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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-19 · Heft 36 (19.9.1890) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 36 (19.9.1890)
Date
1890-09-19
Page
Seite 467 (sequence 3)
Language
German
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Die Schulinspektorcn waren nicht seltene Besucher dieser Stunden, verglichen die Leistungen der einen und der anderen Gruppe und zollten gern ihr Anerkennung. Ja, ich erinnere mich, daß bei einer größeren Konferenz der jüdischen Kinder rühmend gedacht wurde. Man hob hervor, daß sie weniger starr am Bibelwort hingen als die christlichen, frei reproduzirten, eigene Ausdrücke und Gedanken fanden, und daß man ihnen mit Vergnügen zuhöre. Der Lehrplan der 84. Gemeinde-Schule, Keibelstraße, wurde als maßgebend von der Behörde eingeführt; derselbe gliederte sich nach Stufen und nahm die biblischen Erzählungen voir Auerbach, die Hausbibel desselben Verfassers, für den hebräischen Unterricht die Lesefibel von Horwitz und das Rödelsheimer Gebetbuch als Lehrmittel an. Damit waren andere Leitfäden für die Sittenlehre rc. nicht ausgeschlossen, vielmehr individuelle Freiheit gewahrt. Man begann mit den, den Kleinsten verständlichen Geschichten bis zum Auszug aus Aegypten, vertiefte und erweiterte das Gebiet in den höheren Stufen, webte den Memortrstoff mit ein und schritt so bis in das Zeitalter der Makkabäer; daran schloß sich die Erklärung der Feste, Lektüre der Propheteir, Ariswcndiglernen von Psalmen und Sprüchen. Das Kind, das von der sechsten bis zur ersten Klasse aufstieg, war im Besitz eines tüchtigen Wissens, es kannte die Bibel, die Geschichte seines Volkes, die Lehre von den Pflichten gegen Gott und Menschen. Wie anders diejenigen, welche die Schule ohne diese Stunden, ohne jeden religiösen llnterricht verlaßen hatten! Sie ivaren in der That mit einer unzureichende» sittlichen, mit einer anzureichenden Gemiithsbildnng in das Leben hinaus gegangen. Der Geschichts-, der Gesang-, der deutsche Unterricht zielen freilich auch auf ethische Klärung und Gemüthseindrücke, allein die Klassen und meist überfüllt, der formelle Theil umfangreich und die Zeit iür das Herausschälen des sittlichen Kerns gar knapp gemessen. In Kommunalschulen giebt es keine Stunde, welche sich den idealen Fragen des Lebens so ausschließlich zuweudet, als die Religion, keine, oie der Jugend über Thun und Lassen, Recht und Unrecht, Gewissen and Glauben so reichen Aufschluß gewährte. Man denke, wie die -linder dieser Schichten unmittelbar von der Schrilbank zum Erwerb gedrängt werden, wie sie nicht den geringsten Zwischenraum finden, ach mit höheren Dingen zu beschäftigen, und dem genußsüchtigen, em egoistischen Treiben der Großstadt ohne sittlichen Widerstand -cgenüber stehen. Das jüdische Kind, das auf dem Berliner Pflaster groß geworden, bringt schon von Hause aus eine gewisie scharfe Kritik alles messen mit, was es nicht mit den Händen fassen, mit den Sinnen ' oll begreifen kann, dessen Zweck und Nutzen es darum auch nicht insieht; glaubt sich doch ein Theil berechtigt, die Bibel als einen überwundenen Standpunkt" zu bezeichnen, als etwas, das in die praktische moderne Welt nicht paßt, demnach auch keinen Anspruch auf Wissen und Lernen macht. — Der Zauber der biblischen Erzählungen wirkt zwar bald auf die Kinderherzen, die Größeren ober vernehmen mit einem naiven Erstaunen, wie das, was im Nebel der Jahrhunderte verschwommen und vergessen schien, noch heut seine wirksame Kraft nicht verlor, noch heut seine?lnwendung findet und auch außerhalb des religiösen Kreises in Sprichwörtern, Redensarten, l'inftrielungen auflebt. Einmal geweckt, schwächte sich das Interesse auch nicht ab, sondern wuchs stetig. Die Knaben und Mädchen — der Unterricht war gemeinsam und