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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-12 · Heft 35 (12.9.1890) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 35 (12.9.1890)
Date
1890-09-12
Page
Seite 454 (sequence 2)
Language
German
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454 sein, nach vollzogener göttlicher Läuterung hinübergehen zu können in das neue Jahr und einem allgütigen Vater aller Menschen sich anvertrauen zu dürfen: die ganze Stufenleiter menschlicher Empfindungen von der seelenvollsten Freude bis zum herbsten Weh, wie wir sie in den lichtvollen und ergreifenden Gebeten für das Musaf des Neujahrstages ausgedrückt findein in Gebeten, die mit ihren erhabeneil Ideen nicht nur das Leben des Einzelnen, nicht nur die Geschichte Israels umspannen, fonbern die die große Zukunft aller Erdenvölker, ihre endliche Bereinigung in Liebe und Gerechtigkeit, mit begeisterten Worten verkünden. „Du sollst des ganzen Weges dich erinnern, den der Ewige betn Gott dich geführt", auch in diesem abgelaufenen Jahre; denn der israelitische Neujahrstag ist vor Allem ein Tag der Erinnerung, ein Tag, an bem die großen Ereignisse unserer Geschichte wie die kleinen Ereignisse unseres eigenen Lebens noch einmal an uns vorüberziehen sollen. „Denk daran, vergiß es nicht!" Und nun gelange ich zum Schluß unserer Betrachtung, indem ich ihren Grundgedanken noch einmal wiederhole: Tort Lust und Jubel, hier Ernst und innere Bewegung, dort das Vergessen, hier das Erinnern! Du aber wähle! U Die jüdische Armenpflege in verlin. Von Arnold Bildung. „Es ist bekannt von Eckwelt zu Eckwelt, daß Ihr Berliner seiet große Gojim; aber daß Ihr habt gute jüdische Herzen und helfet ans allen armen jüdischen Kindern, die da kommen Jahr aus, Jahr ein zu Euch, um was Gutes zu werden." Wer kennt sie nicht, diese Worte, mit denen das schelmisch-herzige Vögele in des unvergeßlichen Aron Bernstein Erzählung den Wohlthütigkeitssinn der Berliner Juden kennzeichnet? Sprichwörtlich geworden ist dieser Wohlthätigkeitssinu, und keiner der zahlreichen reisenden Bettler, welche alljährlich den Zug nach dem Westen uuteruehmc», pflegt unsere Hauptstadt nuberücksichtigt zu lassen. Das Sprichwort ist auch in diesem Fall ein wahr Wort, denn in der Thal nimmt Berlins jüdische Armenpflege unter denen der jüdischen Gemeinden den ersten Rang ein. Hieran ändert auch die Thatsache nichts, daß andere Gemeinden auf Einzelgebieten die Residenz überflügelt haben, und daß die für das Gedeihen der Armenpflege so überaus nothwendige Eentralisation in den kleineren Städten naturgemäß weiter vorgeschritten ist — in Bezug auf die Gesammtleistuttg vermag keine deutsche Gemeinde sich mit Berlin zu messen. Das ist eine so alte und unbestrittene Erfahrung, daß man sich allmülig daran gewöhnt hat, diesen Vorrang Berlins als etwas Selbstverständliches zu betrachten, und verlernt hat, ihn nach Gebiihr zu würdigen. Zudem liegt die Annahme nahe, daß es lediglich die alle übrigen Gemeinden überragende Mitgliederzahl und die hierdurch etwa bedingte größere Zahl von Bedürftigen sei, welche als Ursache für diese hervorragende Stellung der jüdischen Armenpflege Berlins gelten könne. Demgegenüber wird ein Rückblick auf frühere Zeiten, da diese genannten Ursachen noch nicht vorhanden waren, wohl angebracht sein; er wird zeigen, daß es nicht das Bedürfuiß war, sondern die Lust am Wohlthuu, das „jüdische Herz", welche hier Schütze für die Linderung der Noth und die soziale Hebung leidender Glaubensbrüder mit reicher Hand gespendet haben. Einen interessanten Bericht über die Wohlthütigkeitspflegc der jüdischen Gemeinde Berlin zur Zeit Friedrichs des Großen giebt Geppert in seiner Berliner Chronik. Selbst dieser wenig jndenfreundliche Chronist muß seine Aufzahlung mit den Worten beginnen: „Mehr als alle diese soeben genannten