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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-02 · Heft 38 (2.10.1890) · p. Seite 498

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 38 (2.10.1890)
Date
1890-10-02
Page
Seite 498 (sequence 10)
Language
German
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498 „Ich bitt Dich, warum kommt Rachele gar nicht herein?" fragte | er seinen Bruder, da das Mädchen nicht wieder zum Vorschein kam, ' seitdem sie vorhin in die Schänkstube hinausgegangen war. i „Tu hast sie ja selber fortgctrieben!" sagte der Randar lächelnd.! „Ich? Wie so?"! „Nun! weil Tu von einem Bräutigam aus der „Khille" geredt! hast; dainit kannst Tu sie treiben lneilenweit."! „Wie versteht nian das?" „Tie lacht — unter uns gesagt, Tu darfst mich aber nicht der-! rathen und durch kein Wort merken lassen, daß Tu es weißt — sie : lacht Euch Khilleleut' alle aus, und will von der „Khille" gar nichts wissen. Tie Khilleleut' heißen uns Torfmozen — spöttelt sie — und : gehn in einer Einbildung herum, wie wenn sie etwas Vornehmeres I wären, als nur; und warum?'auf was hiuauf sind sie stolz? weil! sie die Schul' haben und können alle Tag' in Schul' gehn? thun lvir daheim beten und Gott ist ja überall, er hört uns hier so gut, lvie dort, und zu den Feiertagen lassen lvir unser Kalessel einspannen und fahren in die „Khille" hinein. Tder weil der Rabbi brinncn ist? nun, ich mein', der Rabbi giebt uns auch die Ehre hier auf dem Tors. Er ist schon inehr wie einmal bei uns über Nacht gewesen ltnb hat sich immer sehr gut unterhalten hier. Nus was hinauf; bilden sie sich so viel ein, die Khilleleut'? Tas ist nichts als leerer Stolz, über den ich nur lachen muß. Hub wie die Jungen und Mädchen in der Khille aussehen! So ein Jung, wenn er sollt einen : Sack Erdäpfel zehn Schritt weit tragen, lvie mein jüngster Bruder, unser Haschele. lnöcht er meinen, er muß tobt niederfallen; und die Herrschasten-Mädelein, was können sie? im Gewölb' stehn und über'n Feuerkessel sitzen und Kaffee trinken, lvie alte Weiber. Ich möeht' mir so eine KHille-Prinzessin allsehen, wenn sie, lvie ich,; möcht' hinailsgehn auf das Feld in der größten Sonnenhitze, das Heu zilsalnuiell zu rechen."! „ So ein Maul hat Rachele?" — fragte Reb Ioichene verdutzt. „Wart', Tu wirst noch schöner lachen, Tu nlüßtest ihr zuhören, : lvie sie deli Khibejullgell naclnnacht, lvie diese sich mit den Akädchen unterhalten, xmb wie sie mit ihr selber sprechen, wenn wir so über : Neujahr meinetwegen in der Khille sind. Ich kann das nicht gut,! das müßtest Tu von ihr hören, lvie sich da ein Jung herstellt und; ansangt: „Nun soll ich leben, fein schlecht Früchtel; zwei Göschelein (Wallgell) als wie ein Mischanzkeeäpfele; wachsell bei Euch auf dem Tors viel solche Früchtchen? Fräulein Rachele, ich muß Ihnen auf-! richtig sagen, man sieht Ihnen wirklich nicht an, daß Sie das ganze j Jahr hindurch ans dem Torfe unter lauter Bauern imb Bäuerinnen herumgehn." Tu uiöchtest Tich trank lacheil, wenn Tu das Alles 1 voll ihr hören könntest, aber sie wird Tir's nicht zeigell, weil Tu selber in der Khille bist unb sie Tich nicht beleidigen lvill; sie hat Tich sehr gern, sie hält auf Tich das Leben." „Weißt Tll, Brllder-Leben" sagte Reb Ioichelle, „wenll das so ist, wird alls der Partie llichts lverdell; wenn sie hier so angellebt ist alls bem Torf, glaub ich llicht, daß es Zusammengehen wird." „Was sür eine Partie? was soll zusamnlellgehn?" fragtederRandar. „Nllll, Til hast ja vorhin gehört, lvie ich Rachele gesagt Hab', ich inliß ihr in der „Khille" einen Bräutigalll heraussuchen. Meinst Tll vielleicht, ich Hab' Spaß getrieben? ich mein' das in Dollem Ernst.; Feh Hab' den Bräutigam scholl gefunden." „Wer ist er?" „Was ist Tir gelegeil? Wellll sie voll der Khille eine solche Meinung hat, wie soll sie sich dann mit einem Khillejungen vertragen?" 