Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 38 (2.10.1890)
- Date
- 1890-10-02
- Page
- Seite 496 (sequence 8)
- Language
- German
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496 Fürst und Regierung wurden wegen der Aufhebung des Leibzolles hoch gepriesen. Im „Frankfurter Staats-Ristoretto" dom 18. August 1806, einer damals in Frankfurt erscheinenden Zeitung, ward dein „guten Fürsten" der Dank dafür ausgesprochen, das; er „seine Unterthanen ohne Unterschied der Religion immer glücklicher zu machen suche und durch Aufhebung des Leibzolls die Juden in gleiches Verhältnis; mit anderen Menschen zu setzen bestrebt sei." Freilich ward diese Anerkennung dadurch herabgemindert, das; die Befreiung von; Leibzoll als eine Frucht des rheinischen Bundes, dem Nassau angehörte, erklärt und der nunmehr mit dem Herzogshut geschmückte Fürst als ein Regent bezeichnet wurde, „der in den Spuren des gerechten menschenfreundlichen Kaisers, des großen Napoleon" wandle. Gegen diese Darstellung verwahrte sich indessen insbesondere Wolf Breidcnbach, der die Aufhebung des Leibzolls keinem fremden Einflüsse, sondern ausschließlich nur der edlen Denkungsart des Herzogs intb seiner Regierung zugeschriebe» haben will. Wie aber durch die Befreiilng vom Leibzollt die Zwingburg mittelalterlichen Judenhasses gefallen war, so blieben doch genug Merkmale betrübender Zurücksetzung in Nassau bestehen. Datierte doch sogar das Schutzverhültnis; der Juden bis zum Sturmjahre 1848, von dessen gewaltigen Erschütterungen, tote so manches Ucberbleibscl aus trüber, finsterer Zeit auch dieses vernichtet worden ist. Anerkcnnungswerth aber bleibt es, daß die nassauische Regierung, nachdem ganz Nassau unter einem Fürsten vereint war, der geistigen Hebung der Juden ihr Augenmerk zugewendet. Sie organisirte j die jüdischen Kultusgemeindeu, schuf feste Normen für Schule und > Gottesdienst, richtete das Jnstitllt der Bezirksrabbiner ein, denen die Beaufsichtigung des israelitischen Kultus und der Religionsschulc übertragen ist. Einrichtungen, auf denen auch noch heute, unter preußischer Verwaltung, das Gemeinde-, Kultus- und Schulwesen der Juden in Nassau ruht. Ein jüdischer Diplomat alp Schriftsteller. Von Prof. Dr. Martin Philippso». Ist cs an und für sich selten in unserer Zeit, einem Staatsmann jüdischen Glaubens zu begegnen, so gelviß noch seltener, daß derselbe für seine Religion und deren Ueberlieferungen eine lebhafte rind von wissenschaftlichen Stlldien getragene Begeisterung hegt. Diese Eigenschaften finden sich vereinigt in einein Manne, der den Lesern dieser Blätter längst kein Fremder mehr ist: Herrn Oskar S. Straus, Gesandten der Vereinigten Staaten von Nordamerika iir Konstantinopel. Ein treuer und verchrungsvollcr Sohn sowohl seiner Religionsgenossenschaft lote seines großen und freien Vaterlandes, ist er durch Nachdenken und Studium zu der lleberzeugung gelangt, das; die freiheitliche Gesinnung, welche die Gründer der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten beseelte, sowie die Verfassungsform der letzteren zum größten Theilc, wenn nicht ausschließlich, aus der Anhänglichkeit jener Amerikaner des 18. Jahrhunderts an das „Alte Testament", j an die Bibel Israels hervorgegangen sind. Diese Ansichten entwickelte er auf beredte und gründliche Weise in einem Werke über „Tie Ursachen der republikanischen Form der Regierung in den Vereinigten Staaten Amerikas", das durch die Neuheit der Gedanken, die umfassenden Studien, auf denen es beruht, die Schärfe der Logik, sowie die offenbare Begeisterung, die cs durchwehte, allgenieinc Aufmerksamkeit erregte und bald drei Auflagen erlebte. Eine Dame von Geist und