Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-26 · Heft 37 (26.9.1890) · p. Seite 479

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 37 (26.9.1890)
Date
1890-09-26
Page
Seite 479 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227863--47372-3268890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

479 des kühnen Mannes vor dir aufgerollt wird, der mitten in den Stürmen aufrecht steht, den Feinden trotzt, seine Veste vertheidigt, seine Pläne ausführt, seine kühnen Gedanken verwirklicht? ... Du, Israel, bist der Mann! Du bist annoch berufe», dich fürder also zu erweisen! Und wenn du den Völkern seit vielen Jahrhunderten nur als ein Beispiel des festen Sinnes vorgeleuchtet hättest, und wenn du in deinem Bestände nur das lebende Vorbild eines unverwüstlichen Stammes, der von einer Idee znsammenghalten wird, bötest und offenbartest, nnd wenn dein Leben nur als ein weltgeschichtlicher Beweis von der Macht des Geistes gegenüber den hemmenden äußeren Mächten zeugen würde: stolz nnd selbstbewußt, Freude athmend könntest du das Haupt erheben und sprechen: Mich deckte in den Tagen der Gefahr der Schutz der führenden Obsorge!') Seit den ältesten Zeiten umfließt mich bergend und leitend die heilige Wolke! ") In sich gekräftigt durch den Aufblick zum milden, allweiscn Führer ihres Daseins, müssen die Israeliten, freudig angeregt, um so sester und sicherer die Fahne des reinen Gottesglaubens fassen und halten, die Gotteswerke auf Erden nachahmcnd vollführen und schaffen. Die Gedanken der Wahrheit und der Gerechtigkeit, der alle Menschen umfassenden Liebe müssen immer klarer, immer reiner im Kreise des Glaubensbnndes, inmitten der Gemeinde, auf dem Felde des bürgerlichen Waltens zum Ausdruck kommen. An keinem Gliede der Gemeinde Israels darf ein Makel gefunden werden, kein Sünder darf in ihren Reihen gezählt werden. Rach Außen hin muß Israels Geschlecht sich, still bescheiden wirkend, doch im Werthe der Thaten immer reicher, immer aufopferungswilliger, für Bürgersinn und Staat und Menschenthum immer hingebender erweisen. Das große Ziel muß bleiben: an Gesittung und Tugend, an edler Milde und Gottesfurcht ein Musterstamm zu sein, Priester und Verkünder Gottes! Je größer das Werk ist, an dessen Ausführung der Mensch mit frischem Muth geht, je weiter der Kreis wird, dessen Mittelpunkt seine Thätigkeit bildet, desto heiterer, desto fröhlicher wird die Lebeuscmpfindung. Fühlt sich der Mann mächtig und einflußreich, so dnrchströmt seine Brust Zufriedenheit und beglückendes Heil. Tritt die Gemeinde, tritt der Stamm vor Gott und weiht sich im Aufblicke zu dem Allvater dem Dienste der großen unb heilige» Gedanken, da muß freudiges Fühlen die Reihen dieser Diener des Guten und Edlen durchbeben, da müssen sich Alle getragen fühlen von dem Schwünge erhabenen Streben». Blickt Israel an festlich geweihten Tagen auf seine Vergangenheit und faßt große, glaubensstarke und tngendgefestigte Gedanken für die Zukunft, dann besiegt das frohe Gefühl, das aus dem Anblicke des Gvttesschutzes in die Seele floß, jede Störung und jede Sorge, jeden äußeren Kummer und jede hemmende Fessel. Das mannhafte Wollen, das marterfüllte Streben läßt jede düstere Beängstigung und jeden furchtsamen Zweifel zurücktreten vor dein einbrechenden Lichte reinster Seelenfreude. Eine klare, goldstrahlende Sphäre der Heiterkeit umfließt die festlich geweihten Stunden. Der ermunternde Satz: „Sei nur erfreut, athme nichts als Freude""), wird zr>r Erfüllung einer heilkündenden Verheißung. Soll das, was die Seele in festlichen Stunden in froher Hoffnung bewegt, sich erfüllen, soll der Muth und die Kraft, welche den Sailen des Herzens so herrliche Töne der Wonne entlockte, sich in erfolgreichen, edlen Thaten des Glaubens und der Liebe bewähren, so muß bei so große»! Werke der ganze Stamin des alten Glaubens znsammenstehen, so müssen alle Glieder der Glaubensgemeinde einmüthig und freudig das Werk fassen und