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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 503

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 503 (sequence 3)
Language
German
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503 Sollte nicht mancher unserer Leser von einem in de» Winkel gestellten,- bestaubten, unbeachteten Bilde gehört haben, das nach entsprechender Reinigung sich als das Werk eines alten Meisters kund gegeben? — Daß das Judenthum in den Winkel gedrängt worden, wird wohl nicht bestritten werden; vielleicht gelingt cs, nicht ein Kunstwerk zu erzeugen, aber von dem Kunstwerk Staub und Schmutz;n entfernen und dasselbe in seinem Glanze wieder aufzuzeigen. Gott sah, daß es gut war, das heißt: Gott schuf Alles so, daß es gut war; das heißt nicht, daß es für den augenblicklichen Genuß daß es für einen vorübergehenden Bedarf gut war; sondern es solle -er Art gestaltet sein, daß es nicht blos dem Einzelnen, sondern der Gesammtheit, nicht blos für jetzt, sondern für alle Zeit förderlich »nd segenbringend sei. Daß es so sei, dazu ist das Behagen an dem! gestatteten Genuß ein unentbehrliches Ingrediens. Wäre dem Judenihuni, d. h. dem von seiner Religion eigenthümlich gestalteten Leben des jüdischen Stammes, das Moment der Heiterkeit und der Freude vollkommen fremd geblieben; bildete dieses Moment nicht einen ivesentlichen Bestandtheil in dem Komplex der Anschauungen und Pflichten, welche das Judenthum kennt, so wäre die Erhaltung des oudenthums bis auf den heutigen Tag ein noch viel größeres Wunder, als es das in der That ist, ja es wäre ein unlösbares Aäthsel! — Wäre im Judenthum die Vorstellung von der düster«, verstimmenden, niederbeugenden Seite des menschlichen Lebens ausichließend oder auch nur vorherrschend gewesen; wären seine Jnstiintionen nur darauf berechnet, die Schwäche, die Sündhaftigkeit, die Vergänglichkeit des Menschen in den Vordergrund zu stesten; hätten mite Lehrer sich darauf beschränkt, ihre Jünger von den Genüssen, den Schönheiten, den anmuthigen Gebilden der Schöpfung abzuwenden; hätten sie sich bestrebt, das irdische Leben als eine Qual, die Erde als einen Aufenthalt des Leidens und des Jammers darpistellen: so wäre — unter Hinzurechnung der Schicksale, die dem ondenthum beschieden waren — ein kleiner Theil des Judenthums oder vielmehr der Judenheit zu einem Konventikel zusammengeschmolzen, das sich in klösterlicher Abgeschiedenheit von der Welt zurückgezogen, während der größere Theil, wenn er überhaupt noch mstirte, in rohem Sinnentaumel untergegangen wäre. Denn solches ist das Schicksal aller Geistesrichtungen, die vom irdischen Leben nur dessen Schattenseiten erkennen wollten, daß sie entweder auf jede vheilnahme an demselben verzichteten, oder in thierischem Genüsse, ivas dasselbe bot, sich zu Nutze machten. „Da ist Wonne und Freude; «schlaget Rinder, schlachtet Schafe, esset Fleisch, trinket Wein; esset »nd trinket, morgen sterben wir ja."') Dieser Verzweiflung an sich selbst tritt auch ein anderer Prophet mit Entschiedenheit entgegen: .Was euch aber in den Sinn kommt, das wird nicht sein; daß ihr nämlich saget: Wir werden sein wie die Völker, die Geschlechter der i'ibe, daß wir Holz und Stein anbeten."') Aus solcher Zuversicht schöpften ja auch die Propheten in den schlimmsten Zeiten ihre Erwartung auf ein künftiges Glück; ein Gegenstand, auf den wir »vch zurückzukommen gedenken. „Gott sah, daß es gut war", d. h. nicht, wie wir oben gesagt, daß es für ein vorübergehendes Bedürfniß gut war. Diirfte « ein Fehlschluß sein, wenn wir aus der optimistischen Weltanschauung, welche das Judenthum trotz seiner Lasten, trotz seiner Leiden durchdringt, noch eine andere Wahrnehmung erklären, die man als die Elastizität des jüdischen Geistes zu bezeichnen pflegt? Auch von dem gewaltigsten Drucke niedergehalten, richtet sich der jüdische Geist, io wie der Druck nachzulassen beginnt, mit einer Erstaunen erregenden ') Jesaia 22, 13; ähnlich wie das nos munerns sumus et fruges ''"iisumere nati bei Horat. Epist. I, % 27. -) Ezech. 