Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 35 (12.9.1890)
- Date
- 1890-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Nr. 35. Berlin. 12. September l890. 'WeiLcrge zur „Attgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. * Berlin, 8. September. Die hochselige Kaiserin Augusta hat auch die israelitische Wiltwen- und Waisen-Unterstützungskasse in Coblenz in ihrem Testament mit einem Legat von 500 Mk. bedacht, welches in der vergangenen Woche zur Auszahlung gelangte. * Berlin, 9. September. Der Vorsitzende der Wiener Allianz, Herr Wilhelm Ritter von Guttmann, weilte in voriger Woche einen Tag in unserer Stadt und konferirte mit dem Vorsitzenden des Deutsch-Israelitischen Gemeiudebundes, Herrn Geheim rath Dr. Kristeller. Wie wir hören, handelte es sich um gemeinsame Maßnahmen für Deutschland und Oesterreich behilfs umfassender Verbreitung der 15 „Grundsätze der jüdischen Sittenlehre". * Berlin, 9. September. Es gewährt ein eigenartiges Vergnügen, die fromme „Kreuz-Zeitung", wahrend sie in ihrem politischen Theile im Böckeltone gegen die schlimmen „Juden" poltert, einmal „unter dem Striche" von eitel Liebe imb Duldung für „Israel" überfließen zu sehen. Freilich handelt es sich diesmal um etwas ganz Besonderes, nämlich mit den Jahresbericht der „Gesellschaft zur Beförderung des Christent hums unter den Juden zuBerlin" überdas Jahr 1889. Dem interessanten Berichte entnehmen wir zunächst die Thatsache, daß trotz des Hochdrucks der Antisemitenbewegnug ganze 5 Männer und ebenso viele Frauen übergetreten sind. Bei zweien der Täuflinge fd)eiut das Neligionswechseln im Blute gelegen zu haben, da deren Vater, ein geborener Christ, seiner Zeit zum Judenthum übergetreten war. Da die verstockten Berliner Juden aber ein schlechtes Arbeitsgebiet abgeben, so hat die Gesellschaft ihre Geschäftsreisenden oder „Kolporteure", wie sie der Bericht nennt, nach Posen und Galizien geschickt. In Posen scheint der Erfolg auch den Erwartungen nicht entsprochen zu haben, während die galizischen Chaßidim für die „tönenden" Worte und Betehrungsversuche empfänglicher zu sein scheinen. Allerdings ist die Aufdringlichkeit der Herren Missionäre nach ihrem eigenen Bericht keine geringe. Von einem derselben wird erzählt: „Er hat unermüdlich den Samen des Wortes ausgestreut, bald vor größeren Mengen, bald unter vier Augen — letzteres mit Vorliebe, weil erfolgreicher —, bald in der Synagoge, bald im Kaffeehause, auf der Straße, in den Wohnungen, im Eisenbahnwagen, selbst im Arrestlokal". Wie viele Mühe sich übrigens die Gesellschaft zur Erreichung ihrer Ziele giebt, mag folgender Passus des Berichtes lehren: „Im April d. I. wurde der bisherige Kolporteur Löwen in Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, stationirt. Er hat dort die Aufgabe, zusammen mit dem Rev. Lucky eine hebräische Zeitschrift apologetisch-polemischen Inhalts herauszugebeu, genannt „Edulh le .ri^raol", „Zeugniß an Israel". Dieselbe soll alle Gebiete des Christenlhums wie des Judenthums in einer für Juden verständlichen Weise beleuchten." Vielleicht giebt die Zeitschrift auch Aufklärung über beit Antisemitismus, der ja heut zu Tage ein wesentliches Gebiet des Christenthums zu sein scheint. * Berlin, 8. September, lieber eine Sedan fei er der Antisemiten berichtet der Berliner Korrespondent der Fr. Z. in folgender Weise: „Als ich gegen halb 10 da droben in Berlin N. in der Gegend, wo die Sozialdemokratie anfängt, erschien, tauchten mir zuerst einige Zweifel auf, ob ich auch die Anzeige richtig gelesen hätte. Es wollte nur nicht einleuchten, daß die hochedlen deutschen Kämpen im Eiskeller tagen könnten, wo eines von jenen Spezialitäten-Tingeltangels haust, von denen der geistige Führer und Berather der Böcke! und Genossen, Herr Stöcker, so erbaut ist. Meine Zweifel stiegen, als ich mich erinnerte, daß jenes Etablissement von 8 Uhr Abends ab als Warteraum jener Damen bekannt sei, denen die gastlichen Pforten der Nacht-Cafes erst um 11 Uhr polizeilich geöffnet werden. Doch der Zweifel schwand, und mein Erstaunen kannte keine Grenzen, als mir der Billeteur erklärte, die Versammlung tage im Theaterraum selbst, und ein Villet zum Theater genüge auch zum Besuch des Festes des antisemitischen Vereins! Kopfschüttelnd trete ich in den Saal, wo ich allerlei hoffnungsfreudiges