Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 35 (12.9.1890)
- Date
- 1890-09-12
- Page
- Seite 458 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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458 Aussprache komme, hinter derselben zu viele Voraussetzungen liegen habe, die ich nicht ausdrücken kann. So geht's mir min auch mit dem Staatssozialismus Bismarck's, den er unter der Etikette „Praktisches Christenthum" kolportirt. Ich finde eine Lüge oder doch eine j werbende Konzilia»; darin, wenn Bismarck seinen Versuch zum Staats-! sozialismus so nennt. Bezüglich der Sache aber, die er initiativ versucht, stehe ich im Widerspruche mit meinen absolut negirenden; Freunden, denn ich glaube, daß, wenn hier ein Hebel angesetzt werden kann, eine neue, langersehnte Wendung in der Geschichte der Menschen ■ cintreten könnte. Das Problem von Sozialismus und Freiheit des; Individuums ist dasselbe, wie das von Willensbestimmung und Natur-; bcstimmnng, oder was die Theologen „Vorsehung" nennen. Der Punkt, wo sich die Beiden durchschneiden und Eins werden, ist schwer zu finden. Es ist aber keine Frage, daß die Verlockernng der Menschheit in freie Individuen nicht das Letzte sein kan»; es muß wieder eine Bindung gefunden werden, in der freilich ein Stück individueller Freiheit geopfert werden muß. Nur darf man da aber auch nicht den alten Wein in neue Schläuche füllen. Die Unfallsversichcrung, das Bewußtsein, von der Gesamnitheit gestützt zu werden, wäre schön, sehr schön, hat aber nichts mit Christenthum und geoffenbarter Religion zu thnn; im Gegentheile, da wird ja der Unfall als „Gottes i Schickung" gefaßt! Ich kann natürlich nur andenten, wohin ich ziele.! Ich erkenne mit meinen Freunden die Gefährlichkeit des Experiments,! lind ich kann hier nur wiederholen, was ich bereits in „Schrift und Volk" gesagt: „Man nimmt zu einer Entdeckringsreisc nicht ein ganzes Volk mit an Bord!" Aber der Versuch, deil Punkt zu finden, wo individuelle Freiheit und Bindung in einer Gesamnitheit sich decken, ist hochbedentsam!" Der Brief scheint mir ein schöner Beweis dafür, wie er sich, trotz des erregten Stammcsgefühls, doch immer wieder zn einer rein fachlichen Auffassung der Dinge durchzukümpfen wußte. Freilich, seines jüdischen Ursprungs vergaß er nie und daß ihm derselbe besondere Pflichten auferlege. Als ihm der Großherzog von Baden einen Orden verlieh, der zur Führung des persönlichen Adels berechtigte, hieß es in einer Zeitungsnotiz: vermnthlich werde »lau nächstens Berthold von Auerbach zn begrüßen haben, und auch mein Glückwunschschreiben enthielt eine solche Andeutung. Er aber erwiederte umgehend: „Ihre Bermuthung hat mich fast gekränkt. Ein Dichter sollte! nie den Adel anstreben und mit ihm prunken; sein Adel kann nur j von Volkes, nie von eines Fürsten Gnade sein. Und nun gedenken Sie zudem meines Quellsprungs im Judenthum. Wir danken unseren Eintritt in die deutsche Gemeinschaft dem Bürgerthum und sollen darin verbleiben." Nmr von jenen beiden Plänen, den „Eriuneruugeu" und einem; großen Roman, in welchem er deutsche lind jüdische Art schildern,! ihre harmonische Vereinigling darstellen wollte. Diese Werke sollten j sein „Vermächtnis;" sein, bei unserer ersten und bei unserer letzten : Unterredung, 1872 und 1881, hat er sie mit diesem selben Wort bezeichnet. Der Roman, welcher „eines der Siegel an der Urkunde sein sollte, daß die Juden in Deutschland nicht blos gleichberechtigte, sondern auch gleichfühlende Deutsche sind, bereits he rite sind und es nicht etwa erst zu werden brauchen" — hat im Laufe der Zeiten den Titel oft gewechselt; alich schon in den Jahren unseres Verkehrs; einmal sagte er mir — nicht zu meiner Freude — er wolle einen echt jüdischen Vornamen und einen echt deutschen Familiennamen auf den Titel setzen oder umgekehrt — „vielleicht „Hellmuth Levh" oder „Baruch Staudcgg" oder so ähnlich...." Der letzte Titel, an den er dachte, war: „Ben Zion". Es sollte eine Art Familiengeschichte