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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-19 · Heft 36 (19.9.1890) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 36 (19.9.1890)
Date
1890-09-19
Page
Seite 472 (sequence 8)
Language
German
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472 des orthodoxen Judenthums verschuldet; dieser hat cs zu Wege gebracht, das; gar Biele entweder in den Irrgarten der Mystik sich verliefen oder skrupellos konvertirten. Wer Licht und Bewegung suchte, mußte hinaus über die grausame Umfassung; wer in derselben verblieb, hatte keine Wahl, als sich selbst, seine Ahnen und seine Umgebung ebenso beschaulicher als beschränkter Betrachtung zu unterziehen. Leon Modena war ein Wunderkind; schon in seinem dritten Lebensjahre las er in der Bibel, im zehnten hielt er eine Predigt und im dreizehnten verfaßte er gar schon einen Dialog über die Zulässigkeit des Karten- und Würfelspiels. Im Ghetto fand man diese Frühreife eines Knaben keineswegs verwunderlich, sondern im Gegenthcil selbstverständlich. Leons Großvater war als verdienstvoller Arzt vom Kaiser Karl dem Fünften zum Ritter des goldenen Bließes ernannt worden; einer seiner Oheime hatte sogar vor dem Papste Gregor XIII. eine wvhlgesetzte lateinische Rede gehalten; der Abkömmling solcher Ahnen konnte »ach den Begriffen des Ghetto nichts anderes denn ein Wunderkind und eine wissenschaftliche Leuchte werden. Leon Modena hielt indessen dem Ghetto nur zuin Theil, was er versprochen hatte. Die Berührung mit der christlichen Welt hatte auf ihn, wie auf so viele andere Ghettokinder, die Wirkung, daß er sich der Traditionen seiner Jugend schämte, und da er, kraft seiner Eigenschaft als Rabbiner der Gemeinde Venedig, den Juden nicht wohl verleugnen durfte, so warf er sich auf eine eigene Methode der Schriftstellern; er verfaßte Schriften, deren erster Theil gewöhnlich die kühnsten und rücksichtslosesten Angriffe wider das Jndenthmn enthielt, welche im zweiten Theile matt und schwächlich widerlegt wurden. Bei dieser seltsamen Art rabbinischer Dialektik konnte er, zlunal auch manches seiner in christlichen Kreisen gefallenen und wider das Judenthnm gerichteten Witzwortc schnell durch den Ghetto kolportirt wurde, natürlich die Würde eines Rabbiners auf die Dauer nicht behaupten. An seiner Gelehrsamkeit zweifelte Niemand; man sah den französischen Bischof Jakob Plantavicus und den verworrenen christlichen Kabbalisten Gaffarelli als Lernende zu seinen Füßen sitzen und empfand es in dem dumpfen Bannkreise des Ghetto mit hohem Stolze, daß die christlichen Cirkel des Marcusplatzes dem geistvollen Rabbi allezeit freundlich geöffnet waren. Allein eben dieser Rabbi war ein Lebemann vom lustigsten Schlage; er verstand mit den Würfeln zu hantiren wie kaum einer in Venedig, und die Glücksgöttin im hohen Einsätze gefährlicher Kartenspiele herauszufordern, war ihm das willkommenste Vergnügen. Hatte er in wüsten Nächten den mühsamen Erwerb gelehrter Schriftstellerei bis auf den letzten Dukaten verwürfelt, so sah man ihn die folgenden Tage emsig die Feder rühren, um seiner Zerknirschung und seines Unbehagens durch die Anfertigung talmudischer Gutachten wider die Zulässigkeit des Würfellind Kartenspiels Herr zu werden. Der hergebrachten Anschauung von der Askese des Rabbinerthums widersprach diese Lebensführung Leon Modenas so sehr, daß ihm schließlich seine gemeindeamtliche Funktion entzogen wurde. In jedem anderen Ghetto wäre ein Gebühren, wie dasjenige Modenas, mit dem großen und kleinen Banne, mit Fluch und Ausstoßung geahndet worden. Uriel Acosta und Benedikt Spinoza hatten in Amsterdam sich keines anderen Fehls schuldig gemacht, als Leon Modena, welcher, obwohl Rabbiner, den schneidigsten Hohn über die Riten und Ceremonien seiner Glaubensgenossen ausgoß. In Venedig aber übte man eine mildere Praxis und hatte nichts dawider, daß der gemaßrcgclte Rabbi zur Fristung seiner Existenz allerhand profanen Erwerbszweigen sich zuwendete und innerhalb der Umwehrung des