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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-26 · Heft 37 (26.9.1890) · p. Seite 487

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 37 (26.9.1890)
Date
1890-09-26
Page
Seite 487 (sequence 11)
Language
German
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487 gUtig, ob der kühne Flug meiner orientalisch angesäuselten Phantasie vor einem Ahasverus oder Rübezahl unterbrochen wurde; doch diese Indifferenz war nur von kurzer Dauer, denn kaum hatte sich der Fremde mit seinem großen Reisesack, dem landesüblichen Bettzeug und Mundvorrath in unserem Wagenverschlage häuslich eingerichtet und auf dem gegenüberliegenden Sitze behaglich ausgestreckt, spann er mit einer seine abendländische Gesittung verrathenden artigen Bemerkung über das gloriose indische Wetter ein Gespräch mit mir an, das gar bald sprungweise auf eine Reihe interessanterer Gegenstände überging. Mein Geführte rühmte mit beredten Worten die großen Vorzüge, die den schottischen Whiskey ebensowohl im Polareise wie in der Tropengluth vor allen anderen Schnäpsen, allen Lorten von Bier und Wein anszeichnen, und um dies Praktisch zu oeweisen, kredenzte er mir von seinem Borrath einen „peg“ mit Sodawasser und Eis. Seine Marke war „Glen Tarras" — dieselbe, me meines Wissens auch von der Königin von England öfter sogar 'ein Champagner vorgezogen wird. Ich hatte nicht sobald diese Thatsache erwähnt, als er mit dem jubelnden Ausruf: „Habe ich es ahnen nicht gesagt, daß schottischer Whiskey ein wahrhaft königliches stctcünk ist? Gott schütze die gute Königin!" mir neuerdings das Glas füllte rind auf die Gesundheit Ihrer Majestät zu trinken mich einlud. In demselben Maße, als ich ihm zuliebe das Borurtheil übervand, das ich seit jeher gegen alle Whiskies wegen ihres an Zahnropfen erinnernden Ereosot-Bouquets empfand, gewann unser frcunduachbarlicher Berkehr an Lebhaftigkeit und Wärme. Ich freute inich, ahne einen triftigen Grund dafür angeben zu können, daß er Sampson iicß, in Schottland geboren war, seit fünfliudzwanzig Jahren im »dischen Staatsdienst stand und eine höhere Beamtenstelle bekleidete. Ucht mindere Freude bereitete es mir, als ich durch einen jener Zuälle, die uns so häufig im Leben der Unannehmlichkeit überheben, neugierig zu erscheinen, in Erfahrung brachte, daß er auch musikalisch gebildet sei. Während er nämlich damit beschäftigt war, aus seiner mluminösen Handtasche einige Tritschinopoli-Zigarren zu holen, drang ms derselben zu meinem nicht geringen Erstaunen ein mysteriöses Miauen und Meckern, worauf ein polypenartig gestaltetes buntscheckiges Etwas zum Vorschein kam, in welchem ich einen mit schottichen Bändern und Silberbeschlügen verzierten Dudelsack erkannte, ich konnte nicht umhin, meiner Verwunderung durch ein „Oh!" Luft ui machen. „Das ist mein Lieblings-Instrument," sagte er mit einem iebcvollen Blick auf das seltsame Ding und setzte nach einer Pause bescheiden hinzu: „Doch ich pflege, um Andere nicht zu belästigen, me für seine vielsagende Stimme kein Berstündniß haben, es auf meinen Reisen nur dann zu spielen, wenn ich in einem Coupo illein bin." Es wurde mir nicht schwer, ihn zu überreden, daß, obzwar er Dudelsack bei mir daheim aus irgend einem mir noch unbekannten strande kein fashionables Instrument für Kammermusik sei, mir »essen Töne schon ihrer Seltenheit wegen selbst in geschlossenem Raume mr Abwechselung nicht unangenehm wären. Wir rasten bald darauf unter den Klänge» eines „Flink“ so oll dahin, als ob dieselben auch der Lokomotive in die Glieder gewhren wären. So ging es eine Zeitlang fort, bis endlich dem Dudelsackpfeifer der Athem und der Lokomotive der Dampf auszugehen schien. Er bestattete das Instrument wieder in die Tiefen »eines Reisesackes, und nachdem Lunge und Puls wieder ihre normalen Funktionen aufgenommcn, Hub er neuerdings ein