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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-19 · Heft 36 (19.9.1890) · p. Seite 474

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 36 (19.9.1890)
Date
1890-09-19
Page
Seite 474 (sequence 10)
Language
German
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474 wirklichen Leiden, ihren unaufhörlichen Klagen und Vorwürfen ihm auch den letzten Funken von Lebensfreude. Auch heut hatten ihn ihr Lamentiren uud ein Thrünenerguß, reichlich und endlos wie der Landregen im Frühjahr, aus dem Hause getrieben, lind traurig schritt der arme Mann seines Weges fürbaß. Was nannte er eigentlich sein? Ein verfehmtes Leben ohne Glück und Stern. Ein reizloses Weib und vernachlässigte Kinder, die mau sicher einst ihre Abstammung entgelten ließ — „heimgesucht bis in's dritte Geschlecht" — murmelte er vor sich hin — wo waren die Freunde, die sie schützen konnten? Es siel ihm auf, daß sich auf der anderen Seite der Straße ein großer Menschenzug bewegte. Ein Mann trat an ihn heran und bat ihn um Feuer. Er reichte ihm seine Cigarre und fragte dann beiläufig, was es den» da drüben gäbe. „Tie Juden feiern heut ihre lange Nacht." Stein errvthete. Wie hatte er nur das vergessen können? Aber im Gninde genommen, was ging es ihn noch an? Dennoch, getrieben von der Menschenwelle, fand er sich plötzlich mit auf dem Wege zum Tempel; aber überwältigt von der Furcht, erkannt und verhöhnt zu werden, lenkte er seitwärts in die Promenade ein, die, düster und menschenleer, den schwermüthigen Spaziergänger in ihrem reichen Schatten verbarg. Zu seinen Füßen breitete sich der Wallgraben, die Strahlen der untergehenden Sonne tanzten rothgoldig über seinen Wassern und flanimten und sprühten. Am andern Ufer, ein wenig gebuchtet in der Straße, von Akazien und Kastanienbäumen umgrenzt, lag die Spnagvge, die Kuppel umwoben von Sonnenlicht. Stein blickte hinüber! — Er konnte von seinem Versteck unter dem breiten Ahorn recht gut die Vorgänge beobachten, die sich im Vorhofe des Tempels ereigneten. Noch immer wuchs die Schaar der Ankömmlinge, die festlich geschmückt dem Gotteshause zustrebte. Voll Wehmllth erinnerte sich Stein, wie kaum vor Jahresfrist er noch mitten unter ihnen gewandelt, geehrt, geachtet, doch wenigstens von Seinesgleichen. Vor dem Hauptportale sonderten sich Männer und Frauen — der Gatte reichte der Gattin die Hand. Stein vermeinte den Wortlaut ihrer frommen Abschiedswünsche zu hören. Bedächtig, fast zögernd nahten einander zwei ältere Männer. Es waren Brüder, Stein kannte sie, er wußte sie in Feindschaft lebend, Aber angesichts des heiligen Festes versank ihr Groll, und Arm in Arm gingen sie versöhnt in das Gotteshaus. Hier neigte sich ein gcaubärtiger Alter, segnend die Stirn seiner blühenden Tochter zu küssen, dort hüpften an der Hand eines glückstrahlenden Mannes ein paar schöne Knaben, die mit possirlicher Gravität des Vaters Buch und Mantel trugen. Stein empfand es mit bitterem Neid, daß er keinen Sohn besaß. Sein Junge! Drei Tage nach Steins Glaubenswechsel hatte ihm das schöne Kind der Tod geholt. Die Sonne war fort. t Drüben hatte die Mcnschensluth abgenommen, nur einige Nachzügler eilten int Geschwindschritt herbei; zuletzt kam keuchend, athemlos ein ganz altes Männlein angerannt, und es war drollig, sein Wackeln zu