Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 37 (26.9.1890)
- Date
- 1890-09-26
- Page
- Seite 478 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227863--47371-3268889- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
478 wordene Land, das Fest der Hütten, und mit den sinnigen Brauchen zog in den Weift altheilige Erinnerung, stählte sich der Muth zu begründenden Thaten, zu heilverheißendem Hoffen.') Und alljahrlieh, in der Flucht mehr denn zweier Jahrtausende kam es wieder das heitere Fest, und weckte immer Freude und schuf den Bekennern des alten Glaubens auch unter Sorgen und Betrübnis; das fröhliche Zelt und mit diesem Freudigkeit und emporstrebende Gotteshoffnung. Auch das Israel unserer Tage bedarf der Anregung zum Freudegefühl. Als Menschen, als Bürger können wir allerdings ob der Blüthe des Landes, ob der gereisten, segensreichen Frucht des Bodens, ob des Gedeihens der Gewerke, ob des Friedens, der sich wie ein heiterer Himmel mn die Völker wölbt, Lieder der Freude an-! stimmen und den Dank unseres Herzens in heilig frohen Gesängen; erschallen lassen. Blicken wir aber aus unser Glaubensleben, so will! uns ernste Sorge erfassen. — Und doch ist der Glaube, der dein! Leben vorbildlich das Göttliche entgegenführt, der Höhen- und j Mittelpunkt alles geistigen Schaffens, er eint und führt die Kräfte j an, wo es gilt. Wahres und Bleibendes erstehen zu lassen. Dieses l Glauberwteben aber ist schwer umdüstert. Unkenntnis; und Neid, z Scheelsucht und böser Wille, eine Schaar von übelwollenden Geistern scheint hingesandt'), mn gegen den jüdischen Glauben und die jüdische Glaubensgemeinde zu kämpfen und zu streiten. Mängel, wie deren doch allen Menschen, allen Kreisen der Sterblichen anhaften, werden bei uns hervorgehoben und betont und wie in Sage und Mythe vergrößert und vervielfacht. Für unsere Vorzüge haben jene Widersacher kein Auge, für unsere Tugenden kein Gedächtnis;, für unsere Thaten keine Erinnerung. Kanin durch das Licht und die Gesittung unseres Jahrhunderts zu Ehren gekonnnen, möchten für uns die Unduldsamen den Schimpf und die Schmach bituflei* Jahrhunderte zurückrufen, das Unglück diisterer Völkerumnachtung, da wir, gebeugt und gebrochen, unschuldig so viel Leid zu dulden hatten, ohne uns selbst des Wortes der Abwehr bedienen zu dürfen und zu können. Und in den Ländern geringerer Kultur, da bietet sich dem Auge ein Bild unerhörten Jammers. Tie Noth unserer Brüder hat selbst nt der an Unglück so überreichen Geschichte des jüdischen Stammes selten gleiche Tage 31t verzeichnen. Verhöhnt, gebeugt, Tagchür Tag um Rechte verkürzt, werden ihnen die Pforten des Aufschwungs, der Bildung verschlossen. Verbannt, aus der geliebten, heimathlichen Stätte gewiesen, sehen sich nicht Tausende, nein, Hunderttausende mn, wie sie das Leben fristen, wo sie bergende Zuflucht finden könnten. Und doch ruft das Fest auch sie, und doch ruft es ihre mitfühlenden, bekümmerten Brüder zur Freude und zmn festlichen Wonnegefühl! Wie gewaltig müssen die Festesgedanken sein, wenn sie den Sieg davongetragen über alb diese Angst und Sorge! wie j groß und herrlich und lebenbestimmend muß er den Stamm durchziehn der innere Trieb der Glaubensmacht, wenn diese sich triumphirend erheben kann da über die Anfeindung und Zurücksetzung,! dort sogar über des Augenblickes Noth und lebengefährdende! Drangsal! j Welches ist das göttliche Feuer, das die Nebel des Kummers j verscheucht und Freudigkeit wie wonniges Tännnern Heraufziehen j läßt? Welches sind die heiligen Ehöre, vor welchen der Klageruf! verstllnnut ltnb sich wandelt in ein mild hoffend Gebet? j Der Strahl und das Licht von dem Gotteswalten durchzieht! die Seele. Erhabene Wufe verkünden dem Geiste die Gottesführung. j Sie hat sich im Leben dieses Stannnes so wunderbar erwiesen. Durch diesen Stamm, durch