20, 32. Kraft auf, die auch hinreicht, den noch bestehenden Theil des Druckes abzuschütteln. Was sonst in der sinnlichen Welt ein Kennzeichen niedrigster Organismen ist. daß sie, Hunderte von Jahren hindurch von Luft und Wärme abgeschlossen, mit dem Zutritt dieser Elemente wieder zum Leben erwachen, das ist auf geistigem Gebiete das Kriterium eines höheren Daseins. Und solches ist mit dem Jndenthum geschehen. So wie der Winterfrost der Unduldsamkeit und des Hasses vor der Sonne der Menschlichkeit und der Anerkennung schmolz, gelangten die in der Tiefe verborgenen Keime zur fröhlichen Entfaltung, so daß der Jude bei den Geistesträgen, bei den Privilegirten, bei den Krämerseelen deren Ahnen keinerlei Beschränkungen unterlegen haben, Neid und Scheelsucht hervorruft. Es gewährt einen fast komischen Eindruck, zu sehen, wie man in aller Eile, zitternd vor geistiger Konkurrenz, sich bemüht, noch einige Thore zu schließen, durch welche einige Juden sich eindrängen könnten, um sogleich — „das ist ja Sitte der Juden" — Alles, Alles zu „überschwemmen". Um uns gegen den Vorwurf eines Fehlschlusses zu verwahren, dürfte es uns gestattet sein, nochmals auf die Beziehung der optimistischen Lebensanschauung zu der Elastizität des jüdischen Geistes einzugehen. Wunderbar, wie wir vorhin uns ausdrückten, wollen wir die Erhaltung des Judenthums nur insofern nennen, wie man von auffallenden Erscheinungen, deren Ursachen uns nicht sofort klar werden, sagt: „sie seien wunderbar". Wenn wir aber den Ursachen uachspüren, denen das Judenthum seine Erhaltung verdankt, so wird in demselben Maße, wie die Wunderbarkeit, d. h. die Unbegreiflichkeit abnimmt, die Bedeutsamkeit steigen. Die Ursachen zur Erhaltung einer Religion können sein: äußere und innere. Unter äußeren Ursachen verstehen wir diejenigen, welche aus den Machtverhältnissen der Bekenner einer Religion hervorgehen. Beispielsweise hat der Muhamedanismus sich über diejenigen Länder verbreitet, die von den Anhängern Mnhameds erobert und unterworfen worden, ist aber in den Ländern untergegangen, die von Bekennern einer anderen Religion bezwungen wurden, so z. B. auf der pyrenäischen Halbinsel. In Beziehung auf das Judenthum kann von äußeren Ursachen nicht wohl die Rede sein; es sind jetzt beinahe zweitausend Jahre, seitdem es jeder äußeren Macht entkleidet ist. Wir werden uns also hier auf die inneren Ursachen beschränken, d. h. auf diejenigen, welche aus den Lehren und Lebensgestaltungen einer Religion hervorgehen. Diese Lehren und Lebensgestaltungen lernen wir kennen: 1. aus den als normativ anerkannten Schriften, mit anderen Worten: aus der religiösen Litteratur, also vulgo: Bibel, Talmud, Rabbincn; 2. aus der Geschichte der betreffenden Religionsgemeinde. Indes; sind dies in dem uns vorliegenden Falle nicht zwei neben einander selbstständig hergehende, von einander unabhängige Quellen. Diejenigen Schriften, die man als religiöse zu bezeichnen pflegt, sind eben aus dem vollen Leben hervorgegangen, wenn sie auch dasselbe zu leiten und in bestimmte Bahnen zu lenken bestimmt waren. Auch die größten Männer, welche Israel erzeugt hat, sind eben Kinder Israels gewesen, ihre Lehren, ihre Vorstellungen sind aus dem Leben des Volkes erwachsen, und selbst nachdem ihre Schriften als heilige anerkannt und verehrt worden, lebten sie das Leben des Volkes mit, wurden nach den jeweiligen Bedürfnissen und Standpunkten der Zeiten verstanden und ausgelegt. So bestätigt sich in höherem Sinne das Wort min DJniö „das, was im Volke lebt, ist das gesetzlich Verpflichtende." Andererseits erklärt es sich, wieso im Judenthum der Inspirations-Begriff nicht die Härte und Unbiegsamkeit angenommen hat, wie anderswo. Wir haben im Anfang unserer Abhandlung im Anschluß an das biblische Wort: „Gott sah, daß es gut war" von den Vorstellungen gesprochen, die man sich über das Entstehen der Welt

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