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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. Seite 502

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
Seite 502 (sequence 2)
Language
German
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502 Gesetzesfrende. Von Georg M i n d c in In denselben Tagen, in welchen in den Synagoge» die Gesetzesrolle zu Ende gelesen wurde, ging im Deutschen Reich ein Gesetz zu Ende, welches, unter dem Eindruck fluchwürdiger Verbrechen entstanden, einen großen Theil unserer Mitbürger mit drückenden Ausnahmebestimmungen beschwerte. Hier wie dort herrschte Freude; aber wührend sie sich im Gotteshanse darauf bezog, daß das Gesetz sofort wieder von vorn beginnt, wird „draußen im Reich" der Jubel darüber erhoben, daß das Gesetz nicht wieder von vorn anhebt. Nur ein tteiues Häuflein steht unzufrieden bei Seite; aber auch sie müssen zugeben, daß die von ihnen erhoffte Wirkung des Gesetzes nicht eingetreten ist, daß im Gegentheil die Bewegung, die bekämpft werden sollte, unter der zwölfjährigen Herrschaft desselben bedeutend gewachsen ist. Die soziale Stellung der Juden Deutschlands bringt es mit sich, daß dieselben — mit sehr wenigen Ausnahmen — Gegner der zn unterdrückenden Bewegung, aber auch Gegner des unterdrückenden Gesetzes sind. Was die Zukunft bringt, ist »ns verhiillt; Zweierlei werden wir aber schon jetzt merken. Erstens, daß mit gewaltsamen Unterdrückungen solcher Bewegungen selten etwas ausgerichtet wird, daß es daher nicht richtig gewesen wäre und auch in Zukunft nicht richtig sein wird, die Regierungen und Volksvertretungen mit Bitten um gewaltsame Unterdrückung des Antisemitismus zu bestürmen, daß wir vielmehr aus demselben Anlaß nehmen müssen, genau zu revidiren, wo uns selbst der Schuh drückt. Wenn wir selbst so sind, wie wir sein sollen, so wird uns eine Legion Antisemiten auch nicht viel anhaben können. Das Zweite ist aber das, daß die Nichterneuerung des Ausnahmegesetzes von einer einzigen Stelle aus bewirkt worden ist, und daß diese Stelle eingenommen wird von unserm erhabenen Kaiser. Wir können mit Vertrauen darauf schließen, daß Ausnahme- und Unterdrücknngsgesetze dem Regierungssystem desselben zuwider sind, und daß die Wünsche unserer Gegner, uns solche zu bescheeren, wie sie im Mittelalter unter dem lieblichen Titel: „Tie privilegia ockiosa der Juden" im Gauge waren, an dein bekannten rocher de bronze scheitern werden.? Gott sah, daß es gut war.) Von Dr. David Cassel. Ich habe — gleich vielen Anderen — die mosaische Schöpfungsgeschichte in meiner frühesten Jugend und seitdem in verschiedenen Alters- und Bildungsstufen gelesen; ich bin mit den mannigfachen Versilchen, jene Kosmogonie mit den Resultaten moderner Naturwissenschaft zu versöhnen, bekannt geworden; ich habe auch gelernt, daß neben den Ausgeburten einer ungeheuerlichen Phantasie in orientalischen Kosmvgonien die mosaische in ihrer erhabenen Einfachheit einzig dasteht. Was aber erst später — ich gestehe es selbst — meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, war der Umstand, daß es bei fast jedem Schöpfungstage') heißt: „Gott sah, daß es gut war", und bei dem sechsten nach Vollendung des Ganzen gleichsam zusammenfaffend: „Gott sah Alles, was er geschaffen, und siche, es war sehr gut"/') Was hätte denn an der mosaischen ') Nach einem früheren Vortrage. -) Die griechische und die ihr folgenden Uebersetzungen haben diesen Satz auch 1. Mos. 1, 8, wo er im hebr. Texte fehlt. 