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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-26 · Heft 37 (26.9.1890) · p. Seite 484

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 37 (26.9.1890)
Date
1890-09-26
Page
Seite 484 (sequence 8)
Language
German
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484 ■w* Feuilleton. *•*>-*- Der Äote. ) Jl'on Eleonore Birnbau ur. Er geht. Der Wind bläst durch sein langes Gewand und zerzaust seinen weißen Bart. Beständig legt er die Hand auf die von Stichen gequälte Brust aber er will sich das selbst nicht glauben und bildet sich ein, daß er nur nach der Tasche greife. — Wenn ich nur nicht den Kontrakt lind das Geld verliere! . . . Das ist das Einzige, um was er vor Angst zittert. Hub wenn man Stechen in der Brilst hat? Eine große Sache. Ich habe Gott sei Tank noch genug Kraft, um eine solche Botschaft zu verrichten. Andere in meinen! Alter machen nicht einmal eine Biertelmeile; ich, gelobt sei Gott, brauche noch Niemanden — kann mir allein mein Stückchen Brot verdienen. Geld vertrauen mir die ^eute an. Wenn das mein Eigen wäre, was man mir bis heute anvertraut hat, brauchte ich nicht mit meinen 7o Jahren Bote zu sein. Aber weint der liebe Gott es so will, so ist auch das gut. Dicht fällt der Schnee vom Himmel; aber darmu bekuminert er sich nicht; er trocknet nur fortwährend das vom Schnee benetzte Gesicht. Nur noch eine halbe Meile habe ich vor mir, das ist ia kein großer Weg. Biel näher als bisher. Man sieht sogar jetzt die Stadtuhr, das Kloster und die Kasernen nicht mehr. Also vorwärts! Schmerl! vorwärts! Und Schmerl geht weiter: feine alten Beine tragen ihn kaum aus den tiefen, nassen Schnee heraus. Gott sei Dank es ist kein großer Wind. Schrecklich wäre nur für ihn der Sturmwind. Mit eisigem Hauche bläst aber doch der Wind und schlägt ihn ins Gesicht, daß er karnn athmen kann, lockt ihm die Thränen aus seinen alten Augen und sticht ihn wie mit Nadeln. Tie Augen haben ihn ja aber iunner weh gethan. — Jur das erste Geld, denkt er, kaufe ich mir eine Brille, eine große runde, welche gänzlich die Augen verdeckt. So Gott will, werde ich auch dazu kommen. Wenn man mich nur täglich mit Botschaften schicken wollte, weite — sehr weite — gehen, Gott sei Tank, kann ich, und zu einer Brille könnte ich mir dann das Geld schon ersparen. Ich brauche zwar ein Pelzchen, es wäre mir darin leichter um's Herz, ich habe aber einstweilen noch einen warmen Mantel. Wenn er nur nicht so reißen wollte, wäre er noch ausgezeichnet; das ist nicht so einer, wie man sie jetzt macht -- er lacht vergnügt — kein Spinngewebe, aber vom guten Tuch. Der wird niich überleben: der zerfällt nicht so leicht wie die jetzigen modernen Stoffe, und ist so breit, daß ich mich in ihn einwickeln kann. Ein Pelz wäre doch nöthig, denkt er weiter, er wärmt, ist aber nur für den Winter gut; eine Brille dagegen kann iunner nützlich sein, besonders im Sommer, wenn der Staub in die Augen sticht. Wenn mir nur der liebe Gott helfen wollte, daß ich das Korn abnehme, vier (dulden werde ich sicher dabei verdienen. . . . Und er geht weiter, der kalte nasse Schnee peitscht ihn ins Gesicht, der Wind wird stärker und die Stiche in der Brust werden heftiger, schmerzlicher. Wenn nur der Wind eine andere Richtung nehmen wollte! Bielleicht ist es so besser. Wenn ich zurückgehe, wird nur der Wind '» Diese Skizze ist eine Uebertragung ans dem jüdisch deutschen Jargon, in dem gegenwärtig in Polen und Galizien eine reiche Litte ratnr entsteht, die manche vortreffliche uub poetische Erzählung zu Tage fördert. Die Red. im Rücken sein; man wird dann ganz anders