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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-12 · Heft 35 (12.9.1890) · p. Seite 456

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 35 (12.9.1890)
Date
1890-09-12
Page
Seite 456 (sequence 4)
Language
German
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456 in der Stadt. Der Posaunenbläser stand an der Seite des Festungskommandaiiten, um das Polt, wenn cs nöthig war, zur Vertheidigungsarbeit znsaiinnenznrnfcn (Nch. 4. 12»; bei dein Schalle der Posaunen stürzten die Mauern Jerichos zusammen (Jos. 6. 20); durch den Schall der Posaune versammelte Ehud die Hirten des Gebirges Ephraim znm Vertheidiguugskampfe gegen Moab (Richter 3. 27); unter dem Schalle der Posaunen läßt der Prophet den Herrn mit der Gewalt des Südsturmes einherfahren und die Pfeile seines Blitzes schleudern gegen die Kinder Jalvans (Sacharjah 9. 14); durch den Schall einer großen Posaune lvird auch der Herr einst sammeln die im Lande Assur Verlorenen und die in das Land Aegypten Verstoßenen, damit sic anbeten den Herrn auf dem heiligen Berge in Jerusalem (Jesaias 27. 13). Der Posaunenschall war aber nicht nur ein Signal zum Alarm, er war auch ein Nothschrci zu dem allezeit bereiten Helfer im Himmel, der seinem Volke geboten, wenn Kriegsgefahr im Lande sei, wenn der Feind es bedränge, sollten sie Lärm blasen mit den Trompeten, damit ihrer gedacht werde vor ihrem Gotte und sie gerettet würden von ihren Feinden (2. Mos. 10. 9). Diese Bedeutung der Posaune und des Posaunenfestes war begreiflicher Weise am meisten durchgcdrungen. Ter Posaunenschall am siebenten Neumond war ein Mittel, damit Gott Israels sich erinnere, daß er die Gebete, die aus den gequälten Herzen und aus den geüngstigten Gewissen emporstcigcn, erhöre, daß er, der zugleich ist „Klüger, Zeuge und Richter" über die Menschen, sein Urtheil spreche. Das Exil, welches die Opfer und den Besuch des Heiligthums unterbrach und dadurch das Volk Israel mit dem Gedanken vertraut machte, daß cs auch andere Mittel geben müsse, die Gnade Gottes zu erwerben, als Opfer und Weihrauch; die nachexilischen Propheten, welche predigten: „Wenn ihr fastet, fastet ihr nicht für mich, hingegen sollt ihr richten nach dem Recht der Wahrheit, und Liebe und Erbarmen üben an eueren Brüdern (Sacharjah 7. 6. ff.); die Männer des Gesetzes endlich, welche den altisraelitischcn Kultus aus den heidnischen Begriffen der rein sakramentalen Wirkung durch die bloße Kultushnndluug herausärbeiteten, die das Volk ermahnten, „in der Furcht Gottes zu wandeln"; alle diese Ursachen wirkten zusammen, um der ererbten väterlichen Religion andere, zeitgemäße Formen zu geben, welche zunächst in der Feier der Feste ihren sichtbaren Ausdruck fanden. Man feierte Gott nicht mehr ausschließlich und in erster Linie als de», welcher das Saatkorn in die Halme schießen, »velcher den Weizen, den Wein und das Oel reifen läßt, man feierte ihn als den, welcher die Menschheit an sich voriiberziehen läßt, wie der Hirt seine Heerde (Rosch-lia-si-liana 1. 2), als den Richter des menschlichen Herzens, „der bildet insgesammt ihr Herz, der merket alle ihre Thatcn (Ps. :53). Dadurch wurde der Tag des Posaunenschalles, an welchem der Mensch in seiner Noth zu Gott sich um Hilfe wandte, zum Neujahrstage, zum Anfang des religiösen Jahres, und der Tag, an welchem das Heiligthum durch eine komplizirte Sühnceremonie gereinigt werden sollte von den Unreinheiten der Kinder Israels, zu dem Tage, an welchem der gnädige Richter der Welt der Menschheit Sünden in seiner unendlichen Gnade vcrgiebt. Die beiden Tage wurden auf diese Weise die heiligsten Feste des Jahres und gewannen durch den Untergang des Centralheiligthums in Jerusalem noch mehr an Bedeutung, weil das Volk, welches jetzt nur die Synagogen als „Heiligthiimer geringerer Art" tDtfE DHpD hatte, ans einem Volke zu Gemeinden wurde. Am meisten scheint dazu Rabban Jochanan ben Sakkai beigetragen zu haben, der eigentliche Regenerator des dem Zerfall nahen Judenthums, »velcher von einer späteren Zeit die Milderung der nnnöthigen Gesetzesstrenge erwartete (Sotah 5. 