Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 37 (26.9.1890)
- Date
- 1890-09-26
- Page
- Seite 485 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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485 Unter der (?rbc sollst Du sein, höre ich ihre Stimme; o denke;ii), die ist gewiß noch von gestern her böse. Sei still unb öffne, ritfe ich. Geh zum Teufel, lautete die zweite Antwort. Ich machte mir licht viel daraus, ging nach dem Bethamidrasch und legte mich Acht an den Ofen schlafen. Zu meinem Unglück strömte von dort tohlendunst aus, und ein paar Stunden spater brachte mau mich oie tobt nach Hause. Was hat die Frau damals getrieben! Ich orte wohl ihr lautes Weinen. Mau beruhigte sie, daß der Zustand M)t gefährlich sei, daß es nur ein. unschädlicher Kohlendunst mx. Sie wollte aber nicht glauben, wollte nur den Arzt holen, meinte, jammerte und rief: mein Mann, mein guter Mann, mein Fadisdiit (meine Zierde). Wie mir besser wurde, fragte ich sie mstig: Rebekka, willst Du eine Scheidung? Geh zum . . ., aber ohne ihren Fluch zu eudigen, sing sie an u meinen. Wie glaubst Du, Schmerl, Gott wird mich gewiß bestrafen für mein Fluchen, für meine Wuth? Aber kaum war ich gesund, so war es mit Rebekkas Güte aus. \t Muud ging wie mlf Rädern, die Zunge wie auf Schrauben : itb sie kratzte wie eine Katze. Ha, ha ha, schade um Rebekka. Sie mitte gar keine Freude au ihren Kindern erlebt. . . . Heute geht es; men gewiß in der Welt gut, alle sind Handwerker, und ein Handmerk läßt nicht vor Hunger sterben. Daß sie aber gar nichts schreiben, ■in Wunder; selbst schreiben können sie nicht, und Jemanden darum m bitten, ist nicht schön. Und was kann das für ein Brief sein. Sie mid alle jung, vergessen leicht. Wenn es ihnen nur gut geht! Aber e arme Rebekka liegt begraben, schade um Rebekka! Wie ich meine Stelle verloren habe, fingen ihre Kräfte an zu imnnben, beim bevor ich Bote wurde, bevor man mir Geld und ■'(ontrcifte anvertraute, fehlte uns das Stiickchen Brod. Meine Person war das Geringste, ein Mann, früherer Kantonist, kann auch -mmol einen Tag nicht essen. Aber sie, sie grämte sich schrecklich. Eine umme Frau, verliert gleich die Kräfte, sie konnte nicht mehr fluchen; mm ganzen Muth verlor sie und weinte nur beständig; das Leben mnrbe mir eklig. Eine Angst überkam sie, daß mir nichts fehlen Hüte. Da sie Angst um mich hatte, wurde ich Herr. Ich rufe, ’ brete, warum ißt Du gar nichts? Ich wurde wüthend, wollte sie! olagen, aber schlage einmal ein weinendes Weib. Sie sitzt mit isammeugefalteten Händen und antwortet leise: Iß Du vorher, was ' eibt, wird für mich genug sein! Einmal ging ich nach der Stadt, mit etwas zu verdienen, und als ich nach Hause kam, fand ich das tückchen Brod unberührt, sie vertheidigte sich, sie könne trockenes "rot nicht essen, sie müsse ein wenig Brühe haben. — Tief beugte üchmerl sein graues Haupt auf die Brust, als wenn eine schwere v.i|t ihn drückte. Und wie hat sie geweint, als ich meinen Mantel versetzen wollte. Hefen Mantel, welchen ich jetzt trage. Was hat sie angegeben! Sie ' f hin, versetzte ihre Sabbathleuchter; und bis zu ihrem Tode betete! : über Lichtern, die sie in Kartoffeln hineingesteckt hatte. Bor nremTode sagte sie mir, daß sie sich nie Hütte scheiden lassen wollen; ' e habe es nur so aus Wuth gesagt. Die Sünde der Zunge — der Zunge! schrie sie; verzeih es mir, e Allmächtiger im Himmel! Sie starb in der schrecklichsten Angst, daß man sie nach dem -mde an der Zunge aufhängen werde. Gott, sagte sie zu mir, m Ivb kein Erbarmen über mich haben; ich habe zu viel gesündigt, 'iber wenn Du kommen wirst, nicht jetzt — Gott behüte —, nur nach