Gespräch an. „Der Dudelsack ist zweifelsohne ein sehr altehrwürdiges Instrument," sagte er. „In der That bin ich des Glaubens, daß es ein Zeitgenosse der Posaunen von Jericho, sowie der Harfe Davids war und von unseren Altvordern aus dem Libanon nach dem schottischen Hochland mitgebracht wurde." — „Sic meinen wohl durch die Kreuzfahrer unter Richard Löwenherz?" fragte ich. — „Mehr als tausend Jahre vor ihm," erwiederte er. „Wissen Sic denn nicht, daß wir Schotten, sowie die Engländer und Iren die direkten und unverfälschten Nachkommen der neun, oder um exakt zu sein, der neun und ein halb verlorenen Stämme Israels sind? Sie lächeln? In, ich selbst habe vor vielen Jahren auch über die Idee gelacht, doch seit ich die „Identifikation" von Edward Hine und anderen BibelforscheriMelesen und wieder/gclesen, glaube ich an deren Authentizität ebenso fest, wie an die Wahrheit der Bibel selbst. Kein Christ, Jude oder Moslim kann daran! zweifeln, daß die neun Stämme Israels — unterschiedlich von j den Juden, welche Nachkommen der drei Stamme Judah, Lcwi und | Benjamin sind — noch cxistiren. Wo sind sic nun? Glauben Sic! etwa an die abgeschmackte Fabel, daß die Zigeuner mit ihnen identisch seien?" „Keineswegs," antwortete ich; „denn wenn ich auch Lelands oder Borrows einschlägige Schriften nie gelesen hätte, würde mich der Augenschein allein schon davon überzeugen, daß die Zigeuner nicht semitischen, sondern indischen Ursprungs, Blutsverwandte der Tschandalahs sind." „Nun gut. Und ist nicht die Theorie von der Jndentität der Afghanen mit dem Volke Israels ebenso,hinfällig?" „Ich denke kaum," wagte ich einzuwendcu. „Ich habe kürzlich mehrere Afghanenstümme kennen gelernt und nmr von ihrem durchweg semitischen Typus überrascht." „Das Aussehen allein kann in einer so entscheidenden Wcltfrage nicht den Ausschlag geben, zumal man weiß, daß sich dasselbe unter anderem Klima und Lebensverhültnissen im Laufe vieler Generationen ändert." „Sir W. Jones versichert, daß viele afghanische Familien die Namen israelitischer Stämme führen, daß die Afghanen selbst sich für die Nachkommen derselben halten und daß die besten persischen Autoritäten ihnen beipflichteu. Dies wird von Sir I. Malcolm dahin vervollständigt, daß fast alle mohamedanischen Forscher in dem Punkte im Einklang sind und daß ihm selbst eine genealogische Tabelle, eine Art Gothaer Almanach, in die Hände kam, welche Nachweisen sollte, daß alle hervorragenden Afghanenfamilicn in direkter Linie von den alten Königen Israels abstammen." „All diese Annahmen und Behauptungen sinken in Nichts zusammen angesichts der „Identifikationen", die wir auf Grund der unwiderlegbaren Prophezeiungen Ezekiel's nnd Jerenüah's und geschichtlicher Fakta für unsere Sache ins Feld zu führen im! Stande sind. Ich will nur ein Argument geltend machen. Es steht geschrieben: „Und sie (die Stämme Israels) werden Besitz nehmen von den Thoren zu anderer Völker Ländern." Sehen Sie sich nun die Weltkarte an und urtheilcn Sie selbst. Da ist das Eingangsthor von Gibraltar zu den an das Mittelmcer grenzenden! Ländern: Spanien, Frankreich, Italien, Oesterreich-Ungarn re. re.! Ist es nicht schon in unserem Besitz? Malta und Eypern übergehend, j kommen wir zum Suezkanal, dem Thor zwischen Abend- und! Morgenland; fiel es nicht durch die Okkupation Aegyptens in unsere! Gewalt? Dann kommen die Thore von Aden mit Perim; und! Singapur, das Thor zu dem von gotteslästerlichen Heiden als I „Himmlisches Reich" bezeichneten China — sind wir nicht die Herren derselben? Sehen wir uns nun näher daheim um: ist nicht das Thor des englischen Kanals zu den Ländern der Nordnnd Ostsee thatsächlich in unseren Händen? Und (er hielt mich offenbar für einen Deutschen, denn er sagte das Nachfolgende mit einem lriumphircnden Ausdruck in Ton und Geberde) ist nicht Helgoland, das

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