werden. Drei Genc- .rationen, erzählte er mir, wolle er vorführen, den Helden als Träger jenes Jndenthums, welches sich in Deutschland nicht blos seine leib liche, sondern auch seine geistige Heimath erkämpft habe; seinen Bäte: als Vertreter des nationalen, orthodoxen Jndenthums, seinen Sohn als Vertreter der neuen Zeit, einer Generation, welcher ein Gcgensa: zwischen deutschem und jüdischem Wesen kaum mehr fühlbar werde. Di: Handlung sollte nach 1813 auf einer süddeutschen Hochschule beginneu, der Held als Mitglied der Burschenschaft vorgeführt werden - „also in jener schweren Situation, in welcher ich und Ihr Vater damals thatsächlich waren. Wir traten in die Burschenschaft, dir damals noch vorwiegend christlich-germanisch war, und hielten darir, aus, so schwer es uns auch damals wurde, weil wir wußten, daß es gelte, das Vornrtheil in diesem Kreise zu brechen". Im Jahre 1877 sagte er mir. begonnen habe er noch nicht, sammle jedoch unausgesetzt die Materialien; im Jahre 1879 erhielt ich von ihm als Antwort auf mein, Novellensammllmg „Junge Liebe", welche zuerst Stoffe aus deutscher: Leben behandelte, ein längeres Schreiben, in welchem es u. A. heiß;: „Nicht einmal ein halber Jude kommt da mehr vor, und es in recht so! Wir deutschen Schriftsteller jüdischen Glaubens sollten immer daran denken, wie ein Fluß entsteht. Unser Quellsprnng ist im Judenthum, darum ist es natürlich, daß wir mit jüdischen Stoffen beginnen; das ist das Erste, was wir zu geben habe». Aber da- Onellwaffer allein kann nur einen kärglichen Bach speisen; wir müssen rechts und links die Bäche aufnehmen aus dem deutschen Volksthnw, unter dem, mit dem wir leben, um zu Flüssen zn werden. Ein Flirß besteht aus den Zuflüssen von rechts und links, und ans den Quellen, die ewig verborgen aus dem Grunde seines Bettes am sprudeln. Mit dem verglichen, will die Quelle oben in den Bergen wenig bedeuten! Daß sie die Quelle ist, muß freilich unvergessen bleiben, sie ist der Anfang, das macht sie bedeutsam; und ehe de: Fluß ins Meer mündet, ist sogar ein Gedenken an den Ursprung natürlich. In diesem Sinne soll mein Roman mein letztes Werk sein". Im April 1886 zeigte er mir in seiner Arbeitsstube in der Hoheuzolle nstraße eine mit Papieren vollgefüllte Lade: „Die Materialien zu n Ben-Zion!" sagteer. Freilich, fügte er wehmüthig bei, müsse es nun ein ganz anderes Werk werden. Da jene „Urkunde" zerrissen sei, io könne er auch kein Siegel mehr auf sie drücken. Einen Sieg solle dies Buch verkünden mrd nun muß es zum Rüstzeug im Kamp'« werde». Kämpfen für alles, was man längst erkämpft geglaubt, und in meinem Elster, mit erlöschender Kraft — oh! das ist bitter. Ich wollte, ich hätte diese Zeit nicht mehr erlebt." v Mit größerer Freude und Zuversicht äußerte er sich bis in se.« letztes Lebensjahr hinein über seine Memoiren, welche er zuerst „Me» Leben," dann „Erinnerungen" betiteln wollte. Zuerst wollte er um den eigenen Entwicklungsgang darstellen, also hauptsächlich sein inner - Leben, später gedachte er auch seine Zeitgenossen zn schildern. Wu weit er der Arbeit die zeitlichen Grenzen gesteckt, weiß ich nicht gen. » anzugeten, aus de» Briefen an mich geht nur so viel mit Bestimm lheit hervor, daß er die Dresdener Zeit, also die Fünfziger Iah e. jedenfalls noch einbezichen wollte. Meines Wissens wurde nur ein Kap: :! geschrieben, jenes, in welchem er seine Mutter, eine prächtige, kernige Dorfjüdin schildert; dieses las er mir einmal, auf das Pult geleh n. über welchem das Bild der alten Frau hing, vor. Eine prächtze Schilderung voll Humor und Gemüth. Sie soll inzwischen gedri 1> erschienen sein; wo, weiß ich nicht. Die Briefstellen, die von diesem Werke handeln, habe ich bereue in jenem Wiener Artikel zusammengestellt. Ich darf sie wohl auch hier folgen lassen: „Ich habe die Gedanken zum Vorworte meiner Memoire« skizzirt; es war nicht leicht" (1878). — „Die Dresdener Zeit ist inir lebendig wieder aufgegangen; ich habe einige Schlagworte hierüber