Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 36 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- Seite 469 (sequence 5)
- Language
- German
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469 hebräischen gedruckten Poöm') das Ereignis; gefeiert. Der jüngere Bruder, Jsak Winkler, erhielt Dienstag den 17. Dezember 1669 den gleichen, akadeniischen Grad. Es war eine traurige Zeit, die der jungen Doktoren daheim in der Kaiserstadt harrte. Während sie ihren ärztlichen Studien obgelegen hatten, war in Wien im Geheimen die Austreibung der Juden vorbereitet und beschlossen worden; der erste Schritt ins Leben sockte die jungen diplomirtm Aerzte ins Exil führen. Vergebens hatte ihr vortrefjlicher Vater, in jener Unglückszeit der Tröster und eifrigste Beistand der Wiener Gemeinde, Alles in Bewegung gesetzt, um eine Zurücknahme des grausamen Beschlusses zu erwirken; er mußte als bejahrter Mann mit seiner Familie znm Wanderstabe greifen; seine Söhne, die seine Wiener Praxis hätten theilen können, mußten ein neues Arbeits- und Erwerbsfeld sich suchen. Ich habe schon früher") die Vermuthung ausgesprochen, daß Winkler seine Zuflucht in der polnischen Großgemeinde Posen gesucht haben dürste. Was ich vermuthete, ist wahr. Der Stamm Winkler, in das neue Erdreich verpflanzt, trieb Blüthen und trug Früchte. Vom Vater auf den Sohn, vom Sohn auf den Enkel pflanzte sich Amt und Ansehen fort, so daß wir die Geschichte dieses jüdischen Geschlechtes von Aerzten durch mehr als ein Jahrhundert verfolgen können. Bereits 1674 erscheint der Arzt R. Jakob, wie aus den von Herrn Rabbiner Dr. Ph. Bloch mir mitgetheilten Auszügen der Posener Gemeindeprotokolle hervorgeht, im Vorstande als einer der zwei Vertrauensmänner,') die mit der Einkassirung der wichtigsten Gemeindesteuer beauftragt waren. 1678 sehen wir ihn schon als Gemeinderath fungiren und ein Jahr darauf als letzten der fünf Gemeindevorsteher gewühlt. In diesem Amte erhält er sich bis 1682, >vo wir ihn das Amt eines der drei Synagogenvorsteher an der Neuschule übernehmen sehen. Abwechselnd in eines dieser Aemter oder wie 1690 als erster Gemeinderath gewählt, steigt er 1693 zum zweiten und 1694 zum ersten Vorsteher der mit Prag und Frankfurt a. M. zu den größten Gemeinden der Judenheit gerechneten Gemeinde Posen empor. Neben dieser seiner Stellung als angesehenes Mitglied des Vorstandes sehen wir Jakob Winkler von Anfang bis zu Ende seine Berufspflicht als Arzt der Gemeinde zur allgemeinen Anerkennung und Dankbarkeit gewissenhaft ausfüllen. Als Schwiegersohn des durch sein Amt als Vorsteher wie durch seinen Reichthnm in der Gemeinde einflußreichen Arztes Mose, in dem ich wohl mit Recht den Posener Hauseigenthiimer aus dem Jahre 1641 Mopses Julka, Medicinae Doktor'), erkenne, trat er gleichsam ein Erbe von Ansehen und Bedeutung an, das er nur zu befestigen brauchte, als er Dienstag den 20. Tammus des Jahres 1673, beim Leben seines Schwiegervaters, nach der im Gemeindebuche III. t'. 240 erhaltenen Eintragung zum Arzte der jüdischen Gemeinde Posen ausgenommen wurde. Das Gehalt war Nebensache, denn die vierzig polnischen Gulden, die ihm ') In questa poesia, ehe il tempo edace divorö per inela non ho potuto trovarc il norac del poeta ne 1’aiino sagt M. Soave in Vessillo Israel. 1876 p. 1889. •) Die letzte Vertreibung p. 222. 3) der im selben Jahre als letzter der 7 gewählt erscheint, kann, da er noch 1700 als Vorsteber der Hochsynaeoge is Perlcs p. 94 n. 78) erscheint, also mindestens 90 Jahre alt gewesen sein müßte, was wohl ausdrücklich angegeben worden wäre, nicht Tr. Leo Winkler gen esen sein. Doch kann ich ohne Einsicht in die Posener Protokolle diese Frage nicht entscheiden. st Perles, Geschichte der Juden in Posen, p. 53 n. 71 und 70 n. 20. Jakob Winkler war also der Schwager der jungen Tochter des Doktor Moses, die der Posener christliche Kaufmann Michael Helwing 1675 trunkenen Mnthes aus der Synagoge entführen wollte, il». 