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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-12 · Heft 35 (12.9.1890) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 35 (12.9.1890)
Date
1890-09-12
Page
Seite 462 (sequence 10)
Language
German
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462 irgend einem spekulativen antisemitischen Gehirn die Idee austancht, dem deutschen Polte „Eisenmenger als Erzieher" zu empfehlen. Jedenfalls wäre dann die antisemitische Gesinnung erklärlich, während sie bei „Rembrandt als Erzieher" ebenso unbegreiflich wie verwerflich ist. Diese schwarze Idee hatte ans der Palette Rembrandts keinen Platz; sie ist auch in einem Buche, das ihn als Erzieher preist — um im Bilde zu bleiben - entschieden eine Fehlfarbe. 9 +-«*«* Feuilleton. «>»—- Oer Nenegat. Novelle von G. Berg. Bor dem Centralhotel in der Friedrichstraße schritt ein junger! Manu unruhig auf und ab. „ltf wat der wohl lauert?" fragte ein an einem Prellsteine j postirter Eckensteher einen Kollegen, „kiek man, der seht ja wie ein i Perpendickel hin und her, hin und her —"! „Ja, und jedem Wagen, der vorbeisährt, gafft er ein Loch mang de Scheiben," stimmte der Kollege bei und blickte dem Perpendikel kopfschüttelnd nach. Ich will meinen werthgeschätzten Leser sofort mit den Personalien des oben angeführten unruhigen Spaziergängers bekannt machen, auf daß der Werthgeschützte in berechtigter Ungeduld nicht meine sorglich abgefaßte Einleitung Überschläge. Also: er hieß Heinrich Rüben, war ein mittelgroßer, ansehnlicher! Mann, der, im Sommer seines Lebens stehend (er zählte bereits i einnnddreißig Jahre), ein wohlgeformtes Gesicht mit hellen, klugen j Angen besaß. Ich füge noch hinzu, daß sich Raben Doktor der! Philologie nennen durfte, und da er an einem Provinzgymnasium! längst sein Probejahr abgehalten, jetzt sehnsüchtig eine Anstellung von! Staatswegen erhoffte.! Er war Jude. j „Der Teufel hole das Warten und den, der es erfunden hat,"! murmelte Raben verdrießlich, indem er seinen Hut lüftete und sich ' nervös das krause, dunkelblonde Haar dnrchstrich. „Wenn Seine Exeellenz der Herr Knltnsininister beabsichtigten, meinen Kollegen und Leidensgenossen Rosenstein zu höchst Dero Rach-! folger zu ernennen und ihn höchstselbstmündig geruhten, in die! Mysterien dieses ehrenvollen und einträglichen Amtes einzuweihen, so j könnte sich diese Malefiz-Audienz auch nicht länger ansdehnen, als so."! Er zählte abermals seine hundert Schritte auf und ab. Plötzlich j blieb er stehen, und ein Schein von Zuversicht erhellte seinen Blick.! „Aber warum beunruhige ich mich eigentlich? So eine Exeellenz ist! doch, mit Respekt zu sagen, nebenbei auch ein Mensch mit Kops und Herz, der folglich nicht zulasten wird, daß man ehrliche Leute allein; um ihres Glaubens willen um Amt und Brod bringe, meinetwegen! könnte Einer den Buddha anbeten, oder um den Duk-Duk tanzen, ' ich würde nicht darum fragen, ich —" Eine Droschke hielt vor dem Portal, der ein kleiner Herr in Frack und weißer Binde entstieg. Endlich! Rüben stürzte dem An-! köinuiling mit Hast entgegen. „Was hast Du ausgerichtet?" fragte er. Der Angeredete nahm den Cylinder ab und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Jetzt gewahrte Rübe», daß sein Freund leichenblaß war. „Nichts," sagte Rosenstein dumpf. „Wir sollen uns taufen lassen." : Wortlos schritten die Freunde die Treppen hinauf und begaben! sich in ihr gemeinsames Zimmer. Hier angekonnneu riß sich Rosenstein l mit einem Wuthschrei Frack und Binde vom Leib, Brille, Kette, Uhr, all das flog mit