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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-12 · Heft 35 (12.9.1890) · p. Seite 460

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 35 (12.9.1890)
Date
1890-09-12
Page
Seite 460 (sequence 8)
Language
German
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t 4(50 „Rembrandts Juden waren echte Inden, die nichts Anderes sein wollten als Inden; und die also Charakter hatten. Von fast allen heutigen Inden gilt das Gcgentheil; sie wollen Deutsche, Engländer Franzosen n. s. w. sein und werden dadurch nur charakterlos. Nichts aber ist schliinnicr als Charakterlosigkeit; sic ist das Verbrechen aller Verbrechen; sie ist die Sünde gegen den heiligen Geist — des Jndividnalismns, die nicht vergeben wird. Und sie wurde selbst einem Spinoza von seinen Stammesgenossen nicht vergeben. Ein Verzicht ans die eigene Individualität erscheint nur berechtigt, wenn er zu Gunsten einer höheren und wahrhaft seelischen Weltanffassung stattsindct: wie sie eben Spinoza, sowie der christlichen und indischen Askese eignet. Aber auch dieser selbstverleugnende wird gegenüber dem selbstbcthätigenden Idealismus stets nur von zweitcin Range sein. Seiner Individualität abtrünnig zu werden ans bloßer Eitelkeit oder Eigennutz, ist gemein. Stets will der Plebejer etwas Anderes sein, als er ist. Reinbrandt hielt cs mit den aristokratischen, nicht mit den plebejischen Inden; jene zogen ihn, trotz ihrer Fremdartigkeit, als verwandte Geister an; diese, wie sie heute sind, würde er verabscheut oder nie begriffen haben. Es ist ein weiter Weg von Abraham, Hiob, Jesaias, den Psalmistcn bis zu den heutigen Talmudisten, Börsenjobbern, Reportern; so weit >vie der vom Edlen bis zum Gemeinen; und man darf diesen Unterschied nie vergessen. Tie wahrheitsliebende Rahel sagte von ihrem Bruder, das; er ein „Schuft" sei; sie schied sich von ihm, denn sie war eine sittliche, geistige und sogar soziale Aristokratie. In Heine trifft sich gewissermaßen dies Geschwisterpaar. Börne war ein ehrlicher Mann; seinen Religionswechsel kann man bedauern, wie den Winckelmanns, aber man muß ihn entschuldigen. Er selbst hat die Geldgier seines Volkes verdammt. Glanz und Elend, Licht und Schatten liegen in den Juden dicht bei einander; sic stellen so eine Reinbrandtsche Mischung dar, kein Wunder, daß sie diesem Künstler gefielen. Was vertverflich an ihnen ist, übergeht er, oder weiß es durch den Hauch seines Geistes zu adeln." Jedes dieser Worte gleicht einem vergifteten Pfeil, nur mit dein llnterschicd, daß derselbe nicht diejenigen trifft, auf welche er abgesandt war, sondern ans den Schützen selbst zurücksüllt. Während es einer der schönsten Vorzüge der modernen Juden ist, daß sie — dank der Judenemanzipation, welche keine Rassenuntcrschiedc kennt, sondern die Israeliten in staatsbürgerlicher und politischer Beziehung ihren Nebenmcnschcu durchaus gleichstellt — stets bestrebt sind, ihren Patriotismus zu bekunden, daß sie in erster Linie, „ans Vaterland, ans thenre" sich anschließend, für das Wohl und Wehe des Staates Gilt und Blut allezeit zu opfern bereit sind; während z. B. die deutschen Juden in keiner Weise vor ihren christlichen Mitbürgern in Bezug auf Liebe zum Vaterlande, zu Kaiser und Reich und in der Erfüllung ihrer militärischen, politischen und anderen Verpflichtungen nachstehen, ivird ihnen von dem edlen Verfasser von „Rembrandt als Erzieher" gerade die patriotische Gesiimung zum Vorivurf gemacht, werden sie deshalb als charakterlos hingestellt! Seit wann erscheint cs denn charakterlos, mit seinen Mitbürgern die gleichen Rechte und die gleichen Pflichten zu theilen? Seit wann erscheint es denn charakterlos, in erster Linie ein treuer Unterthan und erst in zweiter ein Jude zu sein? Es ist dies ein sonderbarer antisemitischer Heiliger! Früher warfen uns die Judenfresser gerade das Gegentheil vor, indem sie unseren Patriotismus, unsere aufrichtige vaterländische Gesinnung verdächtigten, weil sie behaupteten, daß die Söhne Israels nur ein Vaterland, nämlich Jerusalem, hätten, und nun, so viele Jahrzehnte nach der dnrchgeführten