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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-26 · Heft 37 (26.9.1890) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 37 (26.9.1890)
Date
1890-09-26
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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3 ist es, daß unsere Konsistorien nach dieser Richtung hin ohne jede Fühlung mit den übrigen deutschen Juden arbeiten. Der Rabbinerverband und äer Gemeindebund scheinen erst wenigen unserer Rabbiner bekannt zu sein. L2 Zweibrückerr, 18. September. Der Bezirksrabbiner Herr Tr. Mayer in Zw ei brücken hat an alle Gemeinden seines Rabbinats den nachfolgenden „Bußbrief" mit dem Titel: „Etwas über unsere Umgangssprache" zur Verlesung am ersten Iloseli-Im-selmim-Abend versandt: Eine talmudische Vorschrift verlangt, daß wir Gott für das Böse nicht minder loben sollen als für das Gute. Auch das, was uns löse erscheint, trägt oft Keime 511 unserer Besserung und Veredlung in üch. Einen schmerzlichen, aber triftigen Beweis für diese Wahrheit liefert uns die schon seit Jahren in unserem Vaterlande gegen uns gerichtete feindliche Bewegung. Dieselbe hat das eingeschlummerte i rdische Bewußtsein wieder geweckt und gekräftigt und reinigend i nd läuternd nach verschiedenen Richtungen gewirkt. Auch schlechte Werkzeuge fertigen oft Gutes und Brauchbares. Die Erreger und Führer dieser judenfeindlichen Bewegung sannen auf unser verderben, aber Gott wird es 31t unserem Heil sein lassen. „Ihr labt es böse gemeint, Gott aber gut" (1. B. M. 50, 20). Makellose Lebensführung, sittliche Veredlung Werder: feindlicher Rede und ähat stets am wirksamsten begegnen. Aber auch manche Aeußerlichkeiten, welche geeignet sind, uns verächtlich erscheinen zu lassen und uns gar eft Spott unb Hohn zuziehen, müssen weichen, damit wir auch hierin vox Gott und Menschen rein und tadellos erscheinen. Ich meine be- '.nlders die mannigfachen Mißbräuche, welche wir uns in unserer Umgangssprache zu Schulden kommen lassen. Indem wir in meist unrichtiger ritt) geschmackloser Form die Sprache der heiligen Schrift und unsere Landessprache durcheinander mengen, versündigen wir uns in gleicher Beeise an dem Geiste dieser Sprachen, an unserer und unserer Religion ä4ürde und an den Geboten des Anstandes und der Schicklichkeit. Die Sprache ist das Kleid des Gedankens. So aber ein Mensch sich hüllen r nrde in Kleidungsstücke, welche verschiedenen Nationaltrachten oder «Geschmacksrichtungen angehören - , würde er da nicht dem Fluche der Lächerlichkeit verfallen? Und wir wollten dasselbe mit der Einkleidung unserer Gedanken thnn und uns dadurch versündigen an uns selbst und V!gleich an der Reinheit und den: Wohllaut der deutschen und an der Keuschheit und einfachen Hoheit der hebräischen Sprache! Man ist jetzt in ehr denn früher bestrebt, den Besitzstand der deutschen Sprache zu lnahren, und gerade wir sollten diesen Bestrebungen nicht auch entgegenlommen, indem wir einer reinen Sprache uns befleißigen? Die Zeiten i' ib Verhältnisse, unter welchen unser Sprachgemengsel entstand, sind «>ottlob vorüber, und darum wollen wir auch unserer Zeit hierin den ' huldigen Tribut nicht länger vorenthalten und nur deutsch sprechen. Uub wenn wir noch das Hebräische rein und richtig sprächen! So aber, 1 ie wir diese Sprache, die