Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 35 (12.9.1890)
- Date
- 1890-09-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Leuten erhalten, da er selbst ein Millionär ist (nebenher bemerkt, hat er! sich dieses Vermögen nicht selbst erworben, sondern er hat es von seinem j Vater, der von Rothschild poussirt wurde, ererbt), und wenn er auch j keinen Funken Vaterlandsliebe hat, so kann man ihm doch nicht nach-! sagen, daß er wegen gemeiner Verbrechen das Kriminal zu fürchten hat. : Wie anders liegen jedoch die Dinge in Betreff der andern Antisemiten-! Häuptlinge, wie Vergani, Schneider u. s. w. Wahrlich, jeder anständige; Mensch nimmt Anstand, mit derartigen Personen an einem Tische zu sitzen, geschweige denn mit ihnen umzugeheu, und diese Leute sind Antisemitenführer. Genannter Schneider ist Mitarbeiter des „Vaterland", des Blattes, das vom Hochadel und vom Klerus erhalten wird. Nun leben wir in einer Zeit, in welcher Künste und Wissenschaften blühen. Sonst hieß es von denselben: emollicul inores: und kann es eine größere Korruption geben, als wenn Leute, wie Vergani und Schneider, oder sagen wir wie Boeckel imb Pickenbach, über Rechtlichkeit und Redlichkeit' über Tugend und Moral sprechen und sich zu Sittenrichtern über Andere aufwerfen? Wir rühmen uns, in einem Rechtsstaate zu leben, und auf offenen Straßen wird das Recht, das die Verfassung den Juden gewährleistet, mit Füßen getreten, und in öffentlichen Versammlungen wird das Volk geradezu gegen die Juden aufgehetzt. Wir beklagen diese Zustände wahrlich nicht blos der Juden wegen, sondern weil es sich;eigt, daß die Bildung und Kultur unserer Zeit nur äußerer Firniß >st. Der Leser würde sich jedoch irren, wenn er glauben wollte, daß nur verzweifelt sind und die Hoffnung auf die Zukunft aufgeben. Die Juden haben schon ärgere und schwerere Zeiten überlebt, und wahrlich, wenn derartige Vorgänge, wie wir sie jetzt erleben, uns nachhaltig hätten schädigen können, so wäre schon längst keine Spur von einem Juden zu indem Das religiöse Jahr geht zu Ende; möge im neuen Jahre das Gebet, daß alle Bosheit und Niedertracht wie Rauch verschwinden, in Erfüllung gehen. * Wien, 8. September. Die Deputation des antisemitischen Gemerbetages, welche eine Audienz beim Kaiser nachgesucht hatte, ist von diesem nicht empfangen worden. Großbritannien. London, 8. September. Die Anglo-Jewish Association will sich an den Premierminister Lord Salisbury nnt der Bitte wenden,!einen Einfluß zu Gunsten der unterdrückten russischen Juden geltend >u machen. Mit der Ausführung dieses Schrittes sind die nachfolgenden verren betraut worden: Hofrath Arthur Cohen, Lord Rothschild, Sir Julian Goldschmidt, das Parlamentsmitglied Montague und der Ober- Rabbiner Dr. Adler. Letzterer sagte gestern bei Einweihung der neuen Synagoge zu Hammersmitt, er habe Nachrichten aus zuverlässigster Duelle, welche keinen Zweifel darüber lassen, daß trotz aller offiziellen lbleugnungen — eine große Judenverfolgung in Rußland geplant und 'evorstehend sei. * London, 6. September. Obgleich dre beabsichtigte feierliche Erssnung des neu eingerichteten theologischen Seminars in Ramsate: „The Judith Montefiore Theological College“ wieder aufgegeben ourde, so ist doch das Seminar schon seit einiger Zeit in voller Shätigkeit. Die wöchentlichen Vorlesungen werden wie folgt abgehalten: Ser Direktor Dr. Gaster liest: Kritische Einführung in die Bibel; Gedichte der Juden während des zweiten Tempels; Geschichte der Haggadah \it einer speziellen Einführung in die apokryphische Litteratur; der ^anchuma von Buber. Dr. Hirschfeld: Vergleichende Grammatik des hebräischen; Syrische Grammatik; Erklärung der kleineren Propheten; er Targum des Jonathan über die Propheten; Emunoth Vedeotli non madia. Se. Ehrwürden B. Schewzig: Nischna Berachot; Gemara: Traktate Baba Bathra und Chagiga; Tur Orach Clmjim mit Kommentaren. — Es wird beabsichtigt, jährlich eine Publikation erscheinen zu lassen, welche einen Rechenschaftsbericht, sowie ein Verzeichniß der am reminar abzuhaltenden Vorlesungen enthalten soll. Seine Ehrwürden Sr. Gaster beschäftigt sich gegenwärtig mit der ersten derartigen Veröffentlichung, die aus einem Katalog der in der Seminar-Bibliothek vorhandenen Werke bestehen wird. Diese wurden erst vor einiger Zeit üurch ein Nicktasch-Uagadol-Manuskript, sowie durch andere Manuskripte vus Uemen bereichert, die durch Dr. Gaster