Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 37 (26.9.1890)
- Date
- 1890-09-26
- Page
- Seite 481 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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481 entscheidet schließlich das Schwert. So wurde der Islam die Religion des Schwertes. Jede der Töchterreligionen hat eine einzelne Richtung ans ihr Banner geschrieben: der Mutter verblieb es, beide zu vereinigen. Wenn der Jude am höchsten Feiertage des Jahres sich znm Gebet sammelt, so weiß er, daß ein Jahr heißen Kampfes hinter ihm liegt; er hat Haß und Ungerechtigkeit ertragen, er selbst weiß sich auch nicht rein von Haß und Ungerechtigkeit. Aber neben dem Haß ist ihni doch auch Liebe, neben der Ungerechtigkeit auch Gerechtigkeit zu Thcil geworden; und er selbst hat Liebe und Gerechtigkeit gespendet, lind wenn er am nächsten Tage wieder ins Alltagsleben zurückkehrcn wird, wird der Kampf und Streit anfs Neue beginnen. Voller Friede ist nur den Todtcn beschieden. Jedes Jahr, so lange die Menschheit besteht, tobt derselbe Kampf, an jedem «lomliiMur wird wieder aufs Reue die Bersöhnnng verkündet. Dies ist das höchste erreichbare Ideal, ein naturgemäßeres als eine ewige und überall gleichmäßige Liebe, deren kein Sterblicher fähig ist, oder ein uinmtcrbrochener Kampf, bei dem jeder Erdensohn ermatten muß. Und diese Versöhnung beschränkt sich nicht blvs auf die Bekenner des Judenthnms, sondern sie erstreckt sich auf die ganze Menschheit. Sie entguillt der Auffassung, daß jede Schlechtigkeit, die ein Mensch begeht, nur auf einem Jrrthnm beruht, in den er voriibcrgehend verfallen ist. Versöhnung werde der Gemeinde der Kinder Israel und dem Fremdling, der unter ihnen weilt, denn im Irrwahn haben sie gesündigt. Dies ist die Religion der Versöhnung, die wir bekennen und von der wir hoffen, daß sie dereinst die ganze Menschheit und mit ihr auch die Anhänger der Religionen der Liebe und des Schwertes umfassen wird. Wir selbst haben schwere Zeiten dnrchgemacht. Zuerst griff mau Einzelne von uns mit mehr oder weniger großer Berechtigung an; indem man dann diese Angriffe verallgemeinerte, verleumdete man uns Alle mit einander. Dann sprach man — dies war »och schmerzlicher — verächtlich von unserer Religion und von unserer Sittenlehre und verletzte uns gerade an der Stelle, wo die Edelsten unter uns am leichtesten verwundbar sind. Endlich gelang cs sogar, unter uns selbst Abtrünnige zu gewinnen; die Kinder wurden gegen ihre Eltern aufgehetzt, und oft briistete sich die Charakterlosigkeit des Abfalls mit dem gleißenden Scheine des Erfolges. Wir wissen nicht, ob die Leidenszeit zu Ende ist oder ob uns noch Schlimmeres uevorstcht. Nichts aber darf uns davon abhalten, alle ungerechten Angriffe gegen uns nach den Vorschriften unserer Religion als Ausgeburten des Irrwahns zu betrachten, sie mnthig und uncrschüttcrt;ii bekämpfen, aber — wenn die Waffen ruhen und die Streiter unide geworden sind und ihre Jrrthümer erkannt haben — liebevoll ,u verzeihen. Dies ist die Religion der Versöhnung. d Iwci Apostel und ein Luch. Von Gustav Karpeles. Eine eigenthümliche Bewegung zieht in diesen Tagen durch das zesammte slavische Sprachgebiet van den Steppen Rußlands bis in aas Herz Oesterreichs hinein. In dem Drama, welches russische Litterarhistoriker so gern „die slavische Renaissance" nennen, während -s alle andern viel eher „der entfesselte Panslavismns" betiteln .nachten, hat ein neuer Akt begonnen. Und man darf wohl darauf gespannt sein, ob auch dieser Akt nach dem Plan der eifrigen Regisseure nerlanfen oder ob die Mitspielenden wieder, wie so oft schon in diesem Drama, eine unliebsame Störung in den Verlauf der Aktion hineinbringen werden. Wieder soll ein Schauspiel gegeben