Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 36 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- Seite 468 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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468 er sich nicht ohne seine Schuld befand, zu befreien, wer war es, der ihm dazu die Hand bat? Lediglich die verhassten Inden. Lassen tvir den Verfasser selbst erzählen: „Herr Dr. Straßmann" .gemeint ist der verstorbene Stadtverordneten-Vorsteher und Landtagsabgeordnete — „that mir viel Gutes. Er schaffte mir ein ganz zinsloses Darlehn von 1200 Mt., das ich sehr langsam tilgen konnte, und stellte mir vollständige Schuldentilgung durch die Königstädtische Genossenschaftsbank in Aussicht." In ähnlicher Weise habe einer unserer Glaubensgenossen Namens Crohn, ferner verschiedene andere jüdische Herren, die einem behufs Tilgung der Schulden des Rektors Ahlwardt gebildeten Komitee angehörten, desgleichen ein Banguier Sulzbach in Frankfurt a. M. sich seiner angenommen. Doch das hilft Alles nichts in den Augen der Herren Antisemiten. Erweist der Jude Wöhlthaten, so steckt immer eine'selbstsüchtige Absicht dahinter, auch wenn inan sie ihm nicht Nachweisen kann. Ergo ~~ „der Jude wird verbrannt", beztv., da wir in einem aufgeklärten Zeitalter leben, ans dem Lande Hinausgetrieben. Sollte sich jedoch das deutsche Volk in seiner unbegreiflichen Langmuth zu einem derartigen Akt der Selbsterhaltung nicht aufraffen können, so müßte es sich mindestens dazu entschließen, den Inden folgende, vom Verfasser am Schluß seines Machwerkes in 11 Punkten zusammengefaßte Beschränkungen aufzuerlegen: 1. Beseitigung der Juden aus allen amtlichen Stellungen sowohl des Staates als auch der Kommune, besonders des Richter¬ und Rechtsanwaltstandes. 2. Aufhebung der Jndenemanzipation. 0. Stellung der Juden unter Fremdenpvlizei, die jeder Zeit Einsicht in die jüdischen Geschäftsbücher hat und bei Unreellitüten die sofortige Ausweisung beantragen kann. 4. Militärfreiheit der Juden, dafür aber eine ausreichende Fremden- und Wehrgeldsteuer. 5. Verstaatlichung der Börse und der Reichsbank. 0. Verbot des Terminhandels an der Börse. 7. Verbot für die Juden, Zeitungen zu schreiben oder sie zn besitzen, die auf außerjüdische Kreise berechnet sind. 8. Verbot, daß Fremde Grundbesitz erwerben können. 9. Aufhebung der Gewerbefreiheit. 10. Verbot der Naturalisation von getauften Juden. 11. Wiederherstellung des religiösen Eides. Dies das Resultat der Untersuchungen des Herrn Ahlwardt. Nun wollen wir einmal am Schluß dieser Betrachtungen sehen, zu welchem Resultat wir in Betreff des Herrn Ahlwardt gelangen, und zn diesem Behuf die Persönlichkeit des Verfassers etwas genauer ins Auge fassen. An und für sich ist es ja für die Beurtheilung einer Schrift gleichgiltig, von wem sie herrührt; nur darauf kommt es an, ob die darin entwickelten Ideen richtig oder falsch sind. Wenn indes; Jemand sich mit solchem Selbstbetvußtsein als Sittenrichter aufspielt, daß er glaubt, mit dem Zeitpunkte des Erscheinens seiner Schrift beginne eine neue Aera für das deutsche Volk, dann ist es doch wohl erlaubt, diesen Refornurtor der Sittlichkeit etwas unter die kritische Sonde zu nehmen. Und was stellt sich heraus? Obgleich , im Disziplinarwege entlassen, prunkt Herr Ahlwardt mit dem Rektortitel, als ob er noch in Amt und Würden wäre. Die verschiedenartigen geschäftlichen Manipulationen, die zmrüchst zu einer Vertvarnung seitens der Vorgesetzten Behörde und schließlich zur Absetzung geführt haben, lassen ihn auch nicht gerade in besonders günstigem Lichte erscheinen. Alles in Allein genommen, reiht sich Herr Ahlwardt seinen Vorbildern, den Herren Boeckel, Liebermann v. Soiinenberg und Konsorten in Bezug aus seine moralische