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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-09 · Heft 39 (9.10.1890) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 39 (9.10.1890)
Date
1890-10-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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54. Jahrgang, «r. 39. Serlin, 9. Oktal,« 1890. eitung oes Audenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse, f -;-1 Begründet von Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Bnchhandel, NltllÜilter EuÄlvlH VIll1ivvkl>N-Äl>NN. Post oder direkt von der Expedition in Berlin I W ^uvuuy Ij ) MU *>»««. unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. I Redacteur: G»stav Karpeles. \ Vrrlags-Crpe-ition: ßerün, Äerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Sltfylllt« Leitartikel: Europa schweigt. Von G. K. — Gott sah,! daß es gut war. Von Tr. David Cassel. — Wissenschaft und Litteraturr stelle Auisassmig einiger Stellen des biblischen Cxodusberichtes. Von Georg Ebers. — Ludlvig Borne. Von Prof. Tr. H. Steinthal. — Tie j 3abbatarier. Von Dr. Adolf Silberstein. Feuilleton: Ter unbekannte! oiast. Von Eduard Kulte (Fortsehung). Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Schwedt a. D., Hannover, Aus Nassau, Kreuznach, Stuttgart, Wien, lemesvar, Baltimore. — Von Nah und Fern. — Miscellen. — Bei der Redaktion eingegangene Bücher. Europa schweigt. G. K. Berlin. 5. Oktober. Merkwürdige Tinge gehen im großen Zarenreiche vor. Die Tcutschen werden unterdrückt, die Protestanten werden in der ireien Ausübung ihrer Religion behindert, die Juden endlich werden förmlich vernichtet. Es soll nur eine russische Kirche und ein russisches Volk geben — das ist die Parole des Panslavismns, der heute in Moskau und Petersburg iviedcr Oberwasser hat. Das Ochlagwort vom „sanken Westen" tönt wieder durch die russische Presse. Von allen Seiten rüstet man sich, die „Reste abendländischer stultur" mit Stumpf und Stiel anszurotten. Liest man die Korrespondenzen namentlich englischer Blätter aus Städten wie Odessa und Kiew über die Verfolgungen gegen die Juden, oder die Mittheilungen deutscher Blätter über die Unterdrückungen, welche die Protestanten und Deutschen in den Ostseeprovinzen erleiden, so glaubt man sich wahrhaftig in das finsterste Mittelalter verseht. Europa aber schweigt. Handelte es sich nur um die Juden im russischen Reiche, um diese unglücklichen Parias jenes Landes, welche recht- und schutzlos der Willkür barbarischer Gouverneure oder bestechlicher Beamten dreisgegeben sind, so würde man dieses Schweigen noch begreiflich ünden. Europa hat den Bckennern des jüdischen Glaubens nie einen Schmerz, nie eine Thräne erspart, rief einmal Ludwig Philippson dci einer ähnlichen Veranlassung ans. Welcher Staat fühlte wohl heute die Verpflichtung, für die Inden eines anderen Staates kinzutreten! Vor dreißig Jahren war das freilich anders. Da hat England stets seine Stimme erhoben, wo und wann eine Maßregel gegen die auden geplant wurde, da hat Frankreich oft und mit großem Erfolge intervenirt, da hat Preußen zu wiederholten Malen — man denke an den Berliner Kongreß und die rumänischen Juden! — durch die Macht seines Wortes Hilfe gebracht. Heute aber, wo nicht nur die Juden, sondern auch Deutsche und Protestanten in ihren vitalsten Lebensinteressen, in ihren heiligsten Herzensangelegenheiten bedrückt werden, wo selbst den Katholiken die freie Ausübung ihrer Religion auf jede mögliche Weise erschwert wird, heute schweigt Europa. Wie lange wird Europa noch schweigen? Wie lange wird es ruhig zusehen, wie vier Millionen Protestanten, eine Million Deutscher, zwei Millionen Juden, also zusammen nicht mehr und nicht weniger als nahezu sechs Millionen armer, unglücklicher und unschuldiger Menschen ihrer Rechte beraubt, in ihrer Existenz bedroht, in der Ausübung ihrer Religion behindert oder gar wie die wilden Thiere gehetzt und verjagt werden? Die „Kreuzzeitung" — man höre und staune! die „Kreuzzeitung" — schreibt: „Wir haben unserer Entrüstung iiber diese unerhörte Bedrückung unserer Stammes- und Glaubensgenossen schon oft und so entschieden Ansdruck gegeben, daß wir nichts hinzufügen brauchen. Das Eine aber steht fest, daß Rußland, wenn es diese Maßnahmen durchführen sollte, das Tischtuch zwischen uns und sich zerschneidet." So schreibt die „Kreuzzeitung" für ihre Glaubensgenossen natürlich, weil man das Russische als obligatorische Unterrichtssprache in den Ostseeprovinzen einführen, das Polytechnikum in Riga, das nur dazu diene, „wenigen Deutschen, sowie vielen Juden und Polen die Möglichkeit einer nnrussischen Bild zu schaffen," aufheben, die Universität Dorpat russifiziren und die theologische Fakultät daselbst beseitigen will. Was aber sollen wir erst sagen, da man unsern Glaubensgenossen jedes Recht auf Bildung — auch selbst auf russische Bildung! — nehmen, da man ihnen die Möglichkeit, frei sich zu bewegen, rauben, da man sie aus ihrer Existenz reißen und in großstädtische Ghettos einpferchen will? Die „Kreuzzeitung" nennt die gegenwärtige Lage der Protestanten in Rußland ein Martyrium. Zum ersten Mal befinden wir uns in voller Uebereinstimmung mit diesem Blatte. Wir unterschreiben jedes Wort ihrer Mahnung — aber freilich, was nützen hier Worte, gleichviel ans welchem Lager sie auch kommen, wie energisch oder innig sie auch klingen mögen! Hier können nur Thaten helfen, Thaten einer entschiedenen Intervention sämmtlicher europäischer Knlturmächte im Interesse der Humanität, die in Rußland gegentvürtig mit Füßen getreten wird. Europa schweigt, wie entsetzlich auch die Hiobsposten lauten mögen, die der Telegraph fast alltäglich aus Rußland zu uns trägt — wie lange wird dieses fürchterliche Schweigen noch dauern? O

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