Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 37 (26.9.1890)
- Date
- 1890-09-26
- Page
- Seite 482 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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482 gegen Judenthum und Islam aufgctreten, ja er habe das ganze Bolk! von den Jrrthümern zurückgebracht, „welche sie aus dem Afterglauben! der Sarazenen und Inden eingesogen hatten"; Andere behaupten! freilich das Gegentheil. j 3öa* unu* das aber für ein merkwürdiges Volk, diese Chazaren, halb aus Juden, halb aus Muhammedanern bestehend, das eine so; rege Verbindung mit Byzanz und Bagdad unterhielt? Diese Frage! hat um so größere Berechtigung, als wir weder aus unseren Schulj kompendien, uoeh au* den populären Weltgeschichten etwas über dieses! geheimniswolle Volk erfahren können.! Ueberschauen wir nämlich die (beschichte der beiden Slaoenapostel I in ihrem ursächlichen Zusammenhang, so fällt es uns bei dem ersten j Blick schon auf, daß die Reise zu den Chazaren der Anstoß und der j Grundstein ihres ganzen spütern Wirkens im Dienste der Mission! gewesen ist. Unsere Neugierde wächst. Wer sind denn diese geheimnißoollen Chazaren? Darauf eben soll uns jenes Buch die Antwort ■ geben, das ich im Titel dieser Skizze neben die beiden Apostel gestellt, obwohl es nicht entfernt die gleiche Wirkung geübt wie die Schöpfungen Jener, ja obwohl es diesen Schöpfungen diametral : entgegengesetzt ist. Ein seltsames Spiel des weltgeschichtlichen Zufalls ist es aber sicherlich, daß das arabisch geschriebene Buch eines spanischen - Juden uns über die pannonische Legende der slaoischen Apostel I und ihre Reise zu den Chazaren historische Aufschlüsse geben kann, l Es ist dies das Buch Al-Chazari, welches Tr. H. Hirschfeld aus j öcm arabischen Original treu übersetzt und welches David Cassel! schon vor längerer Zeit übertragen und erklärt hat. Das Buch ist! von dein durch Heine's poetische Biographie bekannten und gefeierten! Dichter Abu-l-Hassan Jehuda Halevi im Jahre 1040 verfaßt j lvorden. Aber nicht der innige und begeisterte Sänger der Zions-! lieber, der einer schönen Sage iiad) auf den Trümmern von Zion, j zu denen er gewallfahrtet, seinen Tod gefunden haben soll, tritt uns! in diesem Werk entgegen, sondern der gläubige Philosoph, der seine j Religion gegen den überwuchernden Unglauben und Aberglauben! vertheidigen möchte. So führt das Werk eigentlich im Arabischen! den Titel „Buch der Widerlegung und des Arguments zur Ber-! theidigung des geringgeschätzten (Glaubens". Der geringgeschätzte (Glaube ist natürlich sein Judenthum. Als die arabische Kultur in Spanien mit Feuer und Schwert allsgerottet wurde, ging auch der beste und größte Theil des Schrift-! thinlls der Araber lind Jlideil in alle Winde. Nur ein kleiner Theil! desselben wlirde fiir ösfeiltliche Bibliotheken gerettet oder blieb in j pietätvollen Händen ausbewahrt. (Sin günstiges Schicksal hat auch linser Buch den gerettetell angereiht. Als Handschrift blieb es im j arabischen Original in der Pariser Bibliothek aufbewahrt, in | hebräischer Uebersetznng wurde es ein rechtes Volksbuch der jüdi-! scheu Litteratur während des ganzen Mittelalters bis auf die! Gegenwart. In dieser neuen Bestimmung wurde es aber einiger-! lllaßell seiiles polemischen Charakters entkleidet, llnb in der That, lvas ging dell arulen Juden, der im fillstern Ghetto „über die Postille gebückt zllr Seite des wärnlenden Ofens" saß und eifrig las, die Polemik gegen den Islam, der Kampf gegen die aristotelische Philosophie an? So erhielt das Buch den seltsamen Titel „AlChazari", der später aus Unkenntnis; oder der leichteren Aussprache wegen in Kusari oder Kosri sich umgestaltete. Zu diesem zweiten Titel kam es aber auf die folgende Weise: Sollte die Beweiskraft seiner Argumente von schlagender Wirkung sein, so mußte nothwendig ein Mann von großer Bedeutung, von hohem Rang durch dieselben zu den religiösen Anschauungen des Autors bekehrt werden. Nach