werden, das die Einheit der christlich-slavischen Welt darstellt. Es sind gerade tausend Jahre her, seit der Slavenapostel Cyrillus vor Antritt seiner großen Missionsreise die Schrift erfunden hat, welche noch hellte bei allen Slaven ■ des griechischen Ritus als Cyrillische Schrift im Gebrauch ist. Bei diesem Anlaß soll wiederunr das Schauspiel der Einigkeit der christlich-slavischen Welt gegeben werden. Eill Jahrtausend ist darüber hingegangen, seit die beideil Slaoenapostel gelebt mtb gewirkt haben. Man kann llicht sagen, daß dieses i Leben und Wirken während jenes Jahrtausends vergessen worden; man kann aber auch nicht behaupten, daß es völlig aus bcm Nebel; der Legende in das Tageslicht der Geschichte hinübergerettet wordell! sei. So viel und so eifrig die Geschichte von gelehrten Forschern j stndirt worden, das Wichtigste aus jener Zeitperiode ist doch noch; und bleibt wohl auch fromme Legeilde. Der historische Kern ver-! bürgter Thatsachen, der übrig geblieben, läßt' sich etwa in Folgendem! zusammenfassen^. Die beidell Mürmer, lvelche die große slavische Bölkerfamilie als ihre Apostel verehrt, waren Brüder. Ter ältere von ihnen hieß Constantinus, der jüngere Methodius. Sie stammten aus einem I edlen Geschlecht der alten Stadt Salonichi, die auch während der I Völkerwanderung ihre vorzugsweise griechische Bevölkerung bewahrt * hatte. Constantia wurde durch einen Verwandten nach Konstantinopel; berufen und erhielt dort rnit dem Kaiser Michael kll. gemeinsam seine i höhere Ausbildung. Der Weg zu hohen Ehren stand ihm offen;! er aber zog es vor, sich den Wissenschaften zu widmen. Als der i byzantinische Patriarch lehrte, jeder Mensch habe zwei Seelen, trat ■ Constantia offen gegen ihn auf. Frömmigkeit und Weisheit waren früh der Brüder bestes Theil. Beides haben sie sicherlich in einem; der basilianischen Klöster sich erworben, die damals die Zuslnchts-; statten der Wissenschaft waren. Jedenfalls aber waren beide Brüder! schon in jungen Jahren sehr angesehen und gut vorbereitet für ihren I Beruf, predigend zu reisen. j Schon in seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr stand Constantia, ' der der Bedeutendere von den beiden Brüdern gewesen zu sein scheint, mit dem Emir von Mytilene in Beziehung, um den Islam zn be-! kämpfen. In gleicher Mission für das Reich (Lottes ging er zu den Chazaren. Hier verlieren sich seine Spuren. Dunkel und geheimnißvoll ist fast Alles, was wir von den Chazaren wissen, und erst arabische wie hebräische Ouellen haben neuerdings etwas Licht in die Urgeschichte dieses Volkes gebracht. Tie italische Legende erzählt, Abgesandte der Chazaren seien nach Konstantinopel zmn Kaiser Michael IIF. gekommen und hätten ihn gebeten, er möge ihnen einen Mann schicken, der sie im katholischen Glauben unterweise; denn, so fügten sie hinzu, bald bemühen sich die Juden, bald die Sarazenen, lins zil ihren: Glauben zu bekehren. Ta sandte der Kaiser den Philosophen hin, daß er den Ungläubigen die Botschaft des Evangeliums bringe. Unverweilt trat Constantin, ob mit oder ohne den Brllder, ist llicht historisch festgestellt, die Reise an, die ihll Zlllläehst nach Cherson, an die Grenze des Chazarenlandes, brachte. Dort Hielt er sich einige Zeit auf, um die Sprache der Chazaren zil erlernen, dort hat er allch die Reliquien des Papstes Ulld Märtyrers Clemens, ja sogar beit Anker, an dem dieser Heilige iils Meer gestürzt lvnrde, was aber noch wichtiger ist, ein „mit russischen Schriftzeichen geschriebenes Evangelinlll" allfgeflllideu, das ihil zu der Erfiildlillg des | slavischell Alphabets wohl zllvörderst allgeregt haben mag.! lieber den Erfolge der Reise zu den Chazaren lauten aber die i Duellen sehr verschieden. Die Einen behallptell, er sei mit Erfolg