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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-12 · Heft 35 (12.9.1890) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 35 (12.9.1890)
Date
1890-09-12
Page
Seite 463 (sequence 11)
Language
German
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463 Markus richtete sein bleiches Gesicht in die Höhe. „Es ist wohl mancher Hungrige vor dem offenen Brodschrein schon zum Dieb geworden," sagte er müde. „Man schließt offen rmd versteckt in Deutschland den Juden aus — gut, so reicht ihm die Taufe das Eintrittslnllet zur Galatafel des Lebens." „Wehe Dir, wenn Du glaubst, daß die Taufe Dich zum Christen mache. Behältst Du nicht Dein Herz, das weiche, empfindliche Judenherz? Und das wird Dir leiden und bluten inmitten jener Schaar, wo Groll Dich empfangen .und Mißtrauen Dich begleiten wird auf liebearmem Pfade. Der Jude, der Eindringling bleibst Du in ihrer Gemeinde, haltlos, schutzlos stehst Du da, und jeder Steinwurf, der aus den feindlichen Lagern hinüber- und herüberprallt, er wird Dein Haupt treffen mit doppelter Kraft. Ja, über Dein Leben hinaus verfolgt Dich der Fluch, Du darf im Tode nicht ruhen auf dein Friedhof, wo Deine frommen Eltern schlafen —" „Hör' auf! Willst Du mir das Herz brechen?" „Nein," sagte Rnben warm, „ich will Dir helfen, Dir und >nir. Auf der Stelle begebe ich mich in die Bank — bleibe Du hier, ein wenig Ruhe wird Dir gut thun — ich ordne Alles, treffe alle Bereinbarungen für Dich und mich, sei unbesorgt, keine Mühe, keinen Gang, nicht ein Wort soll Dich die Werbrmg um Dein neues Amt zu stehen kommen." „Du guter Mensch." Rofenstein drückte bewegt die Hand des Freundes. Rüben hatte Erfolg. Dank günstiger Empfehlungen und seiner eigenen ansprechenden Persönlichkeit glückte es ihm, sowohl für sich als auch für Roscusteiu in jenem Hause ein annehmbares Engagement zu erlangen. Als am Spätnachmittage, froh des glücklichen Allsgangs, der Exphilologe in sein Hotel zurückkam, fand er sein Zimmer leer. Bald darauf brachte ihm der Kellner einen Brief. Rofenstein war abgereist. II. I Gallus duzte sich trotz Bundesbrüderschaft niemals mit einem, der I nicht „von" war — „Ihre Zeitung kenne ich seit sechs Wochen."! Schmidt ärgerte sich, ein Anderer hatte etwas früher als er gewußt. Spitz fragte er zurück: „Und warum haben Sie ilicht geruht, uns davon in Kenutniß zu setzen?" Welcher Bürgerliche Baron und welcher Jud Christ lvird, darauf achte ich nie," rief Gallus hochmüthig. Ein wenig abseits stand ein blutjunger, schwarzhaariger Knirps, der schon gerarune Zeit finster auf die Heiterkeit seiner Kameraden geblickt hatte. Jetzt näherte er sich ihrem Kreise und sprach scharf: I „von Henning, Ihre Bciuerkung wäre höchst originell, lvenn sic ilicht i jemand Anders vor Ihnen gemacht hätte." (Schluß folgt.) ¥ Misrellen. * Einem Reisebericht aus Gibraltar in der Mitte dieses > Jahrhunderts entnehmen wir folgende, auf die dortigen Juden bezügliche! Stelle: „Am häufigsten begegnet man jedoch Juden, die hier, wie! überall, die unverkennbaren Zeichen ihrer Abstammung bewahrt haben! und deren Zahl man für sehr beträchtlich hält, weil sie größtentheils! auf den Straßen zu finden sind. Gibraltar zählt ungefähr nur! 1800 jüdische Einwohner und sie bilden den ruhigsten, anständigsten! und gebildetsten Theil der Bevölkerung. Die Stadt ist für sie eine Art! gelobtes Land, weil sie hier — vielleicht an dem einzigen Orte der! Welt — seit vielen Jahren mit den übrigen Bewohnern vollständig j gleichgestellt sind. Fast Alle tragen sich orientalisch und nur wenige! Reiche kleiden sich in europäischer Tracht. Der größte Theil, Abkömmj linge spanischer Flüchtlinge, hat sich aus der Barbarei hier eingesiedelt, j Obwohl sie ihre Gewohnheiten und Sitten mit seltener Treue bewahrt! haben, vermißt man doch an ihnen jenen kleinlichen Handelsgeist, der den Juden so oft zum Vorwurf