einem solchen Manne hielt nun der Dichterphilosoph Umschau in der Geschichte seines Volkes. Da klang an sein lauschendes Ohr, leise zuerst und dann immer vernehmlicher, eine seltsame, eine merkwürdige Kunde. Tort weit unten in jenen Ländern des Ostens, die für seine Zeit kaum noch ein geographischer Begriff waren, sollte ein mächtiges Fürstengeschlecht und ein starkes Volk leben, das dem jüdischen Glauben durch Ueberzeugung gewonnen worden sei und treu in demselben verharre. Mächtig und gestaltenreich steigt vor bem Sänger der Zionide die Geschichte seines Volkes herauf, da er solche Kunde vernommen; die hehren Gestalten seiner Seher und Sänger schreiten im Geiste an ihm vorüber, und was sie von der dereinstigen Herrlichkeit Zions künden und weissagen, da ein Reis aus dem Stamme Jsai's wieder aufblühen wird, um das sich alle Völker schaaren, all' diese Gesichte und Gedichte leben auf in seiner Dichterseele und nehmen Farbe und Leben an. Der Fürst jenes Stammes soll der Held seiner Dialoge werden! Mit poetischer Feinfühligkeit entdeckt er immer neue Reize in dieser Vorstellung, bis sie plastische Gestalt gewinnt und zu einem Denkmal seiner Liebe, seiner Begeisterung für den Glaubeli der Väter sich ausweitet. Alles, was die Feinde seiner Religion jemals gegen diese vorgebracht, legt Jehuda Halevi diesem Chazarenfürsten, um dessen Bekehrung sich Christen, Muslime und Juden gleichzeitig bemühen, in den Mund. Und einen unglaublich geringschätzigen Ton schlägt dieser dem Rabbi gegenüber an, der es unternommen, ihn in die Grundlehren des Judellthums einzuführen. Es ist nun überaus interessant zu verfolgen, wie der kleine Rabbi den großen Fürsten nach und llach, langsam zwar, aber sicher, zur Erkenntnis; seines Jrrthums imb zur Anerkennung der monotheistischen Ideen zunächst, dann aber auch zur Begeisterung für die Ideen des Judenthums zu führen versteht. Mit Interesse folgt man diesen Dialogen, dic schon Herder selbst über die berühmten Dialoge seines griechischen Vorbilds stellen zu müssen geglaubt hat, und von denen der deutsche Uebersetzer behauptet, daß sie Elemente eines dramatischen Kunst werks in sich tragen, „das zwar nicht den Sturm menschlicher Leidenschaften, sondern das Wogen der Gedanken, den Kampf um die Wahrheit, den Streit um Glauben und Nichtglauben dem Geiste wie dem Gemüthe vorzuführen sich zur Allfgabe gestellt habe." Es ist ein rührender Zug — und man erkennt so recht den romantischen Dichter —, daß der Rabbi schließlich, nachdem ihm der große Wurf gelungen, dem bekehrten Fürsten plötzlich seinen Entschlus ankündigt, nach dem heiligen Lande auszuwandern. Der König rätt ihm dringend ab; er aber beharrt in seinem Vorsatz, indem er de. Sehnsucht nach Palästina fast dieselben Worte verleiht, die der Dichten in der vielgerühmten Zionide für dieses tief religiöse Empfinden aus gewühlt hat. „Ich will auf mein Antlitz fallen auf deinem Boden und deine Steine gar sehr Herzen und deinen Staub küssen!" Dar auf zieht er mit seinem Pilgerstab von dannen. Sein Buch abe läßt er zurück, daß es in den Tagen des Zweifels, des Unglauben und Aberglaubens seinen Religionsgenossen eine Schutzwehr bleibe. Um il)in aber auch einen historischen Hintergrund zu verleihen, gieln er seinem der Form wie den: Charakter nach in der philosophischen Litteratur eigenartig dastehenden Werke als Einleitung zwei nicln minder merkwürdige Briefe bei, aus denen klar zu ersehen, daß di. Chazarengeschichte nicht etwa eine poetische Erfindung, sondern histo rische Wahrheit ist. Diese beiden Chazarenbriefe, denen die Historiker seit langer Zeit ihre Aufmerksamkeit zugewendet und deren Authenti zität sie nun festgestellt haben, verdankt das Buch seinen zweiten Titel und zugleich auch das Verdienst, als die wichtigste Quelle über die Chazaren selbst und Alles, was mit diesen zuscnnmenhüngt, zu gelten, also auch indirekt über die Legende der beiden Slaven-Apostel histe risch sichere Aufklärungen zu geben.