61. jährlich bewilligt wurden, sollten ihm zur Hälfte für die Pardon oder Bardonh genannten Steuern, zur anderen von seinen synagogalen Spenden abgezogen werden. Wohl wird bei seiner, wie es scheint, von 3 zu 3 Jahren erneuerten Aufnahme 1675 sein Gehalt auf 120 polnische Gulden erhöht und Steuerfreiheit mit Ausnahme des Bardon- und Kehrichtgeldes ihm eingeräumt, aber seine Zahlungen an die Gemeinde haben immer seine Bezüge so weit überschritten, daß er fast niemals in die Lage kam, etwas von seinen! Jahresgehalte zu empfangen. Die Gemeinde verpflichtet sich auch damals, jeden neuen Arzt, der sich etwa in ihr niederlassen sollte, von dieser privilegirten Stellung Dr. Jakob Winkler's zu verständigen und so diesen gegen jede Verkürzung seiner Einkünfte zu schützen. Dafür übernimmt er die Armenpraxis im Gemeindespitale sowohl wie in den Häusern und die Erwirkung billigerer Medikamente für die i Mittellosen bei den Apotheker, von denen er keinerlei Benefizien! empfangen darf. Da ihm sein Gehalt nie ausbezahlt wurde, ver-! einigte er sich seit dem Jahr 1677 in der Weise mit der Gemeinde, daß seine Einkommen- oder Bardonstener gegen ein jährliches Pauschale abgelöst wurde. Dieses wurde für 1677 auf 50, 1678 auf 60, i 1680 auf 75, bis 1682 auf 100, später sogar auf 150 polnische Gulden bemessen. Aber die Einkünfte stiegen nicht in dem Maße, wie seine Besteuerung. Besonders seit dem Jahre 1703, da Posen von den Schweden zu leiden anfing, von Kriegskontributionen ausgesogen wurde und nach Stürmen und Plünderungen der wilden Soldateska Angust's II. in Verarmung und Erschöpfungen zurückgeblieben war, hatte ein solcher Rückgang in Winkler's Einnahmen sich fühlbar gemacht, daß er Mittwoch am 25. Sivan 1705 gezwungen war, seine Vorstellungen um Herabsetzung seiner Steuerbemessung mit aller Eindringlichkeit zu wiederholen. In der That wurde unter vollkommener Anerkennung der Wahrheit seiner Gründe seine Einkommensteuer auf 50 Gulden herabgesetzt. Darlehen-, Fleisch-, Geflügel- und Kleiderbardon mußte er freilich jetzt gleich jedem übrigen Gemeindegliede bezahlen. Auch von den 150 Gulden, die er für das Jahr 1705 zu entrichten hatte, wird ihm ein Drittel nachgesehen. 1707 wird seine EinkonOnensteuer vollends auf 40 Gulden herabgesetzt. Er hatte eben nicht nur als Arzt, sondern als Vorsteher sich um die Gemeinde verdient gemacht, nicht den Einzelnen allein, sondern > der Gesammtheit in der Noth beigestanden und durch seine Vcrbin-! düngen mit dem Adel und wohl auch der Geistlichkeit Darlehen für j die Gemeinde in schwerer Zeit vermittelt, für die ihm keinerlei Verj gütung oder Belohnung zugcsprochen worden war.! 1699 begegnen wir unter den 7 Vizegeincinderäthen seinem! Schwiegersöhne Me'ir, der seit 1701 auch als Beisitzer des Rabbinates j von Posen erscheint. 1694 sehen wir bereits seinen Sohn Wolf in der Eiuschätzungskommission der Gemeinde. Da man einen Unverheirathcten schwerlich in ein Geineindeamt gewühlt haben lvird, so dürfte er damals bereits der Schwiegersohn des weithin berühmten Hildesheimer Rabbiners R. Eljakim Gütz b. Melr's') gewesen sei». Die Verbindung mit diesem im Rufe äußerst Perles bestreitet zwar il». 68 n. 14 die Erklärung dieser Steuerbezeichnung durch Pardon, doch scheint nur ein Zweiifel an derselben unbegründet. Jede Steuer, die den Inden anferlegt wurde, konnte diesen Namen erhalten, da in der Abgabe, die ihnen abgenommen wurde, eine Bezahlung für die Fristung ihres Daseins lag. Der Steuereinnehmer der Verzehrungskreuzer in Mähren hieß in der vorjosefinischen Leideuszeit, wie nur der verewigte Rabbiner Jakob Brüll in Kojetein nach Mittheilungen seines Vaters erzählte, der Bardoner. -) Er ist von seinen Zeitgenossen Eljakim Götz b. Salomo Salman i (i Kaufinan» a a. O. 179 n. 8) und von Eljakim Götz b. Mordcchai in Posen ss. Perles 1 27 n. 85) z» unterscheiden. Mit dem Letzteren verwechselt ihn sMosc Landsbergj 'IL “UWI (Kroioschin 1870) p. 55.