Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 37 (26.9.1890)
- Date
- 1890-09-26
- Page
- Seite 483 (sequence 7)
- Language
- German
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483 Aus jener großen, Jahrhunderte laug sich fortziehenden Völkerströmung, die wir die Völkerwanderung nennen, taucht unter anderen seltsamen Gebilden auch im Nordosten des kaspischen Sees das Volk der Chazaren auf. Man weiß nicht, woher sie kommen, noch weß! Stammes sie sind. Sie selbst schreiben sich biblischen Ursprung zu. Wie die Hunnen wollen sie von Togarmah, dem Sohne Japhets, abstammcn. Zwischen der Wolga und dem Ural haben sic sich, iviederum weiß Niemand, wie, ein Reich begründet, das weder ferne Feinde noch mißgünstige Nachbarn zerstören konnte». Sie sind Heiden und haben eine eigene Sprache, die mit keiner der benachbarten Völker Gemeinsames hat. Etwa im achten Jahrhundert nahmen sie, König und Volk, das Judenthum au. Bulang, so hieß damals ihr Chagan. soll vorher eine Disputation zwischen einem Christen, einem Moslem und einem Juden veranstaltet haben und sich! dann mit seinen Unterthanen den Ansichten des Letzteren anj geschlossen haben. Jndeß mögen es vielleicht auch politische Gründe i gewesen sein, die den König dazu veranlaßt haben mochten, keine der Religionen auzunehmen, die in den Nachbarreichen die herrschende war. Die Kllnde aber von diesem großen jüdischen Reich drang über Deutschland sogar bis nach Cordova in Spanien. Dort lebte etwa um das Jahr WO der berühmte Abu Jusrif Chisdni bcn Schaprut, der am Hofe der Khalifen eine angesehene Stellung als Minister bekleidete, obwohl er ein glaubenseifriger Jude war. Ihn regte die Botschaft mächtig auf. Sie erschien ihm wie eine Erfüllung der mcssianischen Idee in dem biblischen Segen Jakobs: „Nicht wird weichen das Szepter von Juda!" Er schrieb einen Brief, der gleich- \ falls noch erhalten ist, an den König jenes fernen Landes und bat »in Auskunft. Dieses Schreiben sandte er durch einen zuverlässigen i Mann über Byzanz zunächst, dann über Ungarn, Bulgarien und! Rußland in das Land der Chazaren. „Wüßte ich," so heißt es in diesem Schreiben, „daß dem also wäre, ich wollte meine Herrlichkeit gering achten, meine Größe abwerfen, meine Familie verlassen und über Berg und Thal wandern, bis ich zu dem Orte käme, wo mein Herr und König herrschet, um seine Majestät und Würde, den Sitz seiner Unterthanen, den Zustand seines Volkes und die Ruhe der Uebcrreste Israels zu schauen!" Das Schreiben hatte das Glück, trotz aller Fährnisse des Weges, an den Ort seiner Bestimmung und in die Hände des Chazaren- : fürsten Josef zu gelangen, der sich alsbald beeilte, seinen fernen Glaubensbrüdern mit gleicher Herzlichkeit zu antworten und ausi führliche Kunde von den Sagen, der Geschichte, der Lage und i Verfassung seines Landes zu geben. Das ist nun der in dem i Buche Jehuda Halevis zuerst veröffentlichte Chazareubrief, ein historisches Aktenstück von eminenter Wichtigkeit für die Geschichte des slavischen Orients.! Auch Josef erzählt darin von seiner Bekehrung zum Judenthum,! die etwa um das Jahr 740 stattgefunden habe. Auch er berichtet : von den Gesandten, die Kaiser und Chalif au ihn abgeschickt, um j die Chazaren dem Christenthum von Byzanz oder dem Islam von! Bagdad zuzuführen. Nachdem beide und auch der vom König zu-! gezogene Jude die Vorzüge ihrer Religionen auseinandcrgesetzt, sendet; der König alle drei nach Hause. Am dritten Tage läßt er den Mönch kommen — dürfen wir in ihm unfern Philosophen Constantin Cyrillus erkennen? — und fragt ihn, ob er dem Islam den Vorzug gebe oder dem Judenthum. Und der Apostel antwortet: „Wisse, j o König, daß es auf