Qualifikation als „zweiter Luther" würdig an. U Hundert Jahre ans einer Familie jüdischer Aerzte. Du. Leo, Dr. Jakob, Dr. )sak, Dr. Wolf Winkler. Von Prof. Dr. David Kaufmann. Eine der bedeutendsten und angesehensten Persöirlichkeiten in dem durch Kaiser Leopold I. 1670 zerstörten Gemeindeleben des Wiener- Ghettos war der Arzt und Vorsteher Jehuda Löb, Sohn Jsak's oder Dr. Leo Winkler '), wie er int Verkehr mit den Behörden sich zn nennen pflegte. Sein Vater, Rabbi Jsak fl, der in einer Gemeinde Deutschlands das Rabbineramt bekleidet haben dürfte, war bereits verstorben, als der Sohn Donnerstag den 22. Mürz 1629 von der Universität Padua aus den Fächern der Philosophie und Medizin zum Doktor promovirt wurde. Vom Vaterhause her talmudisch gebildet, hatte er durch seine Profanstudien zn einem der gebildetsten Männer seiner Umgebung sich entwickelt, der sich hebräisch, deutsch, lateinisch und italienisch3) mit gleicher Gewandtheit auszudrücken verstand. Als Johann Christoph Wagenseil im Wiener Ghetto verkehrte, inn seine hebräischen Kenntnisse zu begründen und mit dem Ritualleben der Inden sich vertraut zu machen, mußte ihm das Haus des studirten Arztes hoch willkommen sein, der den jungen christlichen Gelehrten wegen seiner gediegenen Latinität und wegen seiner Fortschritte im Hebräischen gleich sehr bewunderte. Noch zeugen in dem Epistolar Wagenseils, das die Leipziger Rathsbibliothek aufbewahrt, ein hebräischer und ein lateinischer Brief Winklers, beide vom 18. Juni 1655, an Wagenseil nach Meißen gerichtet, von dem freiindschaftlichen Verhältnis;, das Beide verknüpfte. Wenn Wagenseil in der „großen Inden- Schule", der heutigen Leopoldskirche, dem Gottesdienste beiwohnte, nahm ihn R. Löw, wie er Winkler nennt, auf seinen Sitz nahe der heiligen Lade, wo die vielen Wachskerzen brannten, um mit ihm aus einem Exemplare der Vorlesung des Wochenabschnittes znzuhören ')• Winkler scheint bereits als verheiratheter Mmm und Familienvater in Padua sich auf die Schulbank gesetzt zu haben, wenigstens bestellt er in dem hebräischen Briefe von 1655 an Wagenseil schon einen Gruß seines Sohnes Melr, der bereits den Morenutitel besessen hat, also woh! schon verheirathet sein mußte. Zwei andere Söhne Winklers, Jakob und Jsak, mögen noch als Kinder gespielt haben, als Wagenseil im Hause ihres Vaters verkehrte. Das Ansehen und die Bedeutung des von Christeir und Juden gleich sehr geschätzten, vielbeschäftigten Arztes der Wagenseils lateiirische Briefe vornehmen und gebildeten Christei! zeigte, wie er seine hebräischen von jüdischen Freunde» anstannei ließ, wuchs in der Gemeinde so sehr, daß er bald eine der einfluß reichsten Stellungen im Vorstand einnahm. Die Erziehung, die er seinen Kindern angedeihe» ließ, war eine so sorgfältige, daß zwei seiner Söhne die Universität Padua beziehen konnten, um dem Vater gleich, ge schmückt mit dem Doktortitel der Philosophie und Medizin, heimzukehre». Donnerstag am 28. Februar 1669 wurde zugleich mit Wolf Ben jamin, Sohn Anselm Levi's aus Frankfurt am Main"), Jakob Winkler zum Doktor der Universität Padua promovirt. Von seinen akademischen Freunden hatte einer nach der Sitte der Zeit in einein 9 Kanfmanii, Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien nun Niederösterreich z». 69, 192 u. 3. 2) A. a. 0.139 ii. 2 pTOT "NNQ 8^2 Dem entspricht: quondan domini Jsach Nabi im Prüfungsprotokoll seines Doktorates. ') A. a. O. 133. 9 Schudt, Jüd. Merkwürdigkeiten IV. 2 Cont. p. 362. 9 Vielleicht haben wir in ihm den am 26. Juni 1715 im Alter von 70 Jahren verstorbene» Frankfurter „Jnden-Doetor Wölffgen oder Wo!-' Behr B uxbaum" zu erkennen, von dem Schudt II, 382 und IV, 2 Cont. p. 184 berichtet. Vergl. Horovitz, Indische Aerzte in Fran'- fnrt a. M. 32 ». 2.