Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 35 (12.9.1890)
- Date
- 1890-09-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227861--47349-3268865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
cinftcreiljt werden können, fo wird die Sorge für deren Unterbringung dem Landrabbiner übertragen, während die Kosten für Verpflegung, Reise und für einen Aufsicht führenden Lehrer das Komitee bestreitet. Durch Zuschüsse des israelitischen Wohlthätigkeits- und des Armen- Vereins, sowie durch Gewährung von zwei Freiquartieren war es möglieh, im Ganzen 23 schwächlichen Kindern die Wohlthat eines vierwöchentlichen Aufenthaltes in frischer, freier Landluft zur Kräftigung und Stärkung zu gewähren. v. Tilsit, 8. September. Die Judenhehe i n Rußland scheint mehr § und mehr an Ausdehnung zu gewinnen. Lange Wagenreihen mit theils ausgewiesenen, theils freiwillig answandernden Inden, denen die Hölle in Rußland so heiß gemacht wird, daß sie es vorziehen, ihrem bisherigen Heimathland den Rücken zu kehren, passiren jetzt häufig durch unsere i Stadt zum Bahnhof, um von hier aus ihrer neuen Heimath, Amerika, j entgegenzudampfen. Die Leute erzählen unglaubliche Geschichten über j die von den russischen Behörden beliebte Ausweisungsart. Vielen wird > kaum 24 Stunden vorher mitgetheilt, daß sie binnen dieser Frist den ' Ort und schließlich das Land zu verlassen haben; es wird ihnen nicht! einmal Zeit gelassen, ihre wenigen Habseligkeiteu, die sie nicht mitnehmen; können, zu verkaufen. j -s- Gollub (Westpr.) 7. September. Zu V o rst a n d s m it- - gliedern der hiesigen Synagoge nge me in d e wurden in diesen Tagen die Herren Simon W. Hirsch ltnb Feibusch gewählt. In unserer Gemeinde herrschen noch wahrhaft „russische" I Zustände. Hoffentlich wird der jetzige Vorstand in erster Reihe dem Gottesdienst seine Aufmerksamkeit zuwenden. Ferner wäre es endlich i an der Zeit, die Schulverhältnisse zeitgemäß zu gestalten. Tie Gehälter für die jüdischen Lehrer sind hier so niedrig, daß sie lange nicht das! Minimal-Einkommen der entsprechenden christlichen Lehrer erreichen. Der kärgliche Nebenerwerb durch Ertheilung des hebräischen Unterrichts wird; durch einige Winkellehrer noch verringert. Ja, einige Gemeinde-; Mitglieder, darunter ein Repräsentant, schicken ihre Kinder täglich nach Dobrzyn (Rußland), um sie dort Hebräisch „lernen" zu lassen. **£ Posen, 4. September. Der in der vorletzten Nummer der „Allg. Ztg. d. Jdths." am Schlüsse des Artikels „Die Anstellung w." enthaltenen, leider nur allzu wahren Bemerkung gegenüber theile Ihnen die erfreuliche Thatsache mit, daß an dem seit dem 1. April er. verstaatlichten hiesigen Realgymnasium Dr. Gerson Perser, welcher etwa 5 Jahre an dieser Anstalt als Hilfslehrer beschäftigt war, vor einigen Tagen definitiv an gestellt worden ist. * Rimbach i. Odenw., 3. September. Anr verflossenen Sonnabend, den 30. August feierte unsere Gemeinde das Fest des 50jährigen Be-; stehens der Synagoge. Der Tag gestaltete sich für die gesammte Ein» : wohnerschaft des Ortes zu einem Festtag. Von vielen Häusern wehten! die Flaggen, festlich gekleidete Menschen belebter! die Straßen. Die Synagoge prangte in dem reichsten Blumen- und Pflauzenschmuck, der i ihr zum größten Theil von christlichen Herrschaften zugewendet! wurde. Um 10 Uhr Vormittags fand programmgemäß der Fest-; gottesdienst statt, zu dem sich außer zahlreichen Israeliten aus den j Nachbargemeinden auch die christlichen Honoratioren, unter ihnen Herr : Dekan Fuchs nebst Familie, einfanden. Diesem schönen Momente, der; die Bekenner der verschiedenen Konfessionen und ihre geistlichen Hirten zu einer gottesdienstlichen Feier vereinigte, gab Herr Rabbiner Dr. Selver! aus Darmstadt einen erhebenden Ausdruck. Er legte Zeugniß ab von : der iunern religiösen Einheit, welche Israeliten und Christen verbindet, von dem heiligen Bande, welches die Israeliten an das Vaterland, an! den Fürstenthron nnb das bürgerliche Gemeinwesen knüpft. Ebenso; erhebend und erfreulich gestaltete sich der weitere Theil des Festprogramms. Nachmittags von 3—6 Uhr war Konzert, während dessen die Festtheilz nehmer mehr in familiärer Gemüthlichkeit beim Weine zusammensaßen. i Etwas lebhafter ging es Abends beim Festball her. Nahezu 70 Paare! betheiligten sich am Tanze. Bei diesem Balle wurden mehrere Toaste! ausgebracht, von welchen namentlich der des Herrn Westheimer, Herrn j Bürgermeisters Trautmann und Baumeisters Kappai hervorzuheben sind.; Letzterer toastete aus das gute Einvernehmen und die herrschende Einigkeit zwischen den verschiedenen Konfessionen der Rimbacher Gemeinde; und sprach den Wunsch aus, daß dieser erfreuliche Zustand auch fortdaure. Herr Bürgermeister Trautmann brachte ein Hoch auf die l hiesige