vollführen helfen, müssen alle den Glauben verherrlichen, die Tugend edler Seelen hell und •) Ps. 27, 5. ') Ps. 105, 39. ■') 5. B, M. 16, 15. sonnenklar leuchten und walten lassen. Sagt doch schon das alte Gesetz wie vom Stiftungsfeste der Freiheit, >vie von der heiligen Weihe der erhebenden Versöhnung, daß alle Söhne des Volkes unb Alles, was emporblüht in Israel und sich anschließt an die Gemeinde, am freudigen Leben des Herbstfestes thcilnehnmid sich zujammenfinde.') Dieser Hütte, am.Feste ein Zeichen der freudigen, thatenreifenden Seelenstimmung, diese»! laubninschlossenen Zelte schließt sich in der alten Litteratur des Volkes auch ein anderer Kreis von Gedanken an, Zelt und Laubdach wird genannt und gilt als Merkmal der Männer des Volkes, die zu großem Werke des Voltes zusaunnentreten. Wenn die Krieger der Stäinme sich einen, um die Ehre des Vaterlandes zu vertheidigen, da dehnt sich das Zeltlager hin. Wie in den Tagen, da sie ans „Aegypten, zur Freiheit wallend, Wüsten durchschritten"), sind später, >venn die Tapferen ansziehen, die schattigen Laubdachungen aufgerichtet, eit» weiten Saum der Grenzen reiht sich Hütte an Hütte, in diesen lagert inuthbescelt Israel und Juda.") Der siegende Held zieht im Trinniphe in das Gotteshaus, uin den Herrn der Macht und des Sieges zu preisen, er durchschreitet das Hüttengezelt, die Lager der lorbcerbekränzten Tapferen, die ihm cntgegenjauchzen.') Der bildergewaltigc Scher, der eine große Zukunft verkündet, blickt nur die Kümpfe um Jeruj salem, sein Auge erschauet den herrlichsten Sieg. Er sieht, wie einst! alle Völker und Stämme sich einen, wie sie den einzigen Gott anl beten, wie sie brüderlich zusammenstehend den alleinigen Namen des j Ewigen nennen. Hütte schließt sich an Hütte, in den laubbedachteu l Zelten weilen sie Alle, die Nationen und Völker der Erde. Also wird in Jerusalem das erhabenste Hüttenfeit gefeiert z» Ehren des Ewigen!") Wenn der Prophet, die Zukunft bis an das Ende der Tage ahnend, das Hüttenfest als den wonnigen Tag bezeichnet, an welchem alle Menschen, beglückt und über alles Erdenleid erhaben, vereint den Vater der Wahrheit anerkennen nnd verehren, sollten die, welche in weiter Ferne der Zeilen jenen Einmuth vorbereiten helfen, die! Pfade dem großen Tag ebenen, sollten Israels Männer, geweckt j und ermuntert, nicht einmüthig in froh aufstrebender Freudigkeit j zusammentreten, wo es die heiligste Sache, das herrlichste Streben gilt? Sollten sie nicht, wie einst die weiten Reihen, welche schattiges j Laub umzog und beschirmte, sich aneinanderschließen, um dem inüchtigen Rufe zu folgen? Keine Spaltung! Kein Parteistreben! Wo es gilt, so Große» : zu halten, zu retten, zu wahren und weithinaus zu verkünden, da j kann man ans kein Haupt, auf keinen Mann verzichten. Immer und ■ immer wieder haben wir Gott, den reinen Geist, der die Welten; schuf und die Welten durchdringt, zu predigen. Unter den wechselnden Formen der Gesittung, inmitten der ringenden Gesellschaft, haben! wir Recht und Tugend und Wahrheit und Bildung, hingebnngsreiche j Liebe nnd selbstlose Demuth zu verkünden, in unseren! Leben zu erweisen. Das ist das Erbe unserer Väter! Wohl sind viele unserer Gedanken, unserer Wahrheiten Gemein-; gut der Menschen geworden, wohl haben viele der großen Völker; der Erde das Werk des Edelsinnes, des Rechtes und der Kultur eri folgreich ausgenommen. Aber sollen wir, die zuerst berufenen Wertleute der Menschengesittung, darum aufhören, ferner das Gute zu fördern, das Heil der Menschen auch aus unserem Stammesleben i heraus zu erhöhen, sollen wir als die alten Bahnbrecher der hcrr- : lichsten Wahrheit uns nicht freudig bewegt, gemeinsam nnd vereint! anschließen den großen Werken der fortschreitenden Zeit? Weil die I ') 3. 23. M. 23, 42. S. das. 16, 29 und 2. 23. M. 12, 47- 48. i ") 3. B. M. 23, 43. 3) 2. Kön. 11, 11. 3) Ps. 42, 5. ■<) Secharja 14, 16.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.