Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-19 · Heft 36 (19.9.1890) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 36 (19.9.1890)
Date
1890-09-19
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227825-3227862--47366-3268883
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

2 geschlossen, daß mir nun auch froher Geselligkeit Raum geben. Der attgütige Schöpfer hat uns ja diese sonnige Erde angewiesen, auf daß wir einträchtig darauf wohnen und ihre Gaben im Frieden genießen. Freilich sind wir noch weit entfernt von diesem idealen Zustande. Es sind im einzelnen Menschen, so auch in den Massen. Strömungen und Triebe lebendig, die sich dem entgegenstellen. Von jeher haben Haß und Eigennutz die Individuen unter sich, die Völker gegen einander in Zwiespalt verletzt. Allein, das ist gerade die sittliche Aufgabe, die dem Menschen gesetzt ist, daß er durch die Kraft des Glaubens unb Willens sich und der Mitwelt den Frieden erkämpfe. Darin besteht eine Hauptaufgabe jeder Religionsform. Und wir Christen geben unseren israelitischen Mitbürgern.gerne das Zeugniß, daß sie in Bezug aus Gottesfurcht, gesetzlichen Sinn und Barmherzigkeit keinem anderen Bekenntnisse nachstehen. Aber der Einzelne, und sei er noch so mächtig und einflußreich, ist für sich allein nicht im Stande, der Gesellschaft Duldung und Eintracht zu gebieten. Es muß der Zug der Zeit,- es müssen die öffentlichen Zustände diesem Streben entgegenkommen. Freuen wir uns nun, daß wir einer Epoche und einem Staatswesen angehören, in denen sich dem einträchtigen ^1^1116111^611 der verschiedenen Bekenntnisse keine starren Schranken mehr entgegensetzen. Jetzt umfaßt uns Alle ein gemeinsames, großes Vaterland; eine starke Staatsgewalt, deren Wahlspruch ist: „Liebet die Brüder", schützt Freiheit und Recht. Ein junger, gottesfürchtiger Fürst, den die Vorsehung mit den seltensten Gaben und Herrschertugenden ausgestattet hat, verkörpert in sich und belebt alle guten Kräfte der Nation. Freuen wir uns, sage ich, daß es uns vergönnt sei, in dieser Zeit, in diesem Lande, unter diesem Kaiser zu leben und zu wirken. Lassen Sie uns diesem frohen Bewußtsein Ausdruck geben, indem wir unserem Allergnädigsten Herrn und Kaiser unsere laute Huldigung darbringen: Kaiser Wilhelm II. lebe hoch!" — Unter den Gästen befand sich auch der protestantische Pfarrer Zwilling, welcher ein Hoch auf die Duldsamkeit der einzelnen Religionsgemeinschaften ausbrachte. * Seesen a. H., im September. Am 8. d. Mts. fand an der hiesigen Jacobson schule (berechtigte Realschule) unter dem Vorsitz des herzoglichen Schulraths, Professor Dr. Eberhard aus Braunschweig, die Abiturientenpr üfung statt. Sämmtliche acht Examinanden bestanden dieselbe, darunter einer mit dem Prädikat „gut". * Seesen, 14. September. Geehrter Herr Redakteur! In Rr. 33 Ihres geschützten Blattes berichtet Herr Dr. Carl Pinn über „die Anstellung jüdischer Lehrer an den höheren Lehranstalten" in einer die Richtigstellung an einigen Punkten herausfordernden Weise. Unleugbar hat der Verfasser nur zu sehr recht, wenn er auf Grund der Aussichtslosigkeit der Lehrerkarriere für unsere Glaubensgenossen von dem Einschlagen dieser Laufbahn abmahnt. Ebenso berechtigt ist er, darüber Klage zu führen, daß unter obwaltenden Umständen an rein jüdischen Anstalten, wie an dem Philantropin in Frankfurt a. M., und an der Samsonschule in Wolfenbüttel, bisweilen christliche Kollegen angestellt werden, wenngleich auch hier abzuwarten ist, ob die Direktoren der betreffenden Anstalten sich nicht damit rechtfertigen könnten, daß der Mangel an geeigneten jüdischen Kräften ihnen manchmal die Anstellung christlicher Pädagogen zur Pflicht gemacht habe. Einen völligen Mangel an Information verräth aber der Verfasser, wenn er die Jakobsonschule in Seesen mit jenen beiden Anstalten auf eine Stufe stellt. Israel Jakobson, der ja auch der rein jüdischen Samsonschule nahe stand, hat die Jakobsonschule, die zugleich die einzige höhere Lehranstalt in Seesen ist, ganz ans paritätische Grundlagen gestellt. Das Verhältniß der Konfessionen der Schüler in den letzten Jahren war folgendes: 1890 120 Juden, 120 Christen. 1889 113 Juden, 138 Christen. 