Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 38 (2.10.1890)
- Date
- 1890-10-02
- Page
- Seite 492 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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492 Ewige, damit ihr erkennet, glaubet und einsehet, daß ich es bin, vor mir war kein Gott gebildet und nach mir wird keiner sein." So geschieht die Verkündigung des Gottesglaubens im ersten Ausspruch der Zehngebote mit dem Zusatze: „der ich dich aus Aegypten geführt habe" — und beginnt im 5. M. ti, 4 nicht mit dem Worte: „Glaube", sondern „Höre", als: „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, Gott der einzig Eine." Die hebräische Benennnng für „Glauben" im biblischen und nachbiblischcn Schriftthum durch ..emima“, drückt nach der Bedeutung seines Stammes, pK, festigen, stützen, kräftigen, die Festigung, das innere, geistige Festwerden durch ein medium, das Glauben durch Gründe, aus, was deutlich durch den Gebrauch der Hiphilfvrm dieses Zeitwortes: lummin, für „glauben", welche bekanntlich nicht die Selbstthätigkeit, sondern das „Thun- Lassen" durch Andere bezeichnet, hervortritt. Dieses medium, oder richtiger diese media, die den Glauben bezeugen, sind, wie schon angegeben: die Erkenntnisse der menschlichen Vernunft, Verheißungen, geschichtliche Thatsachcn und äußere Zeichen. So wird in I. M. tri, Hi mit Bezug auf eine frühere Verheißung in 1. M. 16, 1 und deren Wiederholung in 1. M. l'>, 7> von Abraham erzählt: „Er glaubte an Gott, und dies ward ihm als Tugend angerechnet". Andere Stellen sprechen von dem Glauben, der durch äußere Zvcheu bezeugt wurde. In 2. M. 8, 1—8 geht bei Moses die Erscheinung des brennenden und nicht verbrennenden Dornbusches der Verkündigung seiner Sendung voraus, und in 2. M. 8, 12 soll die Verheißung des Gottesdienstes am Berge Sinai ein Zeichen dieser seiner göttlichen Sendung sein; 2. M. 4, 1—8 soll Moses dem Volke den Glauben an seine göttliche Sendung durch äußere Zeichen beweisen: „Und es wird sein, wenn sie dir nicht glauben und nicht hören auf die Stimme des ersten Zeichens, so werden sie glauben auf die Stimme des letzten Zeichens" (das. V. 8); daselbst 4, 89,31 heißt cs ferner: „Moses that die Zeichen vor den Augen des Volkes, und das Volk glaubte und hörte, daß Gott der Israeliten gedachte, ihr Elend gesehen"; 2. Bk. 14, 81 wird nach den vorausgcgangcnen Wundern erzählt: „sie glaubten an den Ewigen und an Moses, seinen Diener"; 2. M. l!>, 2 soll die Aeußerlichkeit der Offenbarung auf Sinai den Glauben an dieselbe befestigen: „Ich komme zu dir in dichter Wolke, damit das Volk höre, wenn ich mit dir spreche, und auch an dich werden sie ewig glauben"; 1. B. K. 18, 20—40 hat das Volk sich nach vollbrachtem Wunder durch den Propheten Eliahu am Berge Karmel zu seinem Gottesglauben bekannt. Mehr als diese äußeren Zeichen sollen die inneren, die Erkenntnisse der Vernunft, den Glauben bewahrheite». Zu den schon oben citirten Bibelstellen darüber bringen wir hier jenen wahrhaft klassischen Ausspruch: „Denn dieses Gebot, das ich dir heute befehle, ist nicht zu wunderbar für dich und nicht zu fern von dir. Nicht im Himmel ist'S, um zu sprechen, wer steigt für uns in den Himmel und holet cs uns und verkündet es uns, daß wir cs thun. Auch nicht jenseits des MeercS, um zu sprechen, wer zieht für uns jenseits des Meeres —, sondern ganz nahe ist dir das Wort, in deinem Munde und in deinem Herzen, »m zu vollziehen." Ebenso nachdrucksvoll wird von den geschichtlichen Thatsachcn gesprochen, auf die zur Befestigung des Glaubens hingcwiesen wird. In Psalm 106, 1«», 11 lesen wir: „Und er half ihnen von der Hand des Hassers und erlöste sie aus der Gewalt des Feindes. Sie glaubten an seine Worte und besangen seinen Ruhm"; 6. M. 8, 2: „Und so gedenke des ganzen Weges, den dich der Ewige dein Gott diese vierzig Jahre in der Wüste geführt, um dich zu demüthigen und dich zu versuchen, zn erkennen, was in deinem Herzen ist, ob du beobachtest meine Gebote oder