der ganzen Wett keinen Glauben giebt, als den Israels. Denn Gott hat Israel vor alle» Völkern auserwählt, es seinen erstgeborenen Sohn genannt, ihm Zeichen und Wunder erwiesen, es aus Pharaos Knechtschaft erlöst, durchs Meer geführt, ihm Manna, Wasser und die Lehre gegeben, das gelobte Land und den Tempel geschenkt. Sic aber sündigten vor ihm, da zerstreute und vertrieb er sie »ach allen Winde». Wäre dies nicht gewesen, dann gäbe cs auf der ganzen Welt keinen Glauben, wie den jüdischen." Am andern Morgen ließ der König den Kahdi rufen und fragte ihn, ob er dem Christeuthum oder dem Jndenthum den Vorzug gäbe. Dieser entschied sich gleichfalls für das letztere. Daraus erwählte der König, sicher zum Erstaunen der Beiden, in der That das Judenthum. Dieses geschah, wie bereits gesagt, etwa um das Jahr 740. In der slavischen Legende wird aber der Religionswechsel der Chazaren etwa in das Jahr 861 verlegt und endet dort mit dem Siege des Christenthums. Nun steht aber durch den Chazareubrief urkundlich fest, daß sie noch im Jahre 050 Juden waren. Allerdings hatte ihre Macht, als Josef jenen Brief an seine spanischen Glaubensgenossen richtete, bereits den Höhepunkt überschritten. Aber noch im Jahre 986 sandte der Chazarcnfürst David aus der Krim eine Deputation nach Kiew an den Großfürsten Wladimir, der in der damals beliebten Art einen Religionswechsel vornehmen wollte, um ihn zum Judenthuni zu bewegen. Wie cs scheint, war diesmal nicht der Rabbi, sondern der Mönch redegewaltiger und überzeugender. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so wären heute alle Russen — Jude»! Im Jahre 1016 soll ein griechisch-russisches Heer unter MonguS Audronicus das Chazareureich erobert und zerstört haben. Nach einer anderen Version soll schon im Jahre 088 Großfürst Wladimir die politische Existenz der Chazaren vernichtet haben, die fortan in völlige Vergessenheit gcrathen. Erst das Buch Jehuda Halevis und die slavischen Apostellegenden haben das Gedächtniß dieses merkwürdigen Volkes, das auf einmal so spurlos aus der Geschichte verschwunden, erhalten und wieder aufgcfrischt. Ter chazarische Königsbrief ist ein historisches, durch arabische und russische Quellen beglaubigtes Aktenstück. Tie slavische Legende kann durch ihn ergänzt und tontrolirt werde». Es ist seltsam, das; die Historiker, die dieser Legende ihre Aufmerksamkeit in so reichem Maße zugewendet, diese Quelle bisher meistcutheils kaum beachtet haben. So bleibt cs ein merkwürdiges und in den Tagen des auf die Spitze getriebenen Nationalitütsprinzips und des seine Einigkeit feiernden Panslavismus besonders interessantes Schaustück für vorurtheilsfreic Beobachter, dies seltsame Spiel der Weltgeschichte vorbeiziehen zu sehen. Welche Bilder und Gestalten tauchen da vor unserem Auge ans! Aus kimmerischer Nacht dringen die Chazaren hervor, von dem letzten Sitz griechischer Kultur, von dem goldenen Byzanz, gehen die beiden Apostel des Christenthums aus. Daneben entfaltet sich die Blüthe der arabischen Kultur, und die Fahne des Propheten weht siegreich über die pyrenäische Halbinsel, wo ein einsamer Denker den höchsten Problemen des Menschengeistes uachsimu. Slave», Russen, Araber und Juden, Mönche, Moslems und Rabbiner vollenden das märchenhafte Bild, das einen tiefen Einblick in die allgemeine Geschichte der Religion gewährt und aus dunklen Zeiten einen wohl zu beachtenden Fingerzeig für eine ferne Zukunft bietet, in der jener von erhabenen Geistern aller Zeiten ersehnte Synkretismus der Religionen zu einer Weltreligion sich herausgebildet haben wird, die die gefammtc Menschheit in einem Bekenntnis; der Bruderliebe und der GeisteSfreihcit einigen wird. U