Judenemanzipation, nachdem die Juden vor zlvci Jahrzehnten im deutsch-französischen Kriege tapfer neben ihren christlichen Kameraden gekämpft und geblutet, nachdem sie dem Staat und der (Gesellschaft von ihrer treuen deutschen Gesinnung so viele glänzende Proben abgelegt haben, werden sie von einem anonymen Antisemiten deshalb als „charakterlos" hingestellt, ja sogar als Schufte beschimpft!! Daß nebenbei der Verfasser von „Rembrandt als Erzieher" sich das Privatvergnügen leistet, den großen Baruch Spinoza aü charakterlos hinzustellen, dem seine eigenen Stammesgenossen seine Charakterlosigkeit nicht vergeben, wollen wir nur als köstliches Kuriosum hier hervorheben; mag man über den Pantheismus und die Philosophie Spinozas wie immer denken, mag man seine Theorien voiv jüdischen und religiösen Standpunkte wie immer beurtheilen, so muß man doch den lauteren Sinn und den reinen Charakter des selbstlosen, für seine Ueberzeung lebenden Amsterdamer Philosophen aufs Höchste achten; ihn als charakterlos hinzustellen, war nur einem mo dernen Antisemiten Vorbehalten, der sich den Luxus leisten darf, siel öffentlich zu blamiren. Merkwürdig ist auch der Unterschied, den der Verfasser zwischen aristokratischen und plebejischen Juden zu machen beliebt. Was nenn: denn der Autor aristokratisch-und plebejisch? Sind in seinen Augen nur diejenigen Aristokraten, welche vermöge ihres Reichthums in den Adelstand erhoben wurden, oder sind es diejenigen, welche sich Equipage: halten und allen noblen Passionen, die nur das Geld verschafft, fröhncn können? Oder ist derjenige nach seiner Ansicht ein Plebejer, der zwar iin Kleide der Armuth einhergeht, dafür aber an Geistcsreichthun: und an Schätzen des Herzens und des Wissens aristokratischer ist. als alle die Barone und Freiherren, welche ihre Wappen dem Gott Mammon zu verdanken haben? Die Zusammenstellung von „Tal nmdisten, Börsenjobbern und Reportern" beweist am besten, wie traurig es in dem Gehirn des Verfassers bestellt sein mag, sonst müßte ewohl wissen, das; es unter den Börsenjobbern und Reportern seh viele Individuen giebt, in deren Adern durchaus christlich-germanische- Blut fließt, sonst müßte er auch wohl wissen, daß es auch unter bei* jüdischen Börsenjobbern, wie er sich auszudrücken beliebt, Männer giebt, welche große und glänzende Beweise ihrer echt deutschen Vater ländischen Gesinnung gegeben haben, sonst müßte er zunächst wissen, daß, wenn man wirklich ein „Talmudist" in des Wortes idealster Bedeutung ist, mau keineswegs charakterlos oder gar ein „Schuft" um die graziöse Ausdrucksweise desselben zu gebrauchen, genamn werden dürfte. Unter den Talmudisten alter und neuer Zeit hat e - die herrlichsten Charaktere, die edelsten Menschen, die lautersten Wohl thäter und die aufgeklärtesten Köpfe gegeben. Hat der Verfasse- — um nur ein Beispiel zu erwähnen — nie von Hillel gehört, de! das schöne biblische Wort: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! durch sein Beispiel und seine Lehre bethütigt hat?! Ich möchte hier nicht auf die Beschimpfung, die der anonym Verfasser dem Bruder der Rahel, dem Dichter Ludwig Robcr und Heinrich Heine zu Theil werden läßt, näher eingehen. Ti*! selbe ist durch nichts begründet, und alle seine Redensarten beweise : mir, daß der Antor von der deutschen Litteraturgeschichte keine blase Ahnung hat. Er ist übrigens in Bezug auf Heinrich Heine nick: einmal originell, sondern nur Plagiator; ihn zu schmähen nnd yi verläumden, gilt ja zur Parole der modernen Antisemiten, sowohl der Vornehmen im Frack wie der Niedrigen im groben Kittel, um es ist ein trauriges Zeichen der Zeit, daß man den größten deutsche:: Lyriker nach Goethe in so unqualifizirbarer Weise mit Schmutz z:> bewerfen wagt, ohne zu bedenken, daß bei allen seinen Fehlern um Schwächen der ungezogene Liebling der Grazien viel mehr zum Ruhr: des deutschen Namens beigetragen hat als alle die kleinlichen litterm rischen Eintagsfliegen, welche den weitesten Kreisen rühmlichst unbekannt sind und die zwar keinen Charakter, dafür aber auch kein Talent haben.

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