heftigem Geklirr zu Boden, er selbst stürzte der Länge nach voll Wucht sich auf das Sopha und weinte und schluchzte wie ein wundgeschlagenes Kind. Rüben seichte kein Trosteswort, er ließ den Aufgeregten gewähren. Einstweilen verschloß er die Thür und setzte sich auf das Bett dem Freunde gegenüber, den er bekümmert betrachtete. „Sei ruhig, Markus," begann er sanft, „Gott wird uns helfen." Der Andere fuhr mit der Geberde eines Rasenden empor. „Wenn Gott uns helfen wollte," rief er verzweifelt, „würde er dieses Mannes Herz bewegt haben. Was habe ich ihm nicht vorgestellt, wie herzlich ihn gebeten. O, er war sehr huldvoll, nicht einen Augenblick hat er aufgehört, verbindlich zu lächeln." „Ich will es recht gern glauben," sprach er mit seinem weichen, einschmeichelnden Organ, „daß Ihnen als Israeliten die Umwandlung der Simultanschule, an welcher Sie bereits einige Zeit mit schönen Erfolgen gewirkt haben, daß Ihnen, wie gesagt, die Umwandlung dieser Simultanschule in eine Staatsanstalt unerwünscht scheinen muß. Doch leider ist mein persönliches Bedauern für Sie nicht ausreichend, die Entschließungen der Regierung auf den Ihren Wünschen mehr entsprechenden status quo ante zurückführen zu vermögen. Wenn aber die Herren Petenten statt meines wenig anzuschlagenden Einflusses mit meinem Rath verlieb nehmen wollten, so" — hier strich er sich wohlgefällig den langen, grauen Bart — „so dürfte derselbe einzig dahin gehn, daß sich die Herren sobald als thunlich auf den Boden der Staatsreligion stellen möchten; dann würde ich allerdings in der Lage sein, die Bestätigung so verdienter Pädagogen ausfolgen zu lassen." Rubens Stirn hatte sich geröthet, gleich seinem Freunde schien auch er einem Schmerzensausbruch unterliegen zu müssen, aber nach wenigen Minuten ergriff er Rosensteins Hand und sprach mit fester Stimme: „Höre, Markus, unser Schiff scheint verloren, retten wir uns auf ein Boot, einen Balken, einen Baum, gleichviel, wenn wir uns nur retten. Ich habe unsere Niederlage befürchtet und schon nach einer Abhilfe für uns mich nmgethan. Durch meinen Vetter, der, mie Du weißt, Angestellter in der Dresdner Bank ist, erfuhr ich heeit, daß in diesem Institut augenblicklich noch ein Comptoirist und ein Korrespondent benöthigt werden —" „Für Dich, Freund, nicht für mich," warf Rosenstein heftig dazwischen, „mich würde man voraussichtlich nach wenigen Tagen als unbrauchbar entlasten." „Jeder ist brauchbar, der den Willen hat, es zu sein," sagte Rnben schärfer, als sonst seine Art war. „Sei verständig, Markus, die Stelle ist annehmbar dotirt, und Du, Dank Deinen hervorragenden Sprachkenntnissen, könntest sie mit Leichtigkeit ausfüllen." „Ich bin zu alt, um mich in ungewohnte und unliebsame Art zu zwängen." „Und bist doch noch um Jahre jünger als ich. Habe ich je meinen Beruf weniger als Du geliebt? Fällt es mir wohl leicht, mit einunddreißig Jahren von Neuem um meine Existenz zu ringen? Guter Gott, ich will ja nur leben und nicht untergehen! Steh auf, was soll das Brüten — komm, wir wollen uns denen nicht aufzwingen, die uils um unseres Glaubens willen verstoßen." „Geh nur allein!" „Aber Mensch, was wirst Du beginnen? Du hast Weib und Kind." „Du mahnst mich recht. Eben darum," sagte er ganz leise, „werde ich thun, was jener Mann mir gerathen." „Markus!" Mit einem Sprunge war Rüben von der Thür zurück und saß neben Rosenstein, der den Kopf über die Tischplatte hängen ließ. „O Markus, das sprach die Verzweiflung aus Dir, nicht Dein Wille. Das wäre die That eines Ehrlosen!"

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