1888 107 Juden, 129 Christen. Bei der völligen Parität der Schülerzahl ist also die Parität des Lehrerkollegiums einfache Nothwendigkeit, und sie wäre es auch, wenn das Herzogl. Braunschweigische Oberschulkollegium das Aufsichts- und Bestätigungsrecht weniger ernstlich handhabte. Im entgegengesetzten Falle könnten unsere christlichen Behörden und Mitbürger uns denselben Vorwurf der Intoleranz machen, den wir den von einergroßen Anzahl jüdischer Schüler besuchten Anstalten in Berlin, Breslau u. s. w. machen, welche wenige oder gar keine jüdischen Lehrer anstellen. Es befinden sich also an der Jakobsonschule an akademisch gebildeten Kräften 3 jüdische Lehrer (inkl. des Direktors) und 3 christliche Kollegen (exkl. des den Religionsunterricht versehenden Pastors), ferner 2 jüdische und 2 christliche seminaristisch vorgebildete Lehrer; somit herrscht völlige Parität des Lehrerkollegiums entsprechend der Schülerschaft. Der Verfasser erlvähnt ferner eine von dem ehemaligen Kultusminister herrührende Verfügung betreffs jüdischer Schulamkskandidaten, die in dem alten Prüfnngsreglement abgedruckt war. Tie Gerechtigkeit erfordert es, zu konstatiren, daß das neue Prüfnngsreglement jene an das finstere Mittelalter erinnernde Verordnung nicht enthält. — Indem ich Ihnen, geehrter Herr Redakteur, mein Bedauern darüber ausdrücke, daß jener so viel Wahres enthaltende Artikel diese Richtigstellung nothwendig gemacht hat, zeichne ich mit vollster Hochachtung Dr. Emnnnel Münzer, Lehrer an der Jakobsonschule. -d. Gichstetten am Kaiserstnhl (Baden). Nicht von Professuren, welche Israeliten bekleiden, auch nicht von hervorragenden Leistungen berühmter Glaubensgenossen will ich erzählen. Die stille und schlichte Erfüllung der Bürgerpflicht, das Eintreten in Reih und Glied mit den nichtjüdischen Ortsgenossen, welche hier am 24. August von hoher Stelle aus öffentlich geehrt worden ist, dürfte jedoch beredter als sonst glänzen deres Zeugniß ablegen, wie erlogen das Gerede ist, der Jude sei ein Fremder unter den Deutschen. An dem genannten Tage wurde hier das Fest des 25jährigen Bestehens der freiwilligen Ortsfeuer wehr begangen. 17 Feuerwehrmännern, darunter einem nicht mehr aktiven Ehrenmitgliede, überwies der Oberamtmann Diplom und Gedenkmünze im Namen des Großherzogs. Der evangelische Ortsgeistlich? hielt die Festrede. Von den 17 Dekorirten sind acht Israeliten, an ihrer Spitze der Vorsteher und Bezirksälteste. Der Seelenzahl nach hätten höchstens zwei bis drei Israeliten dabei sein dürfen. (Aehnliche) hätte in den letztvergangenen zwei Jahren aus gar vielen badischen Ortschaften gemeldet werden können.) * Mannheim, 12. September. Im nächsten Monat, am 17. Oktober, findet eine Landesversammlung der konservativen Partei Badens in Karlsruhe statt. WasderVersammlungeinenbesonderen Anstrich giebt, ist die Theilnahme des Berliner Hofpredigers, dessen Auftreten in der Versammlung angekündigt wird. Als derselbe vor Jahren in Karlsruhe als Hehapostel anftreten wollte, fand er kein öffentliches Lokal und mußte sich mit einem Privatgemach begnügen. Seitdem hat der Antisemitismus sich auch bei uns breiter gemach; wenigstens im konservativen Lager. Das konservative Parteiblatt, dir „Badische Landpost", ist ein antisemitisches Hetzblatt schlimmster Sorte geworden, wie wir dies bereits jüngst mitgetheilt haben, — so daß dir nationalliberale Presse einen Absagebrief an das Blatt richtete, dem unmittelbar ein solcher der ultramontanen Presse folgte. Aus dem konservativen Lager erfolgte trotz Alledem, trotz wiederholter Aufforderung keine Erklärung dahin, daß die „Landpost" das offizielle Organ der Partei nicht mehr sei. Jetzt tritt nun noch der Herr Hofprediger in die Arena, um auf dem Parteitage im nächsten Monat der Handvol! Konservativen neue Anhänger zu gewinnen! Das Manöver wird aber wohl die gegenteilige Wirkung haben. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 14. September. Sehr geehrter Herr Redakteur! Nac!' meiner Rückkunft von Karlsbad wurde ich aufmerksam gemacht, daß fich in Ihrem sehr geschätzten Blatte vom 22. August l. I. eine Korrespondenz d. d. Wien, 17. August l. I., befindet, in welcher gesagt wird, daß der llniversitätsprofessor Dr. D. H. Müller und der frühere Vertreter der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde, Emanuel Baumgarten, dem For schnngsreisenden Herrn Dr. Eduard Glaser „die Mittel zu seinen ersten Reisen beschafften". — Gestatten Sie mir, hierauf zu erklären daß der Korrespondent sich einer starken Uebertreibnng schuldig und, um mich des vulgären Ausdruckes zu bedienen, eine Mücke zu einem Elephanten gemacht hat. Emanuel Bau mg arten. * Wien, 17.September. Der Unteroffizier Alois Denk, der sich durch sein Heldenstücklein an einem jüdischen Greis zur Tagesgröß? emporgearbeitet hat, steht leider nicht mehr vereinzelt in unserem Militär. Mit Attentaten an Greisen und Kindern bezeichnet man die höchste Bestialität, und im folgenden Falle hat ebenfalls ein Unteroffizier sein Müthchen an einem jüdischen Kinde gekühlt. Freitag, den 29. v. M, kamen Dragoner auf dem Durchmarsch von Stielfried nach Korneuburg in Langenzersdors an und hielten daselbst Rast. Einige Unteroffizier-? blieben vor einem Hause in der Hauptstraße stehen, wo zwei achtjährig? Knaben spielten, und zwar der Sohn des Gemeindevorstehers Herrn Horezky und der Sohn des als Sommerpartei in Langenzersdori wohnenden Chefs der geachteten Wiener Getreide-Kommisstons-Geschäfts Firma Leopold Morberger. Da ging einer der Unteroffiziere auf den Knaben Horezky zu und fragte ihn, ob der andere ein „Judenbub" sei.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.