gemacht wird, und der ihnen in vielen Ländern in Folge der durch Intoleranz und niedrige Gehässigkeit angewiesenen sozialen Stellung anklebt. „Wollt Ihr das Neueste hören?" „Das Allerneueste?" „Der Rosenstein hat sich taufen lassen." Die Prima des Kreuzgymnasiums hielt just ihre Frühstückspause. Lechzend in schmerzlicher Entbehrung des behördlich verpönten Frühschoppens saßen die Herren Merovinger (mit wenigen Ausnahmen gehörten die Oberprimaner längst dieser geheimen und höchst staatsungefahrlichen Verbindung an) träge beisammen, als obige Sensationsnachricht von Karl Schmidt, dem wandelnden Extrablatt der Klasse, mit weithin schallendem Rufe verkündet, plötzlich alle Mann alarmirte. „Was giebt es hier?" fragte ein neu hinzutretender, sehr langer und sehr blonder Jüngling. Gallus von Henning entstammte einem uralten Adelsgeschlecht und war erster Chargirter der Merovinger. „Der Rosenstein hat sich taufen lassen," wiederholte Schmidt mit all dem Behagen, welches das Verbreiten interessanter Neuigkeiten gewissen mittheilungswüthigen Naturen verursacht. „Manfred Stein heißt er jetzt! Die Rosen sind weg, aber der Stein ist ihm geblieben," schloß Schmidt witzig, belohnt von dem Wände erschütternden Lachen der Kommilitonen. „O Stein des Anstoßes und Aergernisses", seufzte Georg Schuhmann, der dickste Faulpelz, den je eine Schulbank ertragen. Neue Lachsalve. Doktor Rosenstein war bei den Primanern keineswegs unbeliebt, aber im Allgemeinen ist jeder Schüler nur zu schnell geneigt, mit der bekannten Grausamkeit der Jugend über den Lehrer, der sich eine Blöße abmerken ließ, weidlich herzufallen. „Wie mögt Ihr nur von dieser Lumperei solch Aufhebens machen," begann Gallus von Henning nachlässig. „Schmidt, hören Sie" * G! a dstone als Theologe. In der September-Nummer der Monatsschrift „Good Words“ seht der frühere Premier Gladstone seine Verteidigung der biblischen Tradition in einem bedeutsamen Essay über den Pentateuch fort. Er betrachtet die legislativen Bücher Moses vom Exodus bis Deuteronomion, beurtheilt sie im Lichte ihrer Glaubwürdigkeit und ihres Inhalts und kommt dabei zn überraschen den Schlüssen. Die Art und Weise, wie er die verschiedenen Kritiker gegen einander ausspielt, ist besonders bezeichnend für den greisen Staatsmann. Er bemerkt, daß einige Kritiker die Zeit der Abfassung dieser Bücher in eine spätere Epoche rücken — bis zur Zeit Samuels, Davids, zur Trennung der Königreiche, ja, bis zur babylonischen Gefangenschaft, mit) fragt, ob es möglich sei, daß ein historisches Werk, das gewissermaßen die Charta der hebräischen Nation seit tausend Jahren gewesen, zu einer Zeit des nationalen Verfalles entstanden sein könne. Gladstone schließt sich daher den neueren Kritikern an, welche zugeben, daß Moses an den gesetzgeberischen Büchern müsse mitgearbeitet haben, und die Ansicht äußern, daß manche Gesetze zweck- und sinnlos seien ohne die Annahme, daß sie im mosaischen Zeitalter enstanden sind. Er kommt daher zum Schluß: „Der Kern und die Substanz des gesetzgeberischen Systems, das uns im Pentateuch überliefert wird, ist historisch zuverlässig." ¥ * Philipp Galen (Lange), einer der rüstigsten deutschen Romanschreiber, spricht sich in seinem Roman: „Emery Glandon", folgendermaßen über die Juden aus: „O, man lächle nicht so verächtlich über die geheime Triebkraft dieses Volkes, welches Moses einst das auserwühlte Volk Gottes nannte, über die gewaltige Schöpfungsfülle, die in den Kindern desselben schlummert! Man erhebe vielmehr sein Auge anerkennend und mache es groß auf, wenn man die mannigfaltigen Leistungen jener Männer sieht, die aus dem Stamme Israels ihren Ursprung herleiteten und zu allen Zeiten durch unendlich reiches Wissen und Können in jederlei Richtung geistigen Lebens die Welt in Erstaunen und Bewunderung gesetzt haben. Die große Welteusonne, von der alles

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