illustalten nahmen sich indessen die jüdischen milden Stiftungen auf. Mit der großen Vermehrung, die diese Nation unter Friedrich II. erhielt, stieg' bei ihnen auch der gute Wille, einander zu unterstützen, und ihre Einrichtungen haben meistens durch ihre Eigenthümlichkeit noch ein besonderes Interesse." Hören wir die Schilderung, die Geppert von den damalige» Stiftungen und Vereinen entwirft: 1. Eine allgemeine Armenanstalt, die in Almosen bestand, welche zum Theil von der Gemeinde jährlich an verarmte Mitbürger lind Wittwen arisgetheilt, zum Theil den fremden Armen an de» Thoren gereicht wurden. Am Rosenthaler Thor befand sich ein der Gemeinde gehöriges Haus, wo die Fremden auf allgemeine Kosten a» hohen Festtagen gespeist wurden. 2. Das Lazareth, welches zui» Theil von der Gemeinde, zum Theil durch Privatgesellschaften unterhalten ward. 3. Eine männliche Gesellschaft zur Kranken pflege, die aus hundert und mehr Mitgliedern bestand. T» Gesellschaft, in welche aufgenommen zu werden als eine Ehre galt hatte ihren eigenen Arzt und Wundarzt, 8 männliche und 12 weiblichc Krankeiuvürter; Kleidiingsstiicke, Betten und Erfrischungen wäre» stets vorrüthig. Der Vorsteher der Gesellschaft hatte die Pflicht jeden Kranken der Gemeinde, der sich bei ihm gemeldet hatte, täglick zweiuial zu besuchen, und wenn die Krankheit gefährlich wurde, so mußten ihn zwei Mitglieder der Gesellschaft, die durchs Loos gezogen wurden, Tag und Nacht z» zwei Stunden besuchen und zu feiner Genesung oder zur Regulirung seiner Angelegenheit Mitwirken. Die Mitglieder der Gesellschaft befleißigte» sich, weil bei ihnen Wohlthätigke» unter die Religionsübungcn gehört, einer strengen Sittlichkeit. Es durste Niemand, der unter sie ausgenommen werden sollte, dc> Betrugs oder Meineids schuldig befunden sein. Sie enthielten fick des Kartenspiels und anderer Spiele und übten überhaupt einasketische Strenge gegen sich aus. 4. Die weibliche Gesellschaf; für Krankenpflege, die eine ähnliche Einrichtung hatte. 5. Die Stiftung zum Unterhalt der Dürftigen, aus 18 Hausvätern verschiedener Familien, die ihre Annen mit Brod und Holz unter stützte», doch so, daß denselben bestimmte Zeichen gegeben wurde» wofür sie bei bestimmten Bäckern für jedes Zeichen ein Zweigroschen brod und bei den Holzverwaltern das darauf bemerkte Holz erhielte» wobei ihnen auch Fuhr- und Hauerlohn gereicht wurde. Auf dies- Weise wurden wöchentlich au 400 Brodzeichen ausgegeben, und di- Haushaltung bekam jährlich einen halben bis zu einem ganzen Haufen Holz. Die Gesellschaft gewann ihren Fonds hauptsächlich aus eine»! ausgebrciteten Handel, den sie mit Osterzucker trieb. 6. Eine Gesell schaft, die für den Unterricht in der Religion sorgte. 7. Ei» andere, die den Armen Wäsche und Kleidungsstücke gal. 8. Eine Gesellschaft, die den Armen Gutes that, ohne dan Jemand etwas davon erfuhr. 9. Eine Gesellschaft, die sich mn dem Begraben und Reinigen der Todten beschäftigte. 10. Ei»' Gesellschaft zur Ausstattung armer Mädchen. Dieselbe verlies nämlich Geschirr zu Hochzeiten und andern Festen und stattete von dem Ertrage jährlich drei arme Mädchen aus, von denen jede 20'' bis 300 Thaler erhielt. 11. Die Heirathsgesellschaft, am 200 Hausvätern bestehend. Wenn einer derselben seine Tochter ver heirathete, so bekam er von jedem Mitglied einen Thaler. Es durften indessen jährlich nur acht verheirathet werden und jeder Hausvatc durfte nur eine Tochter einkaufen, die das zehnte Jahr nicht über schritten hatte. 12. Eine Gesellschaft zur Unterstützung arme- Studirender. 13. Eine Freischule, welche 80 Zöglinge umschloß, von denen beinahe die Hälfte unentgeltlich unterrichtet wurde. Diese Schule hatte zwei Direktoren und mehrere Lehrer, die zum Thei. Juden, zum Theil Christen waren. Außer dem Elementaruntcrrich:

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