jugendfrisches Knaben- und Jünglingsvolk sah, um das es mir fast leid that. daß es sich an Phrasen ergötzen konnte, daneben tanzlustige Fräuleins, würdige spießbürgerliche Väter und Mütter, nur vereinzelt eine vornehmere Erscheinung drunter — aber echt deutsch, berlinisch, philisterhaft. Obgleich nach dem Eintrittsmodus auch viele Theatergäste erschienen waren, zeigte die Versammlung keine allzugroße Massenhaftigkeit. Nach einem Blick auf das Programm fand ich, daß ich ach! das Schönste schon versäumt hatte, denn Herr Pickenbach hatte die Festrede gehalten, und ich war schon lange darauf gespannt gewesen, dieses Finanzgenie kennen zu lernen; außerdem hatte ich einige Theaterstücklein und Soubrettennummern verpaßt. Doch da redete ja Herr Zimmermann. Bedeutsam war es freilich nicht, was er von der patschoulidurchtränkten Bühne herab donnerte, aber dafür waren es auch teutsche, echtteutsche Phrasen, die er mit einzelnen liebenswürdigen Seitenhieben auf den Feind im Lande würzte. Dann machte der mit Beifall bedachte Herr einer Kollegin Platz, die in schwarzgelbseidenem Nichtkostüm der gespannt lauschenden Menge etwas vorzotete von Liebe und Liebe, und wieder von Liebe. Hierauf erschien ein anscheinend gebuckelter Mauu, der eine hochgradige Vorliebe für das Heer verriet!) — er schien allerdings nicht gedient zu haben. Er stand in seinem teutschen Bratenrock so steif und kernfest und sagte sein Sprüchlein über das Eigenschaftswort teutsch so monoton her, wie wir einst als Gymnasiasten die Klassiker zu mißhandeln pflegten. In der That, seine ganze Rede war nur ein wiederholtes emphatisches Ausschreien des Wortes teutsch, indem er zwischen den jedesmaligen Wiederholungen einzelne Worte, wie Volk, Jugend, Schönheit, Wahrheit, Treue, Tugend, Tapferkeit, Mannesmuth rc. einlegte; gar rührend war seine Mahnung an die teutschen Frauen, für die teutsche Unschuld der teutschen Jugend zu sorgen und liebend zu wachen — imb die Frauen hatten auch nichts Eiligeres zn thun, als ihre lieben Kleinen bis nach elf Uhr Nachts im Saale zn halten. Dem wahren Menschenfreund mußte das Herz im Leibe lachen, wenn er sah, wie die Kleinen sich an den halbverstaudeneu teutschen Vorträgen der Soubretten und Komiker ergötzten." * Berlin, 9. September. Ein Offizier als — Kolporteur antisemitischer Schmähschriften — unter dieser Ueberschrift wird uns folgender unglaublich klingende Vorfall als verbürgt mitgetheilt: In einem Kupee zweiter Klasse des Zuges, welcher um 8 Uhr 10 Minuten Vormittags vom hiesigen Lehrter Bahnhof abgeht, nahmen gestern außer zwei Herren in Civil auch zwei Offiziere in Uniform Platz. Der eine der Offiziere, von welchem unser Gewährsmann eine ziemlich genaue Personalbeschreibung giebt, trug ein Päckchen Schriften in der Hand, welche er beim Verlassen des Kupees in Spandau auf seinem Sitze liegen ließ. Auch in dem Gepäcknetz oberhalb des letzteren fanden die beiden weiterfahrenden Passagiere noch solche Druckschriften, von denen unser Gewährsmann uns ein Exemplar zur Verfügung gestellt hat; 14 Exemplare hatte der Offizier Zurückgelassen. Und der Inhalt? Unter dem Brustbilde des Exreichskanzlers prangt der Satz: „Unverfälschte deutsche Worte, dem, der sie sprach zur Ehre, dem deutschen Volke zu dauerndem Gedächtniß, der deutschen Jugend als Ansporn zur rettenden That." Und nun folgen die hinlänglich bekannten und berüchtigten antisemitischen Schmähungen, Verhetzungen und Verdächtigungen. Am Schlüsse werden dann als „empfehlenswerthe Zeitungen" nur die „Kreuz-Ztg.", der „Reichsbote", das „Volk" und die „Staatsb.- Zeitung" angepriesen. g. Hannover, im September. Die allgemeinste Theilnahme erregte in jüdischen und christlichen Kreisen der dieser Tage plötzlich erfolgte Tod der Frau Geh. Kommerzienrath Louis E. Meyer. Mit ihr schied eine der edelsten, wohlthätigsten Frauen aus unserer Gemeinde, deren Hand zum Geben stets geöffnet war, und die ihre Unterstützung jedem Hilfesuchenden, ohne Unterschied der Konfession, bot. Ihr Name wird bei Reich und Arm, Juden und Christen in Ehren fortleben. g. Hannover, im September. Das Komitee für Ferien - Kolonien, dessen Vorsitzender Landesdirektor v. Bennigsen ist, hat auch in diesem Jahre 19 israelitische Kinder in die Ferien-Kolonie entsandt. Da diese aus religiösen Gründen den größeren Kolonien nicht