Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 36 (19.9.1890)
- Date
- 1890-09-19
- Page
- Seite 466 (sequence 2)
- Language
- German
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466 welche die Vorstände allerorten nehme», um mir eine» Theil der Stenern zu retten, nicht wnlten lassen dürfen, sie würde ihre Einschätzung in vollem Umfange vornehmen müssen, und der Beitrag, der heut noch immer als ein gewissermaßen freiwilliger und selbstauferlegter gern getragen wird, er würde als Zwang empfanden werden, und weit häufiger als jetzt ivürde man Austritte aus der Synagvgen-Gemeindc zu fürchten haben. Auf eine Aufhebung des Austrittsgesetzes können wir aber in absehbarer Zeit nicht rechnen. Weder die Regierung, noch eine der politischen Parteien des Landtags würde für die Abschaffung des Gesetzes stimmen, das Ccntrum vielleicht ausgenommen. Aber die Konservativen hätten keine Veranlassung, irgend etwas zu beschließen, was der jüdischen Religionsgemeinschaft zum Vortheil gereichen könnte, und die Liberalen müßten dagegen stimmen, weil sich nicht leugnen läßt, daß in jenem Gesetz ein gewisser liberaler Gedanke liegt. Die Kosten des gemeinsamen Etats würden aber ganz beträchtliche sein. Rehmen wir beispielsweise nur an — indem wir namentlich den Bedürfnissen der kleinen Gemeinden Rechnung tragen —, daß für je 50 Familien ein Lehrer und Vorbeter, für je 500 Familien ein Rabbiner angestellt werden sollte, so würde dies, da die Zahl von 300,790 Juden in Preußen ungefähr 70,000 Haushaltungen entspricht, die Besoldung von 1500 Lehrern und 150 Rabbiner voraussetzen. Bei einem Dnrchschnittsgehalt von 2000 Mark für die erste, von 4000 Mark für die zweite Beamtenkategorie würde dies allein einen Betrag von 3'h Millionen, also im Durchschnitt 50 Mark jährlich für jede Haushaltung ausmachen, ohne die Kosten, welche die vermehrte Verwaltung, Synagoge, Schechita, Bildungs- und Wohlthütigkeitsanstaltcn, sowie die übrigen lokalen Bedürfnisse der einzelnen Gemeindebezirke erfordern, rmd welche obigen Betrag wohl auf das Doppelte steigern dürften. Auch ans Folgendes sei hingewiesen. In einigen der neuen preußischen Provinzen, besonders im Regierungsbezirk Kessel, ist das, was Herr Klein für den ganzen Staat als erstrebenswerth hinstellt, schon durchgesührt. Hier haben tvir schon „königliche Vorsteherämter der Israeliten", und an ihrer Spitze ein Landrabbinat. Hier finden wir größere Gruppen von Gemeinden zu Etatsverbänden zusammengefaßt, die einen Theil der religiösen Bedürfnisse decken. Und in der That klagen die kurhessischen Gemeinden und seufzen unter allzu hoher Steuerlast. Hoffen wir also nichts von der Verstaatlichung unserer jüdischen Gemeinden. Roch ist ihre Kraft stark genug, um selbst die Schäden zu heilen, an denen sie kranken; und auch die Wege, die hierfür nach unserer Ansicht einzuschlagen wären, sie liegen nicht so fern. Doch darüber ein nächstes Mal. d Der jüdische Religionsunterricht in der Kerliner Lommnnalfchule. Es inögen wohl sechs Jahre her sein, daß Herr Stadtschulrath Bertram an die jüdischen Lehrerinnnen resp. Lehrer das Verlangen stellte, auch ihrerseits Religionsunterricht zu ertheilen. In den Examenzeugniffen war zwar die Rubrik: „Religion" unausgefüllt geblieben, man hatte indessen das Vertrauen zu den Lehrerinnen. — und diese kamen zunächst in Betracht — daß sie den Stoff beherrschen könnten oder doch lernen würden, ihn zu beherrschen, und war gern bereit, die.nöthigen Lehrmittel anzuschaffen. Mochte es sich in einzelnen Fällen darum handeln, der jüdischen Lehrkraft ihre volle Anzahl wissenschaftlicher Stunden zu sichern, der Hauptzweck der neuen Verordnung war, einmal die jüdische Lehrerin ihrer protestantischen und katholischen Kollegin gleichzustellen, zum andern den jüdischen