Ghettos hintereinander als Tollmetschcr, Korrektor, Makler, Musikant und Heirathsvermittler die Summen zusammenschlug, welche er, kaum verdient, an den Spieltisch trug, um sie seiner unseligen Leidenschaft zum Opfer zu bringen. Den; nämlichen Ghetto, welcher zwei Jahrhunderte später den großen italienischen Freiheitsapostel Manin zur Welt brachte, stand diese Duldsamkeit und Milde wohl zu Gesichte, lind während der Blick des Modernen nur mit einem leisen Grauen in die duinpfe Finsterniß der übrigen Ghetti hineinschauen mag, bietet die Judenstadt Venedigs kauni ein einziges tragisches Moment und jedenfalls nicht eine einzige Erinnerung jener grausamen Bigotterie, welche einen Spinoza zu vernichten trachtete. Manche gewaltige Begabung ist in den mittelalterlichen Judenpferchen erstickt, welcher nicht die unwandelbare Gesinnungsgröße des Amsterdamer Philosophen beigesellt war. Zu einem ethischen Menschen Hütte Leon Modena, der Rabbi und Glücksjüger in einer Person, sich nirgends in der Welt ausgewachsen; in Venedig aber blieb ihm zum wenigsten das Mißgeschick eines tragischen Ausganges erspart, lind als er, ein Greis von achtundsiebzig Jahren, 1649, sein müdes Haupt zur Ruhe legte, blieb über seinem Grabe der Schein, zwar nicht des Martyriums, aber einer immensen Begabung bestehen, welche noch heute von allen Kenner der rabbinischen Litteratur als eine epochemachende gekennzeichnet wird. Modenas Dialektik hatte in dem Ghetto ihren urständigen Boden; das zurückgestaute Gedankenleben, dessen Flug an der Schranke des Vorurtheils Halt zu machen genöthigt war, kehrte in sich selbst zurück und brütete in Ermangelung zureichenden Denkstoffes über den Formen des Denkens. Wo aber die Dialektik gedeiht, da hat die Dichtung selten eine Stelle. Der Begriff ist das unpoetischste Ding von der Welt, und die Empfindung läßt sich dialektisch nicht meistern. „Welke Blumen" nennt in Gutzkows „Uriel" der junge Spinoza die Begriffe. Deshalb ist auch der Ghetto immerdar zwar nicht an Poesie, aber an Poeten auffallend unfruchtbar gewesen; ein paar wilde Jammerschreie und etliche thränenfeuchte Elegien bilden das ganze Jnventarium der späteren neuhebräischen Poesie; fast alles Uebrige ist eitel Spielerei mit Versformen und init Worten. Eine Ausnahme machte indessen auch hier die Judenstadt Venedigs. Das Meer hat keine Vorurtheile; es bespült des Juden Haus so gut wie dasjenige des Christen; sein Brausen ist ausnahmslos jedem menschlichen Ohre vernehmbar, und das Spiel seiner Wogen erfüllt alle Sterblichen mit poetischem Empfinden. Leon Modena hatte schon in seinen Knabenjahren der Muse seinen Tribut gezahlt, freilich in sonderbarer Weise; eine seiner Jugenddichtungen, welche sich — ex ungue leoiiem — als ein Hymnus auf das Würfelspiel manifestirt, bedient sich zugleich der hebräischen und italienischen Sprache, so zwar, daß der zwiesprachige Text bei gleichein Inhalt auch beit nämlichen Klang besitzt. Als gereifter Mann übersetzte er spanische Tragödien von biblischem Sujet ins Italienische und widmete eine derselben der schönen venezianischen Jüdin Sarah Copia Sullam, welche in den Annalen des venezianischen Ghetto ein seltsam anziehendes Blatt füllt. Sarah Copia Sullam ist selbst Dichterin; in Hymnen und Psalmenübersetzungen bekundet sie ein so gewinnendes Talent, daß katholische Priester sich wiederholt ihr nähern, um sie zum Christenthum herüberzuziehen. Insbesondere einer, Ansaldo Ceba ist sein Name, liegt ihr unaufhörlich in den Ohren; er will mit ihr auch im Jenseits zusammentreffen. Dazu aber sei es nöthig, daß sie als Christin sterbe. Sarah Copia widersteht diesen Heucheleien und antwortet dem Verführer auf die Frage, ob er für ihr Seelenheil beten solle, mit der Malice, daß sie zur Revanche auch für ihn bei Jehoväh ein gutes Wort entlegen werde. Auf die Dauer wird indeß ihr Verkehr mit katholischen Priestern dem Ghetto anstößig. Mali munkelt es sich von Thür zu Thür, in der Talmudhalle und in der Syna-

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