erwies sich auch in dieser Hinsicht für beide Theile als ersprießlich — beschäftigten sich nicht selten mit der Geschichte der Alten, die berührt wurde, in dem Schulpensum aber nicht vorkam; sie benutzten die Ferien, mit in der Galerie eine biblische Landschaft zu sehen, ein Bild, das einen biblische» Vorgang darstcllte, oder Alterthümcr, die man anläßlich Aegyptens, Assyriens k. besprochen. Manches Kind, das in der Klasse nicht zu Wort kam, entfaltete sich int kleinen Kreise, lernte denken und aus sich herausgehen; bedrückte Gemüther fühlten sich ermuthigt, und man hätte Früchte der besten Art gezeitigt, wäre der Wechsel nicht zu häufig gewesen. Orthodoxe Eltern fanden den Unterricht zu menschlich allgemein, schwache gaben den Bitten des Kindes nach, das eine Rüge bekommen, und ließen wohl ohne Abmeldung die Stunden aufgeben. Es schien fast unmöglich, einen guten, festen Stamm z» bilden. Die wohlwollend gemeinte Einrichtung litt darunter, die Unregelmäßigkeiten kamen zu Ohren der Vorgesetzten; man versuchte es mit freundlichem Zureden, kein Schüler sollte die Religionsstunde verlassen, tvenn er nicht überhaupt aus- oder umgeschult würde. Vielleicht vermindert sich jetzt die Zahl der Unbeständigen und Unverständigen, die es nicht begreifen wollen, daß gleiche Rechte auch gleiche Pflichte» fordern! <!. T. U Das neueste antisemitische Machwerk. Von Dr. Carl Pinn. Trotzdem es seit einigen Jahren unsere Praxis ist, die von Zeit zu Zeit anftauchenden antisemitischen Broschüren, welche ja nur den alten abgeschmackten Kohl aufwürmen und inhaltlich einander gleichen wie ein Ei dem andern, verdientermaßen mit Stillschweigen zu übergehen, wollen wir doch gegenüber der in voriger. Woche mit ungeheurem Aplomb an allen Littfaß-Säulen angekündigten Schrift von Rektor Ahlwardt: „Der Verzweiflungskampf der 9lrier mit dem Jndenthnm" eine Ausnahme konstatiren. Nicht als ob das, übrigens inzwischen polizeilich beschlagnahmte Buch neue, sachlich diskutirbare Gesichtspunkte enthielte, sondern lediglich deshalb, weil es so ziemlich — und das will viel sagen — den Gipfelpunkt dessen darstellt, was bis jetzt an Widersinn und Niederträchtigkeit auf dem Gebiete der antisemitischen Schandlitteratur überhaupt geleistet worden ist. Was in der Schrift über Kaiser Friedrich, den edlen Dulder auf dem Throne, gesagt wird, übersteigt jeden Begriff und entzieht sich der Wiederholung. Natürlich haben die Inden auch den Tod des Königs Ludwig II. von Baiern und des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich verschuldet. Man sieht, wie sehr hier das Dichterwort zutrifft: „Ist es Wahnsinn auch, So hat es doch Methode." Zu dieser Methode gehört es eben, alle dem Volkskörper anhaftenden Schäden und Gebrechen, sowie elementare Ereignisse von unheilvoller Wirkung den Juden in die Schuhe zu schieben. So werden die Juden für die Verbreitung einer gewissen widerlichen Krankheit ohne Weiteres verantwortlich gemacht, obwohl die ärztliche Statistik das Gegentheil nachweist, doch das stört einen braven Antisemiten nicht im Geringsten. Der springende Punkt aber, der sich wie ein rother Faden durch das ganze Buch zieht, ist die angebliche geschäftliche Ausbeutung des deutschen Volkes durch die Juden. Zu diesem Zweck erzählt der Verfasser alle möglichen, ihn selbst und Andere betreffenden Wuchergeschichten, welche, die Richtigkeit des Erzählten vorausgesetzt, nur beweisen, daß die Anzahl der christlichen Wucherer in Berlin und deren Agenten nicht geringer als die der jüdischen ist. Muß er doch selbst zugeben, daß Erstere Letzteren an Grausamkeit, mit der sie ihrem Opfer den Hals znschnüren, noch bedeutend überlegen sind. Und wenn Herr Ahlwardt zeitweise nahe daran war, sich ans seiner verzweifelten Lage, in der

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