uns doch so heilig sein sollte, sprechen, ver-; rren und verrenken wir dieselbe in so geschmackloser und gesetzwidriger ääeise, daß der unkundige Hörer nur ein abfälliges Urtheil über sie 'allen kann. Die Sprache, in der uns unsere höchsten Religiouslehren eifenbart wurden, in der wir zu Gott beten, mißbrauchen wir zu hüß- > chen, unangemessenen Ausdrücken; die Sprache der Thora wird zum dolmetsch niedriger Denkweise, zur Magd der Märkte. Und welchen bindruck muß es auf Unkundige machen, wenn wir in ihrer Gegenwart i-'id Gesellschaft Ausdrücke gebrauchen, die ihnen unverständlich sind? -erden sie sich nicht von uns abgestoßen fühlen und daraus ein Recht! vielten, uns als Fremde zu betrachten und von ihrer Gesellschaft aus- .'schließen? Es ist ein Zeichen mangelnden Schicklichkeitsgefühls, wenn! ir als Deutsche unter Deutschen nicht reindeutsch reden, sondern unsere l-'-edanken zu verhüllen trachten. Wahre Duldung besteht in der Anc-kennung auch der Ungleichheiten, so dieselben berechtigt sind. Niemand lH'er wird behaupten wollen, daß diese Ungleichheit ein Recht auf -"ldung habe. Darum laßt uns dieses Erbstück früher uns auferlegter Abgeschlossenheit oblegen eingedenk der talmudischen Mahnung: „Immer U'fleiße sich der Mensch einer reinen Sprache!" In dieser Erwartung begrüße ich mit Euch das neue Jahr, daß es hierin Wandel schaffe, und l!fe Euch wie immer zu:! 1271271 PBlft Üilffb in. Ans Westfalen, im September. Air dem zweiten Tage des Neujahrsfestes war in der Synagoge zu Münster dem Morgengvttesbienst eine Familienfeier angeschlossen, nämlich die Feier eines fünfzig- «adrigen Ehejubiläums. Dieser in jedem gli’icfItifjen Ehestande goldene Ehrentag ist von den Eheleuten Moses Löwenstein und Jeanette ^öwenstein geb. Wallach erreicht, welche beiderseits das Alter von ''> Lebensjahren zurückgelegt haben. Mochte schon die Erscheinung des greisen Ehepaars, das tu seinem bescheidenen und vielleicht stets mühevollen Lebenslaufe von der theilnehmenden Anfmerksanlkeit bisher unberücksichtigt geblieben war, einen rührenden Eindruck hervorgerufen haben, und zwar mit um so tieferem Ernste, als man beobachten konnte, wie die Sorgen des Lebens für die Seelenzüge des Alters ihre erkennbaren Spuren zurückgelassen, so wurden gleich sehr dilrch die Feier au sich die mit einander abwechselnden Gefühle der Erhebung unb Rührung in den Herzen der Anwesenden erweckt. An der Seite der heiligen Lade war ein siebenarmiger Leuchter angezündetauf der Estrade der heiligen Lade gegenüber waren zwei mit Guirlanden umschlungene Sitze nebeneinander aufgestellt; all beiden Seiten der Estrade je eine in einem Kunstgarten langjährig gepflegte Topfpflanze, deren Blüthe an Farbe dem Schnee des Alters gleicht, angebracht. Als das greise Paar, begleitet von seinen von tiefem Ernste ergriffenen Söhnen, dem ihm so sinnreich vorbereiteten Ehrenplatz zugeführt war und sich dort niedergelassen, begann der Prediger der Synagogen-Gemeinde, Herr Tr. Mansbach, die Trauuugshandlung. An dem Leitfaden von aus beit heiligen jüdischen Religionsurkunden entnommenen Aussprüchen hielt derselbe zunächst eine feierliche Ansprache, worin derselbe den unter Freud und Leid abwechselnden Verlauf des menschlichen Lebens schilderte und schließlich darauf hinlenkte, daß Tugend und Gottvertrauen unfehlbar 31t einem unveränderlich