3) 1. Mos. 1, 31. Schöpfungsgeschichte gefehlt, wenn jener Satz sich nicht sechsfach wiederholt hätte? Man wird einer solchen Frage nicht den Vorwurf, das biblische Wort zu pressen und ihm eine willkürliche Deutung unterzulegen, machen dürfen, wiewohl ein solcher Vorwurf eine Berechtigung Hütte, wenn es sich um zwei, räumlich und gedanklich von einander getrennte, dasselbe verlangende Gebote handelte. Dazu kommt, daß in einem Psalm, der offenbar die mosaische Kosmogonie poetisch wiedcrgiebt, sich am Schluffe die Worte finden: „Gott freut sich seiner Werke"/) Und daß so etwas nicht eine individuelle, sondern eine die ganze Weltanschauung beherrschende Vorstellung ist, dürfte außer einigen später anzuführenden Psalmstellen auch aus dem Dichter hervorgehen, der — von der mosaischen Kosmogonie ganz unabhängig — bei Vollendung der Schöpfung in einem kühnen Bilde „die Morgensterne einen Gesang anstiinmen und alle Engel in Jubel ausbrechen" läßt?) Sollten wir aus solchen und ähnlichen Bibelstellen uns vielleicht berechtigt halten, dem Judenthum eine optimistische Weltanschauung beizulegen und damit die Wahrnehmung zu erklären, daß die philosophischen Vertreter des Pessiinisnius dem Judenthmn feindlich gegenüberstehen? Jndeß, wir wollen uns, was das Judcnthnm betrifft, nicht von Schopenhauer und Hartmann belehren lassen; aber Bedenkliches hat es doch, von Optimismus im Judenthum zu sprechen. Solcherlei Bedenken wurzeln nicht in den Klagen, welche hervorragende Männer, wie der Prophet Jeremia, der Verfasser des Psalm 72, wie sie Hiob erheben über die Leiden, die ihnen angethan werden, ohne daß sich ihnen die Schuld an diesen Leiden klar geworden; denn solche Leiden treffen doch nur Einzelne, und die Klage löst sich gemeinhin in die Einsicht von der allweisen Leitung der Welt durch Gott auf. Dagegen wird im Talmud berichtet3), zwischen der Schule Schammai und der Schule Hillel habe durch dritthalb Jahre ein Disput stattgefunden, ob es für den Menschen besser gewesen wäre, wenn Gott ihn nicht geschaffen Hütte, endlich sei der Streit durch Majorität im pessimistischen Sinne entschieden worden, „indes; da der Mensch doch einmal geschaffen worden, möge er seine Handlungen gewissenhaft bedenken". An solcher Entscheidung nimmt eine Glosse3) Anstoß und kommt zu dem Resultat, es könne hier wohl nur von gewöhnlichen Menschen die Rede sein; gute Menschen seien ein Segen für ihre Mitmenschen. — Und ferner: vor meinen; Geiste und vor dem manches Altersgenossen steigen Erinnerungen aus früher Jugend auf; Erinnerungen dunklen, verstimmenden, verdüsternden Eindrucks. Der kleine, finstere Raum, innerhalb dessen der zarte Knabe in die Pforten der heiligen Schrift und des Talmud eingeführt wurde; das barsche, harte, fast grausame Gebahren des Lehrers gegen den Schüler; das Diister des in abgelegener Gegend stehenden Betlokals; die Nöthigung zn harte»; Dienste, früh dem Schlafe entrissen, der Winterkülte preisgegeben, zun; Rezitiren unverstandener Gebete angehalte» zu werden. Und abgesehen von derartigen Jugenderinnerungen, die nicht Allen gemeinsa»; zu sein brauchen, und vielleicht dem Drange der Noth, der Beschränktheit an Mitteln zuzuweisen wären, hat nickt das Judenthum das Leben seiner Bekenner mit einer solchen Mauer ernster Gedanken und schwer lastender Pflichten umzogen, daß die Göttin der Freude cs ein für alle Mal verschworen haben mußte, ihren leichtbeschwingten Fuß in diesen dunklen Bezirk zu setzen! Wie kommt man also im Ernste darauf, von einer heiteren Weltanschauung im Judenthum zu reden? ') Ps. 104, 31. Vgl. Küsari V, 10. *) Hiob 38, 7. ■■) Erubin 136; von da auch im Ritus für den Versöhnungstag. J) Tosafot das., wo auch noch ein anderer Einwand gemacht wirb

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