja keinen Grundbesitz haben, also von einem ckoinininm teinpvuulo nicht den brscheidensten Anfang. Die Propheten, welche die Fehler des zeirgenössischen Priesterstaudcs mit harten Worten rügen, spreche» nie davon, daß er ein üppiges Leben führe, und daß die Amtsnachfolger der Priester, die Schriftgelehrten und Rabbiner, nn Rcichthum geschwelgt hätten oder noch schwelgen, hat auch der erbittertste Feint des Judenthums nicht auszusprechcn gewagt.') lFortsetznng folgr. ü. Mos. 16, 10. -) Das. 12, 12. 3) Das. 16, 14. 4) Sie habe», einer alten Tradition zufolge, den von Jakob üb« die „Brüder" Sinion und Levi (1. Mos. 49, 7) ausgesprochenen F1»1 zu tragen. (Rasch! das.)

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