für das Seminar erworben wurden. Vom Kontinent lausen beständig Gesuche ein behufs Aufnahme in das Seminar, dieselben müssen jedoch abschlägig beschieden werden, da es der Wunsch der Stifter war, englischen Bewerbern immer den Vorzug zu geben. Türkei. Jerusalem, 20. August. Ueber den E i s e n b a h n b a u I affa- Jerus al em kann Folgendes mitgetheilt werden. Es sind ungefähr 25 Ingenieure in Palästina an verschiedenen Orten stationirt, einige in Jerusalem, andere bei Artus, wo die Bahn ins Gebirge eindriugt, und andere in Jaffa, von wo die Bahn ausgeht. Hier in Jerusalem ist noch nichts von praktischen Schritten der Ingenieure zu sehen, Artus ist zu weit von Jaffa entfernt, um Kunde von der Thütigkeit der Ingenieure zu bekommen, dagegen entfalten dieselben in Jaffa eine rege Thätigkeit. Zuerst mußte die Frage entschieden werden, ob die Bahn auf der Südseite oder auf der Nordseite der Stadt angelegt werden soll. Man entschied sich für die Nordseite, weil im Süden ein Höhenzug die Arbeit erschwert und kostspielig gemacht haben würde. Im Norden ist es die Sandfläche, auf welcher die aegyptische Kolonie liegt und die über dieselbe sich ausdehnt; diese Fläche ist bereits mit stattlichen Gebäuden bedeckt. Hier bildet sich eine neue Vorstadt von Jaffa, durch welche die Eisenbahn geführt werden soll; nach einer Ausdehnung von 1 Kilometer wird sie sich ostwärts wenden und die Orangengürten umgehen. Der Platz, auf dem der Bahnhof errichtet wird, ist bereits ausgewählt. Derselbe liegt dicht an der Nablusstraße, da, wo dieselbe in die Stadt eindringt. Wenn man auf dieser Straße gegen die Stadt fortschreitet, so hat man auf der rechten Seite eine Reihe von Orangengärten, an deren Ende jetzt ein freier Platz ist, auf dem der Bahnhof erbaut werden soll. Derselbe ist von dem früheren Besitzer an den Bankier Herrn Frntiger verkauft und nun von den Ingenieuren erworben worden. Bereits ist dieser durch eine Reihe von Pfosten, die durch mit Stacheln versehenen Eisendraht verbunden sind, abgesteckt. Am südlichen Ende des Platzes befinden sich Werkstätten für die Jngenienrarbeiten, und noch bedeutungsvoller ist die von diesem Platze ausgehende Rollbahn, deren Schienen bereits gelegt sind. Diese Rollbahn geht nicht direkt gegen das Meer j in westlicher Richtung, sondern macht verschiedene Wendungen gegen Süden und erreicht das Meer da, wo die Stadt anfängt. Hier scheint ein günstiger Platz zum Ausladen der Schiffe zu sein; auch liegen daselbst am Ufer gewaltige runde Baumstämme, etwa 40 an der Zahl, die zum Bau einer Brücke in die See hinein bestimmt zu fein scheinen. Obgleich all dies darauf deutet, daß es mit dem Eisenbahnbau ernst ist, so giebt es doch immer noch Leute, welche an die Ausführung der Bahn nicht glauben. Die neueste Nachricht, daß die Eisenbahn voll Eaifa nach Damaskus von einer englischen Gesellschaft gebaut werden soll, wird auch die Zweifel an dem Bau der Jerusalemer Eisenbahn beseitigen. In der Eaifaer Bucht kann ein Hafen leicht gebaut werden, und eine Bahn von Eaifa nach Jaffa würde die Jerusalemer Bahn in l das Netz von Bahnen bringen, von welchem schon källgst die Rede ist. Alsdann wäre ein Centralbahnhof bei Jassur eine selbstverständliche Sache, die auch die Arbeiten an dieser Stelle erklärt.? von Nah und Fern. --- Gegen den jüngst gegründeten „Religiösen Verein ijrae- - litischer Glaubensgenossen im Stadttheile Moabit" hat! sich bereits ein orthodoxer Gegenvereill unter dem Namen „Synagogeni Verein M oabit" konstitnirt. Alls großen Anhang scheinen die Herren I Separatisten nicht zu rechnen, denn ihre Synagoge beschränkt sich ans j 50 Plätze. — Die Wahl des antisemitischen Stadtverordneten Bacht er ist seitens der Wahlprüfungskommissiou beanstandet und ihre : Ungiltigkeit beantragt worden. - Das Stöekersche „Volt" sieht sich gellöthigt, an der Spitze seiner neuesten Nummer folgend: Urtheilspublikation zu bringen: In der Privatklagesache Pfarrer Witte contra Redakteur Leuß (vom „Volk") hat das königliche Landgericht I Berlin am 30. Mai 1890 zu Recht erkannt: „Daß der Angeklagte, Redakteur Leuß, der mittelst der Presse begangenen Beleidigung in fnuf Fällen schuldig und deshalb zu bestrafen ist mit 9 Tagen Gefängniß und einhundert und fünfzig Mark Geldstrafe, im Uuvermögensfalle mit noch drei Tagen Gefängniß. — Unter den 101 jungeu Damen, welche die kaiserlichen Majestäten in Breslau am 11. September begrüßen