4.) und der Synagoge die Rechte des jerusalemischen Tempels übertragen wollte. Für R. Jochanan kam es hauptsächlich darauf an, eine neue Grundlage für dev Kultus zu schaffen, der seines hauptsächlichsten Theiles, des Opfers, beraubt war. Er ging dabei sehr konservativ zu Werke uyd begnügte sich damit, eii»zelne Vorrechte, z. B. das Schofarblasen am Sabbath. wenn das Neujahrsfest auf diesen Tag siel, in den Synagogen zu gestatten, was früher, so lange das Eentralheiligthum in Jerusalem bestanden halte, für verboten galt. Indessen war es nur natürlich, daß auch solche Kleinigkeiten dahin wirkten, einen Ersatz für die verlorene Herrlichkeit der drc> Wallfahrtsfeste z»> schaffen. Man sing an, den religiösen Gedanken zu vertiefen, indem mau den religiösen Brauch nicht mehr blos ob jektiv als das von Gott Gebotene betrachtete, sondern subjektiv dünn symbolische Deutung ihn für das religiöse Leben nutzbar machte. Nicht das Anhören des Schofar hieß eure Erfüllung des göttlichen Gebotes, sondern man niußte dabei sein Herz andächtig zu Gon emporheben. Kr mb flVO DK Der Schofar, sagte man sich, ist die Trompete, durch deren Schall Israel seinem Gotte, dem Weltenkönig huldigt, „denn Got» erhebt sich unter Jubelrufen, der Herr unter dem Schalle des Schofar. denn der Herr ist erhaben und furchtbar, ein großer König über die ganze Erde." (Ps. 47.) Der Schofar ist ja ferner nach den Worten der Thora das Mittel, wodurch die gläubige Gemeinde ihrem himmlischen Könige ihre Noth kundgiebt, der sich ihrer erinnert, wie er fica des Noa in seiner Arche erinnert, da er ja gedenket des Bunde-, »velchen er mit der Menschheit im Allgemeinen und mit den Bäten: Abraham, Isaak und Jakob im Besonderen geschlossen hat. Tn Schofar ist ferner eine Erinnerung an die Offenbarung Gottes aus dem Sinai, »velche durch geivaltige Posaunentöne angekündigt »vurde. so ist der Schofar ein Symbol der Gottesstimmc, »velche seit der Erwählung der Väter immer den Menschen vertraut »var, bald a>- Sturm, als Gewitter und Erdbeben, (Ps. 29), bald als Verkündcriu heilsamer Gesetze, bald als treue Mahnerin zur Rückkehr auf Gotte - Wege durch den Mlind seiner Boten, der Propheten. Endlich fand sich in dem Schofar auch eine geschichtliche Er inuerung: er »var das Horn eines Widders, wem» er es auch nack» der Gesetzvorschrift nicht sein mußte. Der Widder war das Opfer, welches Abraham an Stelle seines Sohnes dargebracht hatte, Go : selbst hatte das Thier an den Ort gebracht und sich im Gestrüpo vertvickeln lassen, um zu zeigen, daß die heidnische Abscheulichkeit du Kindesopfer für den Herrn ein Greuel sei, daß blutige Opfer i!» : gleichgiltig seien, und daß das »vahre Opfer nur das gottergebene Herz sein könne. (S. Jalkut zu Micha Nr. 555 und Midras > Rabba C. 54). So erinnerte der Schofar an das herrliche Erve Jsrracls, an die Frömmigkeit der Väter, »velche Gott, »vie er es iai zweiten Gebote verkündet hatte, den Enkeln zurechnete, »veim sie d> a Wegen der Ahnen treu blieben. (S. Targum zu 2. Mos. 20. ■> und 34. 7.) So war aus dem siebenten Neumond das Posaunenfest getvorde i, dieses hat sich zum Neujahrsfest entivickelt, dieses »var dann der Tag des Weltengerichts und der vornehmste Gnaden- (Erinnerungs-Tag a geworden, an welchem die fromme Sage die Welt erschaffen, dr Patriarchen geboren u»»d das Gebet der kinderlosen Frauen erho l werden ließ. Es »var die Zeit, auf »velche inan das Prophetenwv! bezog: „Suchet den Herrn, denn er ist zu finden" (Jes. 55. 6.) uns .in »velche man den Versöhnungstag mit hineinbezog, da Gericht »iud Sühne zusamnikngehören, indem man sich über den Widerspruch damit half, daß man an dem ersteren Tag das Urtheil sprechen, au dem letzteren es unterfertigen ließ, wozu denn die bußbcdürstige Zeü

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