dieses Glaubensvolk hat der ewige Geist, der! das Menschenthum lenket, große Thaten der Gesittung ansführen, 1 mächtige Werke der Kultur und Geistesveredlung begründen lassen. Das Bewußtsein von dem Bedeutenden und Göttlichen, das sich im geschichtlichen Leben dieses Stammes erwies, der Hinblick auf das Hohe uitb Große stählt den Muth, giebt dem Willen zaubergewaltige Kraft. Er wirst, wie eine der ewigen Naturmächte, alle Hindernisse nieder, beugt und bricht Heinmniß und Widerstand und jagt die Seele empor 31t freudigem, thatenersehnendem Streben; der Geist weiß sich frei von beengenden Bauden und jauchzt empor in Hellen Tönen der Hoffnung! Israel hat es kaum nöthig, sich den Tagen der Vorzeit zuzuwenden, mn von den Großthaten zu sprechen, welche Gott durch diesen Stamm zmn Heile der Menschheit hat vollziehen lassen. Ragt Jakobs Geschlecht in alter Zeit hervor als der Verkünder reinen Gottesglaubens, als eine Denksäule der Völkerfreiheit, war es der große Lehrer der Menschenwürde und der Menschenveredlung, stürzte es unter dein Beistand der Mächte, die aus ihm erwuchsen, den Götzendienst des Alterthums, so trägt auch der Fortschritt unseres Geschlechtes das Gepräge des Geistes der jüdischen Lehre. Der Friede, den die Völker lieben, den die Fiirsten der Erde mit der Macht ihres Herrscherstabes stützen, ihn verkünden Israels Propheten. Die Sorgfalt, welche die Könige und der Rath der Völker den Armen und Gebeugten zuwenden, sie ist ein Geistesstrahl des alten Sinaigesetzes. Tie Fackel der Gnade, welche die Mächtigen der Erde in ferne Küsten und Zonen tragen, sie ist an dem Altäre gezündet, der einst zum sittlichen Heile aller Menschen in Israel errichtet ward und ausgebaut. Ein Stamm, der sich solcher Gedanken, solcher Thaten rühmt, giebt sich auch unter Leiden und Sorgen nicht der öden, thatenlosen Trauer hin. Er weis; sich von der Gnade Gottes umschattet. Ihn führt Gott, ihn birgt und schützt der erhabene Lenker der Zeiten. Er festiget ihn und leitet ihn zu großen Heiteszielen der Menschheit. Dies ist der zweite Gedanke des Laubhüttensestesi Auf das bergende Zelt, ans die Gottesführung, auf den Zug der Israeliten durch die Wüste weist schon das Schriftwort hin, wie es die Freudenwoche nennt und bezeichnet.') Dem Psalmdichter ist die Hütte das Bild des himmlischen Schutzes. „Tie aus Dich, 0 Vater, vertrauen," also singt er gottesmuthig, „sind von Freude umgeben. Zn allen Zeiten, unter allen Lebensgestaltungen jubeln sie preisend, Tu wölbst über sie das Laubdach der Gnade."') Der weit nusblickende Prophet sieht in eine große Zukunft, in welcher die Herrlichkeit der alten Wahrheit wie eine ewig grünende Gottespflanzung neu emporragt zur Ehre und zum Rnhme Israels. Und um die Ehre und um die neue Pracht wölbt sich ein schützend Dach, schließt sich ein schattig herrlich Laub, Uln zu bergen und zu hüten, um den Gottesplan zu wahren und 311 schirmen, daß ihn nicht hemmen die Gluthen des Tages, daß ihn reicht stören beugende herbstliche Stürme. ') Ist das Zelt in den Bildern des jüdischen Schriftthums nicht mir der Ausdruck für den Schutz in den Tagen der Gefahr, bedeutet es vielmehr auch die führende Gnade, welche sich in solchem Schutze ausspricht und kundgiebt, die waltende Vorsicht, welche wie ein schirmen des Zelt die dahinziehende Glaubensgemeinde und ihr Heiligthum hütet, so soll auch das Herbstfest und seine Hütte, wie sich die Zeiten immer gestalten, den großen Gedanken der Gottesführung vor die Seele bringen und zu Math und Kraft, zu wonnigem Empfinden und zur Freude wecken. Bewunderst du nicht jene Helden, die, von Schlingen und Fallstricken umstellt, von List und Tücke umgeben, sich Bahn brachen durch Gefahr und Heinmniß? Hebt sich nicht deine Brust, wenn das Leben ') Nehem. 8, 16. -j Pf. 78. 49. ') 4. B. M. 24, 44. ') Ps. 5, 12. Jes. 4, 2, 5-ü.