israelitische Gemeinde aus und hob hervor, daß gerade die! Israeliten es sind, die ihm sein Amt erleichtern und ihre Bürgerpflicht ■ getreulich erfüllen. Das Festcomitö, an dessen Spitze Herr Westheimer I! stand, kann sich zu dem Verlaus und Erfolg Glück wünschen; ebenso kann die gesammte Bürgerschaft auf diesen Tag mit Befriedigung blicken. * Mannheim, 8. September. Herr Stadtrath Reinhard Herschel, Mitinhaber der bekannten Tabakfirma Herschel, Enthoven und Co. in Mannheim und Amsterdam, hat aus Anlaß seiner heutigen silbernen Hochzeit der Stadt Mannheim den Betrag von 50,000 Mk. für Verschönerungszwecke zugewiesen. Herr Herschel ist der Schwiegersohn des Herrn Synagogenraths David Aberle hier, der ebenfalls am heutigen Tage ein seltenes Familienfest, und zwar das des goldenen Ehejubiläums beging. Herr Aberle ließ dieses Familienfest nicht vorübergehen, ohne die hiesigen Wohlthätigkeitsanstalten mit reichen Zuwendungen bedacht zu haben. * Karlsruhe, 7. September. Die „Badische Landpost", die unter der neuen Redaktion ein Spezialorgan für Antisemitismus geworden ist — die Hetzereien nahmen einen geradezu widerlichen Charakter an — hat in ihrer neuesten Nummer endlich einmal verrathen, auf welche Gründe ihr Antisemitismus zurückzuführen ist. Vor der hiesigen Strafkammer standen am verflossenen Freitag zwei hiesige Israeliten, ein Kleider- und ein Tuchhändler, des Wuchers, ferner zwei hochadlige Herren, der Wechselfälschung und des Betrugs angeklagt. Die Verhandlung wurde schließlich vertagt, da aus Antrag eines der Anwälte noch ein wichtiger Zeuge geladen werden sollte. Man war in hiesigen Kreisen begreiflicher Weise gespannt auf den fulminanten Artikel der „Bad. Landpost" gegen die Wucherer im Speziellen und gegen die Juden im Allgemeinen. Zum großen Erstaunen fanden die Leser auch nicht die kleinste Zeile in dem Blatt, dagegen — ein spaltenlanges Inserat des einen des Wuchers angeklagten Kleiderhändlers, der sonst nie in diesem Blatt iuserirt hatte. Herr von Stockhorner, der hauptsächliche Nährvater des Blättchens, wird seine helle Freude an diesem sehr praktischen Geschäfts-Antisemitismus seines Leiborgans haben. Der seltene Genuß eines Inserats mag allerdings derart verlockend gewesen sein, daß man den ja immerhin unrentablen Antisemitismus einmal bei Seite gelegt hat. Charakteristisch für diese Sorte von Blättern bleibt der Fall immer. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 2. September. Es liegt mir wahrlich fern, die großen Verdienste meines in Gott ruhenderr Freundes, Dr. Ludwig Philippson, irgendwie schmälern zu wollen. Wenn es jedoch in der Korrespondenz aus Magdeburg Nr. 31 heißt, daß Philippson die erste reorganisirte Religionsschule ins Leben rief, so wird dies in Bezug auf Magdeburg oder ganz Deutschland ganz richtig sein. Hier in Wien wurde jedoch die Religionsschule schon 1826 mit der Eröffnung des Bethauses in der inneren Stadt begründet, und war Maunheinler der erste Religiouslehrer. Ja, Mannheimer wurde unter diesem Titel und nicht als „Prediger" nach Wien berufen. Letzteren Titel durfte er sogar offiziell nicht führen, da die Israeliten in Wien bis zum Jahre 1848 keine Gemeinde bilden durften und daher Rabbiner und Prediger unter anderen Titeln fungirten. Als Mannheimer dann den eigentlichen Religionsunterricht nicht mehr ertheilte und Saalschütz, nachmals Professor in Königsberg, 1829 zu diesem Amte berufen wurde, war Maunheimer's offizieller Titel „Erster Religionslehrer". Es mag übrigens bemerk! werden, daß der bekannte Herz Homberg im Jahre 1813 hier eine Religionsschule errichtete (die gedruckte Einladung reproduzirte ich in meiner Schrift „Jüdische Friedhöfe"), doch war dies eine Privatschule. Es ist auch weiter nichts über dieselbe bekannt, und falls sie ins Leben trat, so ist sie wohl bald aus Mangel an Theilnahme von der Bildfläche verschwunden. G. Wolf. w. Wien, 8. September. Wenn wir lesen, daß in Alt-Aegypten die Könige als Gottheiten verehrt wurden, oder daß die römischen Imperatoren sich für Götter hielten, so betrachten wir diese und ähnliche Vorgänge entweder als Ausfluß kindlicher oder kindischer Anschaunngen oder als Zeichen des Verfalles und des hereinbrechenden Unterganges. Was soll man aber heute dazu sagen, wenn Herr Schönerer in seinem Blatte einen Bericht darüber giebt, daß in Walhall der Ge burtstag Schönerer's gefeiert wurde. Man wird uns sagen, das sei Eitelkeit, Selbstüberhebung, die man auch sonst im Leben findet. Hieran! erwiedern wir, daß man sonst im Leben einen Mann, der die Selbstüberhebung so weit treibt und derartiges albernes Zeug von sich selbst drucken läßt, für einen kompletten Narren halten wird. Herr Schönerer aber hat, was sich nicht bestreiten läßt, einen Anhang. Dieser Anti