glücklichen Hoffnungsziele führe. Vor dem üblichen Segensspruche wurde die von Sr. Majestät unserm Kaiser uud König dem Ehepaare verliehene Ehejubiläums-Medaille, sowie ein vom Herrn Oberbürgermeister Windthorst dem Ehepaar gewidmetes Begleitschreiben durch genannten Prediger überreicht, welche Ehrenzeichen von dem Jubelpaar mit Ehrfurcht und unter stiller enthusiastischer Freude der Festversammlnng empfangen wurde. — Den Nebergang von dieser seltenen Feier zu der Tagesfeier des Neujahrsfestes bildete ein gleichfalls das Gemüth erbauender Gesang des Syuagogen-Gesaugvereins, sowie das von einem kunstgeübten Fachmann ausgeführte Orgelspiel. Möge mm dem greisen Ehepaar noch Jahre hindurch eilt ungetrübt glücklicher Lebensabend von der göttlichen Fürsorge beschieden sein! * Mannheim, 21. September. In dem hier erscheinendetl „Jsr. Volksblatt" läßt sich ein Lehrer aus Tholey gegen die fortwährende Neubegründung von kleinen und leistungsunfähigen Nnterstütznngskass e n folgendermaßen vernehmen: „Was sollen überhaupt diese vielen kleinen, macht- und kraftlosen Sparbüchsen, fälschlich Unterstütznngs- oder Hilfskassen genannt, die Anderen helfen sollen und leider selbst der Hilfe nicht entbehren können? Lasset Euch also rathen dort drüben in Euren nassauischen Silberbergen, und dieses wohlgemeinte Mahnwort gilt auch allen anderen jüdischen Lehrern in weiter Runde. Anstatt an die Gründung eigener, schwacher Unterstützungskassen zu denken, werbet fort und fort für recht viele und treue beitragende Ehrenmitglieder zttr Achawa oder zu jeder andereu bereits bestehenden Hilsskasse oder Pensi'onsfonds, welche für dienstunfähig gewordene israelitische Lehrer und Kultusbeanzten und deren Wittwen und Waisen bestimmt sind, und daun helfet auch dazu beitragen, daß die bereits bestehenden Hilfskassenvereine korporirt werden. Und wirken wir Alle im lieben Vaterlande in diesem Sinne, dann können wir getrost in die Zukunft blicken; denn unsere Brudervereine haben dann eine sichere Existenz und bieten den Unterstützungsbedürftigen auch nennenswerthe Mittel zur Subsistenz. Einsender dieses ist überhaupt gegen die vielen kleinen Vereine, mögen sie von oder für Lehrer bestimmt sein. Anstatt wir in Deutschland fast in jedem Ländchen, in jeder Ecke einen Lehrerverein und so und so viel Vorsteher und Prüsidentchen haben, können wir schon mit der Hälfte auskommen; die kleinen Vereine sollten sich eben den'größeren anschließen, dann könnte auch was Tüchtiges geleistet werden, so aber giebt's nur Stück- und Flickwerk." Tüchten Viele so, so würde es um die Sache der jüdischen Lehrer heute besser stehen. 8. Aus Württemberg 22. September. Während unsere jüdischen Landgemeinden durch Wegzug kleiner werden, sich manche auch schon ganz aufgelöst haben, bilden sich in Städten, wo vor 3 bis 4 Jahrzehnten noch kein Israelit wohnte, neue Gemeinden. So bildete sich voriges Jahr eine Gemeinde in Oehringen, und in dieser Woche hat das K. Ministerium des Kultus in Anwendung des Art. 40 des Israelitengesetzes von 1828 die Bildung einer israelitischen Gemeinde in Gmünd unter Zutheilung an das Rabbinat Oberdorf verfügt. Oesterreich - Ungarn. * Debreezin, 18. September. Bei seiner hiesigen Anwesenheit empfing der Kaiser v. Oesterreich auch die Deputation der israeli-

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