hundert Jahren, vergiß es nicht, mich von dem Galgen herunternmehmen. Sage dem höchsten Gerichte, daß Du mir verziehen | hast. . . . Sie verlor das Bewußtsein, rief beständig nach den I Kindern, glaubte, alle im Zimmer zu sehen, mit ihnen zu sprechen! und sie um Verzeihung zu bitten — dumme Frau, wer hätte ihr j nicht verziehen!! Wie alt war sie überhaupt, als sie starb? Fünfzig Jahre kaum,! so jung. - - Ist es denn ein Wunder, daß der Mensch sich allein! tobtet, daß er das halbe Leben verliert, wenn mau ihm das vom ' Hause hinausträgt, was er so gern halte? Sie wurde jeden Tag! gelber, magerer; sagte oft, sie fühle, daß sie bald sterben werde, j Wie lieb hatte sie ihr Zimmer und Alles, was darin war! Was; man nur hiuaustrug, ein Bänkchen, Töpfchen oder weiß ich was, be- : goß sie mit Thrüuen. Sie verabschiedete sich von der kleinsten Sache,! wie eine Mutter von ihren Kindern; sie faßte Alles an und wollte j Alles küssen. | Wenn ich sterbe, sagte sie, wirst Tu nicht mehr in diesem! Zimmer bleiben. Eine Frau ist immer dumm , bald ist sie eine Heldin und bald; ein Kind. Ein großer Unterschied, ob man im Zimmer stirbt, wo ine Bank ist oder nicht! Pfui, unterbricht sich Schmerl, was ich für Gedanken habe! Nur die dummen Gedanken haben daran Schuld, daß ich so langsam gehe. Vorwärts, ihr Soldatenbeine, vorwärts! tommaudirt er. Er j blickt sich mit, rings mit ihn her herrscht eine tiefe Stille; die j ganze Welt ist in ein weißes Schneegewand gehüllt, der graue! Himmel ist wie mit dunklen Flecken bedeckt.! So wie mein Mantel, denkt Schmerl, Tuch mit baumwollenen Flicken, Ribone sdiel Olam (König der Welt), hast Du keinen Kredit im Laden mehr? Die Kälte nimmt aber immer mehr und mehr zu. Schmerls! Bart und Haar sind mit Schnee bedeckt, nur der Kopf ist warm,! und von der Stirne rinnt der Schweiß — die Füße frieren immer mehr. - Es ist zwar nicht mehr so weit, ich könnte einen Augenblick! ausruhen. Er schämt sich vor sich selber. Wann hat er bis jetzt! ansgeruht während eines Botenganges von zwei Meilen? Er will! sich das nicht eingestehen, daß er ans seinen Schultern 80 Jahre! trage, und daß es Zeit wäre auszuruhen.! Nein, nur weiter gehen; so lange man geht, tragen die Füße.! Wenn Du der Versuchung erliegen und ausruhen wirst, ist es schlimm, j man kann sich sogar erkälten. Bis zum Dorfe ist ja nicht mehr weit, j dort werde ich ausruhen. Aber das gönne ich mir und gehe nicht! gleich zum Gutsherrn; man muß eine Stunde auf dem Hofe warten; ich gehe gleich zum Juden, dort kann ich mich erwäruieu und waschen, l dort kann ich auch etwas essen. j Ein Verlangen nach etwas Eßbarem überkommt ihn, und er! erinnert sich, daß er seit Morgen nichts gegessen habe. Das ermuntert ihn — Hunger ist ein Zeichen des Lebens - ach, die Füße! Nur noch einige Viertelmeilen, mau sieht schon die Scheunen, die zum! Dorfe gehören. Die Füße sehen aber nichts und wollen durchaus j ruhen. Und was wäre es, denkt er, wenn ich einen Augenblick aus-! ruhte, eine Minute, eine halbe Minute. Tie Füße waren so lange i gehorsam, daß ich ihnen auch einmal etwas gönnen kamt. Und Schmerl setzt sich auf einen kleinen Haufen Schnee an j der Seite. Jetzt erst fühlte er das heftige Pochen seines Herzens, wie ein Hammer schlägt es laut in ihm. Die Brust schmerzt ihn | fürchterlich, der Kopf brennt — ein Schreck überkommt ihn. Und! wenn er unwohl würde! -- Ich trage fremdes Geld bei mir, denkt : er, Gott sei Dank, daß man Niemanden sieht; und wenn sogar! Jemand kommen sollte, wird er auch nicht denken, daß ich Geld j bei mir habe. Nur einen Augenblick, und dann vorwärts!! Aber die Augen fallen ihm schwer zusammen. Nein, Schmerl,