nicht!" daselbst 82, 7—9: „Gedenke der Tage der Vorzeit, betrachte die Jahre von Elcschlecht zu Geschlecht, frage deinen Vater, und er sagt cs dir, deine Alten, und sie verkünden es dir. Wie ein Adler sein Nest bewacht, über seine Jungen schwebt, seine Fittigc ausbreitet, sie nimmt und auf seinen Schwingen trügt. Der Ewige allein führt es und mit ihm kein fremder Gott." Mit dieser unserer Auffassung der Bedeutung des Glaubens im Judenthum stehcu wir in der Mitte ziveier entgegengesetzten Richtungen, der Mystiker, die den Glauben in jeder Gestalt, arich ohne Gründe, den blinden Glaube», wollen, und der Rationalisten, an deren Spitze sich in neuerer Zeit Moses Mendelssohn gestellt, der in seiner Schrift „Jerusalem" erklärt, das Judenthum habe keine Glaubenslehren und befehle nicht den Glauben. „Unter allen Vorschriften und Verordnungen des mosaischen Gesetzes, sagt er, lautet kein einziges: „Tu sollst glauben" oder „nicht glauben", sondern alle heißen: „Du sollst thun" oder „nicht thun". Dem Glauben wird nicht befohlen, denn der nimmt keine anderen Befehle an als die, welche auf dem Wege der Ueberzeugung zu ihm kommen." „Ich erkenne," sagt er an einer anderen Stelle, „keine anderen ewigen Wahrheiten, als die der menschlichen Vernunft nicht nur begreiflich, sondern durch menschliche Kräfte dargethan und bewährt werden können." Wie es scheint, folgte hier Mendelssohn seinem großen Lehrer Moses Maimouides (1185 bis 1204), der ebenfalls in seinem Buche „Jad Chasaka" als das erste Gebot hinstellt: „Die Grundlehre aller Grundlehren und die Säule der Weisheit ist, zu wissen, das; es einen Gott giebt, das erste Wesen, das alles Daseiende hervorgebracht hat", wo nicht „der Glaube", sondern „das Wissen" oder „die Erkenntnis; Gottes" als Erstes gefordert wird. Dieses Gebot der Erkenntnis; Gottes, nicht des Glaubens, findet derselbe in dem ersten Ausspruch der Zehngebote: „Ich bin der Ewige dein Gott, der dich aus Aegypten geführt" angegeben. Im Widerspruch damit scheint allerdings Maimouides' Aufstellung von Glaubenslehren, Dogmen, in seinem Mischnakommentar zu Sanhedrin, zu sein, die ausdrücklich den Glauben den Bekenner» des Judenthums aufcrlcgcn. Moses Mendelssohn geht in den obigen Sätzen über Maimonides hinaus und hält nur an dessen erster Lehre, welche die Erkenntnis; Gottes anstatt des Glaubens ausstellt, fest. Wir haben uns oben gegen diejenigen (die Mystiker) erklärt, die den Glauben ohne Gründe, den blinden Glauben, fordern; cs bleibt uns hier nur noch übrig, unseren Standpunkt gegen Letztere, die entgegengesetzt den Glauben als nicht zur Religion des Judenthrnns gehörig, betrachten, darzulcgen. Zunächst machen wir darauf aufmerksam, das; das Judenthnm seine Gesetze als geoffenbarte Gesetze ausgiebt, denen der Gvttesglaube vorausgehen muß, da ohne denselben das Bekenntnis! zu einer Religion von durch Gott gcoffenbarten Gesetzen undenkbar oder ein Trugwerk wäre. Sodann weisen wir auf die biblischen Stellen hin, wo Gott in! seiner näheren Bezeichnung für den Menschen verkündet wird: „Der Ewige, der Ewige ist ein Gott, barinherzig und gnädig", „denn der j Ewige läßt den nicht ungestraft, der seinen Namen zum Falsche» nusspricht", die ebenfalls den Glauben an Gott voraussetzcn. Hierzu kommen die vielen Allssprüche in dem biblischen und nachbiblischeu Schriftthum, die gegen den Uuglaubcu gerichtet sind und ihn brandmarken, sowie die, welche den Glaubell hochhcben und ihn verherr! lichen. Zu Ersteren gehören: 4, M. 14. 11: „Wie lange wird diese: i Volt nicht an mich glauben nach allen Zeichen, die ich in seiner Mitte voll führt habe;" GM. 9. 28: „da ward ihr widerspenstig gegen den Befehl des Ewigen eures Gottes und habt nicht au ihn geglaubt;" Psalm 78. 22: „denn sie glaubten nicht an Gott und vertrauten nicht seiner Hilfe;" das. V. 82: „und glaubten nicht an seine Wunder;" 4. M. 20. 12: „da ihr nicht an mich geglaubt habt, mich zu heiligen vor den Augen der Söhne Israels, solltet ihr nicht diese