'Dieses Gespräch lvlirde plötzlich llilterbrochell, inbeni Rachele die Jhür össllete ltnb sagte: „Es ist Eiller draußen!" „Wer?" fragte der Randar. j „Ein Schnorrer," lautete die Antwort. „Nun, was ist noch da mehr, gieb ihnl sein Abfertiggeld." „Jetzt noch?" fragte das Mädchen. „Warum nicht? in einer Stunde kann er in der Khille sein, wenn er die Fuß' ein Bissel in die Hand' nimmt." „Vater-Leben! er sagt, er möcht' gern „Chanukeh-Licht" anzünden.' „Hast Tu das schon gesehen? mm, laß ihn anzünden! wo hau Tu eine „Menoreh" cLampe)? Ter Vetter Ioichene ist doch da?" „Dem Vetter-Leben geb' ich ja die silberne." „Nu und ich?" „Du hast Seine meschene (messingene)." „Und die Jungen?" „Haben doch auch ihre „Menorehs", die blechernen." „Und was für eine soll dann der Schnorrer anzüllden, wenn wir mir fünfe haben?" „Ich werd' ihm eine lnachell, Vater-Leben, aus Nussenschalen nnb Sand." „Nu, mach ihnl, aber wohin?" „In der Schänkstub' llicht; ich werd' ihm ja voll den Betrunkenen feine Bosheit thun lassen." „Nu und wohin denn?" „In die „Höch" (ersten Stock) Hinalls wahrhaftig auch llicht; ee ist llicht eingeheizt droben; da auf dem Fenster neben bem Vetter Ioichelle seiner Menoreh mach' ich sie." Mit diesell Worten stürzte das Mädchell wieder muthwillig au denn Zilllmer, nahm alls eiller Kammer ein längliches Brettchen welches sie mit Sand bedeckte; hieraus llahm sie einige Nüsse, öffnen dieselbeil jedoch llicht mit einem Nußknacker, sondern mit einen: spitzen ulld scharfen Messer, denen es war ihr llicht um 'den Nußkeru sollderll tun die Erhaltung der halben Schalen zu thun. Ten Ken: nahm sie in den Mulld, aber mir so beiläufig, allstatt ihn weg/ zuwerfenl; die Schakell aber plltzte sie sehr sorgfältig aus und drück'- eine nach der andern in den Sand; bereits waren sechs Schalen in: Sande, und sie machte sich eben daran, die vierte Nuß zu öffnen: diese setzte ihrer Kullst aber eine etwas größere Hartnäckigkeit ein gegeil, die Halld glitschte mit dem Messer von der harten Schale aö und fuhr nlit der schlleidigen Spitze in den Tallmenfillger de: Linken. Das Blut floß aus der Wunde, das Messer entfiel ihre Hand, ilnd'der Fremde, der ihrer frommen Arbeit bisher still zu gesehen hatte, rief erschrocken: „Weh geschrien!" Auf diesen Ruf stürzten die beiden Männer, der Randar tmn der Vetter Reb Ioichene, aus ihrem Zimlner heraus, um zu scheu, was vorgefallen sei. „Nichts, Vater-Leben!" sagte das Mädchen, „es ist gar nid)i-. gesehehen, ich Hab' mir nur einen Schnitt gegeben." „Nur einen Schnitt gegeben," wiederholte Reb Joicheuparodirelld; „was hättest Tu denn noch thun sockell? Hättest Tu Tich mit einem Btesser schlachten sollen?" „Und das Alles wegen der Menoreh!" sagte der Randau „Siehst Tll, wie es geht, wenll man nicht folgt." „Tu hast mir doch nichts verboten?" sagte das Mädchen, „uni dann ist es doch em Gottesgebot!" „Aber man zülldt ja hellte nur Ein „Ehallukeh-Licht" all, zu um hast Tu gebraucht heut' scholl die ganze Menoreh fertig Zu machen?" fragte der Vetter Reb Ioichelle. „Wenn ich etwas lnach', Vetter-Lebell, uluß es ganz sein. Entweder llir oder fix," sagte Rachele, „etwas, was nicht ganz iß. kailn ich llicht leiden. So eine Menoreh mit eiller Nußschal' sieE aus, lvie wellil ich llicht gellllg Nüssen im Haus' hätt', die „gallze llacbi Tage" und ben Schallles (den Allzüllder) auf einmal fertig zu machen."

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