Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 36 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- Seite 473 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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473 ie seiner Ghetto, reiheits- ) Milde iur mit i Ghetti einziges irnerung wnichten tcrlichen nnungsl einem Glückswachsen; ick eines ochtundieb über >er einer nner der et wird. Boden; anke des >st zurück Formen Lichtung von der „Welke Begriffe, ober an wrschrcie ium der lerei mit Venedigs.!s so gut s jedem n erfüllt m hatte „ freilich ckche sich ürfelspiel lienischen i Inhalt ersetzte er widmete Sulla m, fam anren und nrt, daß Christenist sein ihr auch ß sie als und antleil beten Jehovah ihr Vermunkelt r Synagoge, auf der Gasse und in der Familie geheimnißvoll ins Ohr, daß Sarah Copia eine Abtrünnige und Gottesleugnerin sei, und eines Tages formulirt sich denn auch das Gerücht zu der offenen Anklage, daß sie die Unsterblichkeit der Seele bezweifle. Die schöne Jüdin ist desperat; der Zorn uud die Entrüstung drücken ihr die Feder in die Hand, und sie schreibt ein „Manifesto", eine öffentliche Erklärung, in welcher sie, halb zürnend und halb weinend, die gegen sie gerichteten Verdächtigungen zurückweist. Es ist jammerschade, daß von diesem „Manifesto" an das weitere Leben Sarah Copias sich in Dunkelheit hüllt und der eifrigsten Geschichtsforschung ein Geheimniß geblieben ist. Nur daß sie geheirathet hat, geht aus einer trockenen Notiz hervor, welche der Herausgeber ihrer Dichtungen diesen beigegeben hat. Manche duftige Blume verschönte den dumpfen Kerkerranm des Ghetto und welkte vorzeitig ab, weil ihr das Sonnenlicht und der Thau des freien Menschthuins grausam versagt war. Zur Kulturgeschichte des Ghetto ist der Lebenslauf Sarah Copias ein bezeichnender Beitrag; die Ehe schließt jede freie Bethätigung des Weibes unweigerlich ab; die Familie und das Haus treten in ihre Rechte, und das Individuum stirbt. Die Kultur hat die ehemaligen Ghettobcwohner «nächtig beleckt, und die „Geschichten von der Gasse" sind schnell ein Ton aus längst vergangenen Tagen geworden. Ganz verwischt ist indes; der Ghettostaub auch heute noch nicht; wer einen Blick gethan in die Judengemeinden des europäischewOstens, dem wird es nicht entgangen sein, daß auch heute noch, wie vor Jahrhunderten, die Mauern stehen, auf welchen grinsend das Vorurtheil thront. Was Leopold Kompert und A. Bernstein von den Judengasscn er-;ühlt haben, ist ein rührendes Stück Kulturgeschichte, über welches sie Historiker nicht achtlos hmweggehen sollten; denn es enthält die Lehre, daß das Menschthum unsterblich ist, ob auch Fanatismus und Verfolgungseifer ein festgewobenes Bahrtuch darüber breiten. U „Frechheit! Was dieser Judenjungc für Reden führt! Ja, schlau ist diese Rasse," höhnte von Roscher. „Jst's meine Schuld, daß die Vorsehung Ihr blondes Haupt mit weniger Gehirnschmalz bedachte?" entgegnetc Levi maliciös. „Donnerwetter, Jungens, wollt Ihr gleich Frieden geben? Lohnt es sich wohl wegen eines charakterlosen Menschen, wie dieser Rosenstein einer ist — und jeden Ueberlänfer taxire ich als einen Feigling — in Streit und Hader zu gerathen?" Die Stimme Harrys von Henning, des Lieblings Aller, die diesen grundgescheitcn und liebenswerthen Menschen je gekannt, jene ehrliche, Allen wohltönende Stimme hatte noch immer ausgereicht, lim die erregten Gemüthcr zu besänftigen. „Sind wir hier Pfaffen oder Betschwestern, um einander zu bekehren?" fuhr Harry fort, und seine klareil, blauen Augen blitzten gleich strafend über den störrischen Seiniten und die trutzigen Arier. „Ob Jud', ob Christ, ein ganzer Mann steht treu lind