Schülern die Gelegenheit zu geben, ihre gesammte, auch die sittlich-religiöse Bildung in der Schule zu finden. Kein Mensch konnte in dieser Maßregel einen geistigen Zwang erblicken. In Frankreich, in den Vereinigten Staaten Rordamerika's gehört die Religion überhaupt nicht in das Gebiet der Schule; jede Religionsgesellschaft läßt cs sich angelegen sein, die ihr Zugehörigen an sich zu fesseln, ihre Kinder je nach dem Betenntniß zu belehren: in Deutschland wird der Religionsunterricht als ein unerläßlicher Faktor der Erziehung angesehen, daher von den Anstaltslehrer» gegeben. Die jüdischen Schüler waren mit Ausnahme derer an Gymnasien und höheren Schulen bis dahin leer ausgegangen. Es blieb der Familie anheimgestellt, Sohn und Tochter in einen Privat zirkel zu schicken oder sie ohne jegliche Kenntniß der Bibel und Sittenlehre aufwachsen zu lassen. Die Herren Inspektoren hatten bei gelegentlichen Fragen eine wahrhaft erschreckende Unwissenheit konstatirt. Nicht einzelne, nein Dutzende von Kindern kannten Abraham, Joseph, Moses kaum dem Namen nach; die zehn Gebote diese Grundpfeiler aller Sitte, waren ihnen ein Buch mit siebe» Siegeln; andere fanden sich schon besser zurecht und konnten dies: und jene Geschichte erzählen; ihre Kenntnisse stammten aus der christlichen Religionsstunde, an welcher sie, zumeist in zarterem Alter theilnahmen. Sie zeigten, wie mir christliche Kolleginnen versicherten einen Eifer, den man öfter zu dämmen hatte, legten doch die neu testamentlichen Kapitel, die Feste re. der Lehrerin — gerade bei» jüdischen Kinde gegenüber — einige Zurückhaltung auf. Jedenfalls bewies die Freudigkeit des Lernens, daß es nicht an dem Kind liege, wenn es unwissend blieb, auch nicht an der Sprödigkeit de Stoffes, daß nur die Indifferenz der Eltern verantwortlich z» machen sei. Ohne Rücksicht auf diese Gleichgiltigkeit kam der humane Ge danke zur Ausführung, den jüdischen Schülern zu gewähren, was allen übrigen geboten wurde, man setzte auch für sie vier Religion-: stunden auf den Lektionsplan. In manchen Gegenden, namentlick im Osten Berlins, vollzog sich dies ohne Schwierigkeit; eine einzige Schule war im Stande, einen Religionslehrer ausreichend zu beschäftigen. In anderen Vierteln, die weniger von der ärmeren jüdischen Bevölkerung ausgesucht wurden, mußte man die Kinder eines Schulkreises oder doch die von fünf, sechs Schulen vereinigen. Dennock saß man anfangs vor leeren Bänken, kaum daß ein Häuflein von zehn zugegen war; allein die Lehrerin mußte, auch wenn nur drei erschienen, sorgfältig vorbereitet, pünktlich zur Stelle sein. Es handelte sich um das Prinzip! Im Laufe des Vierteljahrs stieg dann die Frequenz oft auf dreißig und mehr. Bei Beginn des Semesters zirkulirtc ein Schreiben des Rektors, in dessen Anstaltsräumen der Unterricht stattfand, und benachrichtigte die Rektoren der Nachbarschaft über Tag und Stunde; die Aufforderung wurde von der ersten k»s zur letzten Klasse gelesen. Nicht daß sie Alle kamen, die ein Reckt, ja die Pflicht dazu hatten. Manches Kind empfand es als eine Art Scham, sein Judenthnm durch diese Stunden gewissermaßen aus Licht gezogen zu sehen; viele Knaben und Mädchen mochten nickt gern die angenehmen Freistunden opfern, die ihnen erlaubten, viermal wöchentlich später aufzustehen als die übrigen Schulkinder; andere stießen sich daran, daß man vorerst nicht hebräisch lese und schreibe, biblische Geschichte und Sittenlehre als Hauptsache betrachte. Für sie lag der Begriff der Konfession einzig im hebräischen Wort. Nock andere gaben vor, eine Religionsschule zu besuchen, ohne das; man ihnen das Gegentheil beweisen konnte. Allmälig gelang es indeffcu, Eltern und Kinder zu überzeugen und sie für den Gegenstand erwärmen. Der Klassenlehrer las in der halbjährigen Zensur, ol>