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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-12 · Heft 35 (12.9.1890) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 35 (12.9.1890)
Date
1890-09-12
Page
Seite 464 (sequence 12)
Language
German
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464 Licht uitb Gedeihen ausströmt, hat ihre Geister mit einem unerschöpflichen Triebe, sich emporzuarbeiten und sich ihrer Strahlen zur Verbreitung irdischen Lichtes zu bedienen, erfüllt; der Geist der Erkenntniß vieler Dinge, die Fähigkeit, sie im Inneren zu bewahren, zu entwickeln, ist ihnen in einem so hohen Maße gegeben, wie nur wenige Andere sie besitzen, und was produktives Talent und Genie betrifft, so besitzen sie es häufiger und oft in viel höherem Grade, als wir, die wir über sie im Ganzen die Nasen zu rümpfen pflegen." — Der Roman beruht übrigens auf einem Vorgänge in der Judenstadt Prags, der ganz unjüdisch ist — was ja den meisten Romanschriftstellern betreffs der Judenheit begegnet — und zeigt bei manchen Vorzügen den gewöhnlichen Fehler vieler Romane, daß in ihnen kein Stück wirklichen Lebens gezeichnet ist — lauter tadellose Helden, lauter Menscheuideale. Ein nicht jüdischer Gelehrter hörte von den herrlichen Geistesblüthen eines jüdischen Knaben und bat ihn zu sich. Der kam, i und folgendes Gespräch fand Statt. „In der Eile habe ich vergessen,! Dir meine Wohnung zu bezeichnen. Wieso wußtest Du Dich zu mir! zu finden?" „Ich that, was man gewöhnlich thut, um etwas zu er-! fahren, mall frügt nach." „Hast Du einen oder Mehrere gefragt?"! „Mehrere. Einer, dachte ich, kann sich irren, wenn Mehrere ein und j dasselbe sagen, ist es richtig." .„Du sprichst verständig. Sei traulich,! Knabe! Tu lernst gewiß Religion und Geschichte: außer Deiner > Religion, dies weißt Tu wohl, giebt es auch andere Religionen. Welche Religion ist die ausgebreitetste? Welches Volk ist das größte?" „Die Schrift bekundet: Nicht weil Ihr die Mehrzahl wäret von allen Völkern, hat Euch der Ewige begehret und Euch erwählt, denn Ihr seid die Minderzahl voll allen Völkern. 5. B. M. 7, 7." „Du bist bewandert. Ich lege Dir jetzt eine Frage vor, zu deren Beantwortung ich Dir Zeit lassen will, damit Tu sie mit Klarheit und Folgerichtigkeit lösest. Du hast so eben gesagt, wenn Viele ein und dasselbe behaupten, ist es wahr. Das Volk, dein Dll gehörst, ist das wenigste an Zahl unter allen Völkern. Viele Völker haben einen von der jüdischell Nation ganz abweichenden Glauben. Tn bist Jude und willst vermuthlich auch Jude bleiben. Merkst Du den Widerspruch, worin Du Dich befindest?" „Ich verstehe den Vorwurf, den Sie mir machen und freue mich, daß Sie mich zll einer Rechtfertigung auffordern. Ich widerrufe keine meiner Aenßerungen, weil jede mit der Erfahrung und Einsicht stimmt. Die Beseitigullg des Widerspruchs gebe ich deutlich: Ich verlasse mich nur dann auf die Stimme der Meisten, wo ich einen Zweifel habe. Daß mein Glaube der vernünftigste und richtigste ist, daran zweifle ich doch gar nicht, dies ist mir soilnenklar und brauche keine Richtschnur der Menge." Diese schneidende Alltwort schnitt jede fernere Diskussion ab. * Ter erste spanische Troubadour war — ein Jude uild seines Handwerks ein ehrsamer Kleiderhündler, Rabbi Santob aus Earrion, einer kleinen Stadt Altkastiliens. In einem Gedichte sagt er: „Ist der Habicht minder Werth, Weil im. schlechten Nest die Brut? Sind die Beispiel' minder gut, Weil der Jude Dich sie lehrt?" Sein Hauptwerk „Consejos" richtete er an den König Don Pedro, und kommen darill viele Anklänge und Sprüche aus Talmud und Midrasch vor. Der letzte spanische Troubadour war ebenfalls ein Jude Anton de Montoro, seines Handwerks ein ehrsamer Schneider, der trotz seines Rilhmes seinen Schneidertisch nicht verließ. Seine Glanzperiode war unter der Königin Jsabella. * Eingebi l dete Krankheit. Eine Jüdin zur Zeit des Rabbi Eibeschütz, welcher bekanntlich im 17. Jahrhundert Amulete „KaiiieoUl“, austheilte, litt an einer eingebildeten Krankheit. Sie hatte aber zugleich auch die Einbildung, ihre Krankheit könnte nur durch ein Amulet seitens eines Rabbiners beseitigt werden, der zufällig als Gegner des Amulet- Unfugs bekannt war. Als die Frau an ihn das Ansinnen stellte, nahm er eine möglichst ernste Miene an, nahm ein Stückchen Pergament, schloß es in eine Blechkapsel und übergab das Ding der Frall mit den Worten: „Tragen Sie diese Kamea 80 volle