Herz, — übrigens nicht Jüdin — welche die englische und französische Sprache mit gleicher Meisterschaft handhabt und zumal als englische Romanschriftstellerin, unter dem Namen Tasma, vielen Beifall errungen hat, Frau Aug. Couvreur, hat das Buch des Herrn Straus in das Französische übertragen. ') Jedermann weiß, daß die .Kalvinisten, welche die Neu-Englandstaaten, den Kern der nordamerikanischen Kolonien, gründeten, ihre Anschauungen und Gefühle meist deur Alten Testamente entnahmen, dessen kräftige rmd vvlksthümliche Gesinnung, dessen markige und feurige Sprache diese energische, entschlossene und durchgehcnds demokratische Religionsgenossenschaft viel sympathischer berührten, als der sanfte und leidende Ton, der im Neuen Testament vorherrscht. Die Hugenotten Eolignys wie die Eisenritter Eromwells führten vor allem die Sprache der Alten Schriften Israels im Munde und begeisterten sich an den israelitischen Helden und Propheten. Herr i Straus weist mm nach, in wie großem Ilmfang diese Erscheinung j sich bei den Vätern der amerikanischen Freiheit geltend machte, und! wie ganz bereit Geist und Herz von der israelitischen Bibel, ihren; Lehre», ihren Vorbildern, ihrer Denk- und Redeweise erfüllt war. j Diese Thatsachc, in einer bisher nie erreichten Vollständigkeit durch unwiderlegliche Fakten festgestellt zu haben, ist das hohe Verdienst des Herrn Straus, als Amerikaner und als Israelit. Freilich scheint es uns, als ob er in seinem Entdeckungseifer allzu weit gegangen sei und die sonstigen Quellen der amerikanischen Verfassung über Gebühr vernachlässigt habe. Der berühmte belgische Nationalökonom und Publizist Emil de Laveleye, der das Werk für wichtig genug hielt, um dessen Ilebersctzung eine umfangreiche Vorrede bcizugeben, konstatirt schon eine dieser weiteren Ursachen: die alten freiheitlichen Einrichtungen, die seit der germanischen Urzeit! sich bei den Angelsachsen erhalten hatten und die wir noch heute in beit amerikanischen Institutionen wiederfinden. Unsererseits möchten wir noch auf eine dritte Quelle aufmerksam machen, die sowohl Straus als Laveleye unerwähnt lassen: die französische „Philosophie" des achtzehnten Jahrhunderts. Die Ideen der Volkssouverünetüt und der allgemeinen angeborene» und unveräußerlichen Menschenrechte, wie sie in den Schriften Paines und vieler Anderer, sowie in der offiziellen Unabhüngigkeitscrklürung des amerikanischen Kongresses vom 4. Juli 1776 überwiegen, entspringe» den Werken Voltaires und Rousseaus. Erst die Vereinigung dieser drei Strömungen erklärt vollständig die Richtung der leitenden Geister in dem damaligen Nordamerika. Indessen das lebhaft und geistvoll geschriebene und von Frau Eouvreur trefflich übersetzte Buch bewahrt, trotz dieser nothwendigen Einschränkungen, den Vorzug, zum ersten Male in überzeugender Art den großen Einfluß der Bibel und damit Israels auf die Gründung des mächtigen amerikanischen Freistaates nachgewiesen zu haben. „Ich meinerseits bin überzeugt," schließt Herr von Laveleye seine Vorrede, „daß die zukünftigen Ereignisse .immer deutlicher darlegen werden, wie viel die Menschheit jenem israelitischen Volke verdankt und noch verdanken wird, das einige Thoren und Undankbare in das Ghetto zurückführeu möchten." Solche Worte von Seiten eines Mannes, wie Laveleye, solche Schriften, wie die des israelitischen Diplomaten Straus, sind geeignet, unserer Glaubensgenossenschaft das freudige Selbstbewußtsein zurückzugeben, das ihr in jüngster Zeit abhanden zu kommen droht. ') Les origines de la forme republieaine du gouvernement dans les Elats-Uuis d'Amerique. Par Oscar S. Straus; traduit par Mad. Aug. Couvreur (Brüssel und Paris, 1890).