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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-10-02 · Heft 38 (2.10.1890) · p. Seite 493

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 38 (2.10.1890)
Date
1890-10-02
Page
Seite 493 (sequence 5)
Language
German
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493 Gemeinde in das Land bringen, das ich ihnen gegeben." Diesen reihen wir die Aussprüche an, die den Besitz des Gottesglaubens rühmlich herborhebcn und ihn verherrlichen. 2. M. 14. 31: „und sie glaubten au den Ewigen und an Moses, seinen Diener;" Ps. 106.11: „sie glaubten an seine Worte und besangen seinen Ruhm;" Jesaia 11. 5: „und der Glaube wird der Gurt seiner Lenden sein;" Hosea 2. 22: „und ich verbinde mich mit dir mit dem Glauben und du wirst Gott erkennen;" Jesaia 26. 2: „Oeffnet die Pforten, daß cinziehe gerechtes Volk, das den Glauben bewahrt;" 2. Ehr. 26. 26: : „glaubet an den Ewigen euren Gott, und ihr werdet bestehen; an seine Propheten und cs wird ench gelingen;" Habaknk 2. 4: „der j Gerechte lebt in seinem Glanben;" Ps. 119. 56: „den Weg des! Glaubens wühlte ich, deine Rechte sind mir stets gegenwärtig;"; das. V. 67: „Gute Einsicht und Erkenntniß lehre mich, denn an! deine Gebote glaube ich." Nicht minder sprechen die Lehren im! Talmud von der Wichtigkeit des Glaubens. „Werthvoll war der; Glaube der Israeliten an mich, daß ich ihnen das Meer spaltete." : „Gros; war der Glaube, wie Israel an Gott den Schöpfer glaubte, denn in Folge desselben ivnrden sie des heiligen Geistes theilhaftig und stimmten ihr Danklied an." Ferner: „Komme und sich, wie groß die Kraft des Glaubens ist, denn die Israeliten wurden nur in Talge ihres Glaubens erlöst, nach: „das Volk glaubte es, es verj neigte und bückte sich" (2 M. 4. 31). Auch Abraham, heißt es! ferner, tvurde nur in Folge seines Gottcsglaubens des Diesseits und j oens eits theilhaftig: „und er glaubte an den Ewigen und dies! ward ihm zur Tugend angerechnct." Auch über die Gei statt des Glaubens haben wir da den schönen Spruch: : „Wer Brod in seinem Korb für heute hat und spricht: „was werde! ich morgen essen?" gehört zu den Kleingläubigen." Ein weiterer! Schritt hier ist die spätere Aufstellung des Glaubens als Grlindj nnd Hanptlehre des Judenthnms, ans die seine sämmtlichen Gesetze! anslaufen oder znrückgcführt werden. R. Simlai, ein Lehrer des 3. Jahrhunderts, lehrte, daß der Prophet Habaknk durch seinen Ans-! sprnch: „und der Gerechte lebt in seinem Glauben", alle Gesetze auf den Glauben zrirückgeführt hat. Rach dieser Darlegung erscheint es j klar, daß das Jndenthnm seine Bekenner auch zum Glauben verpflichtet, und nicht blos eine Religion des Gesetzes, sondern auch eine Religio» des Glaubeils ist. Eine andere Frage, die der Erörterung l bedarf und noch hierher zu gehören scheint, ist, ob »lau durch den j Glauben allein ohne die Beobachtung des Gesetzes ein Bekenner des j Judcnthums sein und als solcher gehalten werden könne. Bekanntj lich hat im Christenthum Paulus den Glanben an die Stelle des > (Gesetzes gesetzt uild die Bekenner des Christenthums vom Gesetz ent-! bundcn, wie steht es damit inl Judenthum? Wir haben uns in! unserer Arbeit „Fortdalier des Gesetzes" für den Fortbestand des! Gesetzes und die Verpflichtung der Israeliten zur Vollziehung desselben, so weit cs zur Zeit noch ausführbar ist und nicht schon im talmudischcn und späteren Schriftthnm als aufgehoben und unausführbar erklärt wurde, ausgesprochen. Zu einem wahren Bekenner des Judenthnms gehören der Glaube und das Glaubenswerk, d. h. die Bethätigung des Glaubens durch das Gesetz. Aber man verstehe unter „Gesetz" nicht blos die Kultus- und Speisegesetze, sondern auch das Gebot der Nächsten- und Frcmdcnliebe, der Gerechtigkeit nnd Rechtschaffenheit, der Treue und Wahrhaftigkeit u. a. m. Andererseits kennt das Judenthum keine Ausschließung der anderen Glaubensbriider, die sich von der Gesetzesvvllziehung lossagen; cs hält sein Prinzip aufrecht: „Obwohl er gefehlt, bleibt er Israelit;" „Wer auch nur den Götzendienst verleugnet, wird als Jude betrachtet." 