gehen — leichter, ruhiger. Er mußte einen Augenblick stehen bleiben, um Athem zu schöpfen; das beunruhigte ihn etwas. — Was ist denn los mit mir? Wann hatte ich vor Wind und Frost Angst? Habe ich denn wenig als Kantonist gelitten? fragt er sich traurig. Und vor seinen Augen taucht das Bild des alten Führers auf, der die kleinen Kinder wie Gänse durch : Thal und Berge trieb. Er steht wie verkörpert vor ihn!. Er sieht. wie er sie alle traurig, sehr traurig anblickt und sich heimlich ' mit den grauen Aermel die Thräne trocknet. Er hört seine Flüche — schreckliche, fürchterliche — er flucht aber nicht sie, nur die ganze weite Welt. — Marsch! Marsch! tönt weicher seine Stimme. Oft geschah es, daß er den schwächsten, der kaum gehen konnte, auf seine Schultern nahm und ihn ein Stück Weges durch den tiefen Schnee trug. Marsch! Marsch! ging es weiter. . . . Wo ist jetzt der alte Führer, wo'seine Gefährten? Er lebt gewiß nicht mehr; nur sie leben vielleicht noch, und wenn sie leben? Wozu aber diese traurigen Gedanken. Wenn der liebe Gott den Menschen Kraft giebt, kann er alles anshalten. Und der Gedanke, daß der liebe Gott ihm diese Kraft gegeben, daß er alles Leid, Schnee, Wind, Kälte, Hunger und Durst ausgehalten hat, macht ihn stolz. Er hebt mit frischem Math den Kopf empor und wandert weiter. Der Wind hat ein wenig nachgelassen, die Dänunerung bricht herein. Auch ein Tag! brummt er und geht iunner schneller, damit er nicht von der Nacht überfallen werde. Er fühlt zwar etwas Hunger, aber was schadet das, wenn man Hunger hat; er weiß, daß Appetit eine gute Sache ist. Tie Kaufleute, deren Bote er ist, beklagen sich immer, daß sie keinen Appetit haben, er, Gott sei Dank, kann sich darüber nicht beklagen, nur wenn er krank ist. Gestern z. B. : glaubte er, daß das Brod zu sauer sei, und doch war das ein feines gutes Kommisbrod, dessen sich nicht viele jüdischen Bäcker rühmen konnten. Es war eine reine Lust, es zu schneiden. Er fühlte sich aber etwas unwohl . eine Kälte lähmte ihm die Glieder. Gott fei Tank, daß das selten vorkonnnt. Auch jetzt hat er Appetit; er ha!! sogar Brod und Käse in der Tasche; den Käse hat er von der Frau des Kaufmanns bekommen; Gott schenke ihr die Gesundheit dafür. Eine gute Frau - sie hat ein jüdisches Herz. Wenn sie nur nicht so fluchen wollte, was für eine vorzügliche Jüdin wäre das! Bor seinen Augen steht plötzlich das Bild seiner verstorbenen Frau. Ganz so wie meine Rebekka — auch sie hatte ein gutes Herz - und fluchte auch dabei beständig. Wenn ich nur eins von den Kindern in die Welt schickte, weinte sie in einem fort, obwohl sie. wenn dieselben zu Hause waren, ihnen immer fluchte. — Und wie war es dann, als eins von ihnen starb. Wie eine Schlange wälzte sie sich aus der Erde und schlug sich den Kopf mit den Fäusten, sie wollte sogar einen Stein zum Himmel werfen. Aber 1 Gott achtet viel auf so eine dumme Frau! Sie erlaubte nicht, den Leichnam aus dem Hause zu nehmen, und wollte die Mitglieder des frommen Begräbnißvereins schlagen. Was für eine Kraft hatte sie damals! Sonst glich sie einer Fliege, und doch solche Kraft, solche Kraft! Sie war aber eine gute Frau, die mich sehr lieb hatte, obwoh! ich nie von ihr ein gutes Wort hörte; sie schrie iunner, sie wollte sich von mir scheiden lassen, wenn nicht, verlasse sie das Haus. Im Ernß aber dachte sie an keine Scheidung. Ich erinnere niich noch, sind i das alte Geschichten! ich war damals als Nachtwächter angestellt, I um zu spähen, ob man keine Kontrebande treibt. Eines Morgens.! steif vor Frost, ging ich nach Hause und klopfte an.

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