rechtschaffen zu seiues Glaubens Fahne, uild jeder Desertclir soll schandenhalber Spießruthen laufen. Sei ehrlich, Siege, vermagst Du wohl den Rosenstein vor lins und Dir zil vertheidigen?" Harry hatte den Kleinen bei der Schulter gefaßt und blickte ihm forschend ins Auge. „Nein," stieß Levi zornig hervor, „ich verachte ihn von ganzem Herzen." „Siehst Du wohl?" frohlockte Harry. Und lustig seinen Schützling bei de» dichten Locken packend, rief er in hellein Uebermuth: „Also Leute, es lebe der unverfälschte Judaismlis!" Die Prima lachte und schrie wirklich Hoch. Aber mit echt südlicher Begeisterung antwortete ihnen Sicgmluid Levi: „Es lebe das wahre Christenthnm, das Harry von Henning vertritt!" Sie inochten wohl in dem Lärm die Glocke des Pedells längst überhört haben und stoben mit einem Male erschrocken auf ihre Plätze. Denn an dem Rahmen der Thür, wie au einem Marterpfahl, lehnte Dr. Manfred Stein, und kein Wort der Unterredung seiner Schüler war ihm entgangen. Feuilleton. Der Renegat. Novelle von C. Berg. i-— (Schluß.) Gallus sah sehr von oben auf den kleinen Sprecher, der den Langen spöttisch anblinzelte.! „Wenn es Sie beruhigen kann, Levi, dies Aperen stammt von j Ossip Schubin." j „Es wäre auch das erste Mal, daß ein Adliger einen eigenen! Einfall gehabt hätte." „Levi!" „Herr Baron!" „Ich bitte Dich, Gall, laß den Judenbengel laufen," näselte; öorst von Rocher, der Intimus von Hennings. „Mein Bruder; Adolf, der Präsident der deutschen Studenten in Bonn, sagt immer, i i» Jude sei niemals satisfaktionsfühig." > „Ihr Herr Bruder hat vollkommen recht, Monsieur de Rosche." j Levi sprach den Namen seines Lieblingsfeindes beharrlich französisch! aus, so daß er immer wie Rosche klang. Die beiden andern Juden,! welche außer Levi noch der Oberprima angehörten, arme, schüchterne | Anigen, sahen einander an, bissen sich auf die Lippen und schwiegen.! „Vollkommen Recht, Monsieur de Rosche," fuhr der händelsüchtige ileine Schlingel fort. „Wir Juden wären auch wirklich zum Todti schießen zu schade, dazu sind die Herren unter sich gerade gut genug." „Empörend!" > III. Rubens Prophezeiung hatte sich schnell erfüllt. Manfred Stein war tief unglücklich geworden. Von empfindlichem und stets nach Anerkennung haschendem Wesen, hatte er sich gewöhnt, das Urtheil der Menge zu überschätzen, und er führte es sich schier übermäßig zu Gemüth, daß seine Kollegen und Vorgesetzten ihm zwar auf amtlichem Wege init ausgesuchter Höflichkeit begegneten, im sozialen Verkehr hingegen ihn recht deutlich den Unebenbürtigen fühlen ließen. Er konnte es anstellen, wie er wollte, er betrug sich Keinem recht. Besuchte er in schicklichen Zeiträumen den Direktor oder die Schulräthe, die ihn wohl oder übel zu ihren Empfangsabenden geladen hatten, so fehlte es fast nie an bösen Zungen, die ein gewaltig Gezisch erhoben, wie sich der Jude jetzt überall eindringen dürfe. Zog er dann scheu und verletzt sich zurück, so spöttelte man erst recht über ihn, daß er wohl in seiner selbstverschuldeten Einsamkeit sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens wiedersehne. Bei dem ziemlich kleinstädtischen Leben in L. gelangte ein guter Theil dieser Klütschereien Stein zu Ohren, das Uebrige besorgten anonyme Briefe und andere Bosheiten jeder Art; dazu kam, daß seine gesammte Verwandtschaft ihm weder Wort noch Gruß mehr bot, so daß der empfindsame und feinfühlende Mann in hochgradige Nervosität verfiel und von Tag zu Tag an Geist und Seele kränker wurde. Hätte ihm für all die Mühsal, unter der er selifzte, noch sein Familienleben Trost gewährt. Aber sein Weib, eine herzlich langweilige und nervöse Person, verlöschte mit ihren eingebildeten und