9 Der Leilizoll und seine Aufhebung in Nassau.-) Von Dr. M. Silber sie in in Wiesbaden. Vernarbte Wunden wieder öffnen, glücklich überwundene Mißstände von Neuem an das Licht der Oeffentlichkeit stellen, kostet dem, der lieber auf die Lichtals auf die Nachtseiten in der menschlichen Natur wie im Menschen- und Völkerleben das Auge richtet, nicht geringe Ueberwindung. Lauschen wir doch lieber auf die Töne des Jubels und der Freude, als auf die uns mit Schmerz erfüllenden Klagen und Seufzer der Unglücklichen uitb Verfolgten. Vernehmen wir doch lieber den Ausbruch glücklicher Zufriedenheit, als die in uns Trauer und Wehmuth erzeugenden Anklagen der Bedrängten und Zurückgesetzten. Ziehen wir doch so gern einen Schleier über eine traurige Vergangenheit, insbesondere wenn die Enthüllung Anklagen gegen ganze Zeiten und Geschlechter in sich schließt und auf tiefe Schatten in der menschlichen Natur uns hinweist. Von diesem Gesichtspunkte aus könnte es fraglich erscheinen, ob die Wahl unseres Themas eine glückliche, als eine passende, angemessene erscheint. Würden wir unseren! natürlichen Hange folgen, so würden wir, wie über alle Ausgeburten des mittelalterlichen Judenhasses, auch über die hier in Rede stehende den Schleier der Vergessenheit decken. Aber die historische Wissenschaft hat auch in Bezug auf unsere Glaubensgenossenschaft nicht nur das Recht, sondern sogar die ernste Verpflichtung, freilich ohne Voreingenommenheit, aber offen, klar, unverfälscht Alles darzulegen, was die Lage und das Schicksal derselben berührt. Und ist daran, abgesehen von dem rein wissenschaftlichen Zwecke, nicht auch ein eminent ethisches Interesse geknüpft? Müssen wir nicht voll Staunen und Bewunderung auf unsere Väter blicken, die um ihres Glaubens willen den entsetzlichsten Druck willig ertrugen? Müssen wir aber nicht auch bei der Betrachtung der Zustände, die uns obliegt, trotz Allem, was die jüngsten Jahrzehnte uns gelehrt, der Triumphe uns von Herzen freuen, die die Gerechtigkeit und die Menschlichkeit innerhalb eines Jahrhunderts gefeiert, der Fortschritte dankbar gedenken, die die Humanität in in einem verhältnißmäßia kurzen Zeitrauni gemacht, Fortschritte, die trctz alles scheinbaren Rückschrittes, uns an das von allen edlen Herzen heiß ersehnte Ziel der Menschen- und Völterverbrnderllug glauben lassen? Unzweifelhaft ist der Judenleibzoll, dessen Darlegung wir insbesondere mit Rücksicht auf neu entdecktes Material unternommen, eine der schmachvollsten Institutionen, die der künstlich entfachte Judenhaß im Mittelalter geschaffen hat. Ja, wie schwer die Entscheidung auch fallen umg, welche von den verschiedenen Formen und Arten, in denen der Judenhaß sich ausprägte, die entwürdigendste, wir möchten den Leibzoll oder die Leibmauth, wie sie an manchen Orten genannt wird, als die verletzendste und drückendste Bürde bezeichnen, die das finstere Mittelalter auf die Schultern der Juden gelegt hat, eine Bürde, durch die erst eigentlich der mittelalterliche Jude zum Paria herabgesunken ist. Beim Durchzuge durch ein fremdes Territorium — und wie viele solcher Territorien besaß unser liebes deutsches Vaterland! — ja, beim Betreten eines anderen Verwaltungsbezirkes im eignen Lande selbst hatte der Jude an den hierfür errichteten Zollstätten den eignen Leib zu verzollen, wogegen ihm eine Bescheinigung unter dem Namen Lei bz oll paß oder auch Judenzeichen, Schirm- oder Passirzettel ertheilt ward. Die Rechtsgelehrsamkeit, die auch das Unrecht mit rechtlichen Formen zu umgeben liebte und durch Rechtsformen zu begründen sich bemühte, hat auch dem Judenzoll eine Art Rechtsform zu ver- 0 Zum Theil nach archivalischen Urkunden.

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