sehen, und wie die langen Rockschöße ihm flogen. Dan» wurde es still. Am Himmel zeigte sich der Abendstern. Stein wußte, der Gottesdienst hatte begonnen. Und jetzt neigte sich der i» schneeiges Weiß gehüllte Sänger vor dem Altar rmd erhob seine Stimme, der eine klagende, thrünenvollc Weise entquoll. O du uralte, heilige, schmerzlich süße Melodie — sagen nicht unsere Frommen, Gott selbst habe dieses Lied den Mose gelehrt. Welcher Jude vernimmt deine Laute, und sein Herz schluchzt nicht und bebet — Und der Abtrünnige dort unter dem Baum, er senkte sein Haupt, heiße Thrünen rollten über seine Wangen und zitternd sprach seine Lippe mit: „Das Gelübde, das ich im Irrwahn gesprochen, den falschen Schwur, den ich gethan, es sei unverbindlich vor Deineil Augen, aufgelöst sei es und zerstört." Drüben betete der Sänger: „O vergieb die Schuld dieses Volkes nach der Größe Deiner Huld, wie Du schon oft verziehen Deinen abtrünnigen Kindern." „Herr", schluchzte der Einsame, — „Herr, ich kehre zu Dir zurück, sieh mich stehen in Demuth und Reue, o, verstoße niich nicht, beschäme mich nicht, schicke mich nicht leer von Deinem Angesichte..." Die Nacht war hereingebrochen, ein leichter Wind kräuselte die Wellen — Manfred erhob sein bethrüntes Haupt und starrte hinüber. Plötzlich griff es mit Eiseskülte an seine Brust. Unter dem Schatten der Akazien bewegte sich eine weiße Gestalt. Langsam glitt sie am Gitter entlang und klomm aufwärts die Stufen; es waren ihrer nur wenige, aber es schien, als trüge das Weib eine Bergeslast und käme nimmer nach oben. Jetzt stand sie aufrecht und strebte hin nach der Thür. Aber die Thür blieb versperrt. Das Weib rang die Hände. Ein Mondenstrahl huschte über die Gestalt und Manfred gewahrte, daß das Weib Sterbekleider trug und erkannte die Züge seiner Mutter. Da entrang sich ein Todesschrei seiner Brust: „Ich komme, Mutter, ich komme!" Ein Sprung, ein Fall, hoch ans schäumten die Wellen, Manfred war hinüber. Drüben sang die Gemeinde: „Ich habe Dir verziehe», spricht Dein Gott, ich habe Dir verziehen, wie ich Dir verheißen habe." U Aufruf an die Seele.') Von Juda Halevi. Deutsch von Dr. M. Lev in. Lobsing' Ihm, Entstammte dem heiligen Geist, Deß' Name so herrlich, auf Heiligkeit weist, Und den jede Sphäre in Weihe stets preist. Denn heilig allein ist der Herr! Lobsing' Ihm, o Laut're vom Lichtquell entsandt, Der dich für beu göttlichen Wandel erkannt, Sein Name sei rühmend durch dich stets genannt, Daß theuer du werdest dem Herrn. Lobsing', Unsichtbare, im Innern dir glüht Der Name des Mächtigen, dem nichts sich entzieht, Lobsing'! ob Ihn nimmer erreichet dein Lied. Denn groß sind die Thaten des Herrn. Lobsing', die so zart, den Körper doch hält, Wie die Erde im Raum, ein uicht wankendes Zelt, Ihm ist die Vernunft zur Gefährtin bestellt, Zu merken die Liebe des Herrn. Lobsing' Ihm im Streben, der Hoheit zu nah'n, Er rufet dich gnädig, so hange Ihm an, Betrete mit Freuden der Dienenden Bahn, Die wallen zum Throne des Herrn. Lobsing' Ihm, Erkor'ne, Verstand zu verleih'n, — Dem Körper ertheilst bu erst Leben, Gedeih'n; Entfleuchst du, kehrt Alles ins frühere Sein, Jndeß dir erstrahlet der Herr. *) Diesel? herrliche Gebet ist eine Glegie für den Rersöhnu ng ota g in bei: Ritus der sefardischen Gebetsordnung.

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