Tage am Halse, am 81. j öffnen Sie die Kapsel. Sind die Buchstaben vom Pergamente verj schwanden, dann sind Sie gerettet, da allch Ihre Krankheit verschwunden! ist," —Am 31. Tage öffnete die eingebildete Patientin die Kapsel; auf dem Pergamente war natürlich fein einziger Buchstabe sichtbar. Sie wurde gesund; eine Einbildung wurde burd) die andere behoben. $ * Herr B. hatte sich am Freitag Abend nach beendigtem Gottesdienste, nach guter alter jüdischer Sitte, einen armen Polen als Tischgast mit nach Hause genommen. Als B. den ersten Löffel Suppe, welcher siedend heiß war, zu sich nahm, verbrannte er sich dermaßen seinen Mund, daß ihm die Thränen in die Augen kamen. „Warum weinen Sie?" fragte der Fremde überrascht. „Wenn ich diese Suppe esse," sagte der Wirth, „muß ich unwillkürlich an meinen seligen Vater denken, der hat diese Suppe so gern gegessen, und da kann ich mich der Thränen nicht erwehren. Der Fremde machte eine theilnehmende Miene und fing ebenfalls an zu essen. Es ging ihm nicht anders, auch ihm kamen die Thränen in die Allgen. „Warum wernen Sie?" frug der schalkhafte Wirth. „Auch ich weine über Ihren seligen Vater, daß er einen solchen Sohn hinterlassen hat," war die Antwort des Fremden. * Die drei Maler — die drei Lehrer. Drei Künstler waren beauftragt, das Konterfei des Landesherrn zu fertigen, und zwar in solcher Weise, daß es, vervielfältigt, dem Volke zu ehrerbietigem Gedenken in die Hände gegeben werden könnte. Alle drei malten das Bild in andrer Weise. Der eine malte den König in seinem uralten Kostüm, mit der goldenen Rüstung, dem weiten Hermelinmantel, der großen goldenen Brustkette uw, das Szepter in der Rechten, beu Reichsapfel in der Linken, die Krone auf dem Haupte. Der zweite Maler gab bcn Herrn mit unverkennbarer Treue in den Zügen, aber ganz in der Tracht der Gegenwart: der Waffeurock, der Helm, das leichte Schwert, nur daß der leuchtende Stern auf der Brust den Gebieter des Landes bekundete. Endlich der dritte Maler idealisirte das Antlitz des Monarchen und stellte ihn in antik-römischem Kostüm, der Toga mit den weiten Falten und der bloßen Brust, dar, als Cäsar, Imperator oder so etwas. Was geschah? Das erste Bild flößte Ehrfurcht ein, aber das Volk wollte es nicht; das dritte Bild rief Neugierde hervor, aber dann verließ man es; nur das zweite Bild fand überall Gunst, und das Volt kaufte es begierig, und bald prangten alle Wände damit, in Palästen und Hütten. So die Lehrer in Israel. Der eine, der orthodoxe, der den Gott, den wir verehren, lediglich in den uralten Zügei:, mit dem uralten Kostüm, in dem uralten Rahmen lehren will, er flößet Ehrfurcht ein — aber das Volk zieht sich zurück. Der dritte, der radikale, der die Lehre des Jndenthums selbst reproduziren, wie er sagt, vergeistigen will, der alles Geschichtliche und Besondere am Judenthum zerschlügt und verkosmopolitisirt — er hat den Reiz der Neuheit für sich, aber wie schnell Zerfällt sein Gebäu? Der zweite endlich, welcher den Inhalt des Jndenthums getreulich zu wahren, die Form zu veredeln, dem Strome des Lebens anzupassen strebt, welcher durch einen erbauenden Gottesdienst auf dem Boden des geschichtlichen Judenthums, im regelmäßigen, edlen Vortrag die Gotteslehre, das Gotteswort in die Herzen und Geister der Glaubensbrüder zu verpflanzen sucht — er gleicht jenem zweiten Maler, und ihm leihet das Volk dauernd das Ohr. „Germania", Lebens-Bersicherungs 2lctien-Gesellschaft zu Stettin. In der Zeit vvin 1. Januar bis Ende August d. Js. gingen ein: 9913 neue Anträge über Nt. 33,805,893 Kapital, von denen 7988 Anträge über M. 21,741,149 Kapital zur Annahme gelangten. Der Gesammt-Bersichernngsbestand belief sich Ende August 1890 auf 191,919 Policen über Nt. 498,974,317 Kapital, so daß der Rein zu wachs für die verflossenen 8 Monate 3295 Policen über M. 44,074,993 Kapital betrug. An versicherten Sinnmen wurden bisher im Ganzen 103,* Millionen Mark ansgezahlt, während an die mit Gewinnanthcil Versicherten seit 1871 M. 18,544,542 vergütet wurden. Das Gesammtvermögen der „Germania" betrug Ende 1889 Nt. 114,819,982, wovon Mark 9,294,314 aus die Dividendcn-Neserve der mit Gewinnantheil Versicherten und M. 194,983,927 auf die Prämienreserve und die sonstigen Sicherheit s f o n d s der Gesellschaft entfallen. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin.. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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