Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 35 (12.9.1890)
- Date
- 1890-09-12
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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54. Jahrgang. Nr. 35. Berlin, 12. September 1890. Allgemeine eitung des Audentbums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Begründet von Rabbiner 21*- Ludwig Philippson in Gönn. Expedition: Berlin, Jerusalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag von Rudolf Mosse, Berlin SW., Jerusalemer Straße Nr. 48/49 zu richten. Inh ült* Leitartikel: llosch lia~Schana]i=®ebcmfcrt. Von G. K. — Die i'ldische Armenpflege in Berlin. Von Arnold Budwig. — Wissenschaft und 'itteraturr Zur Geschichte des dteuiahrsfestes. Von Dr. G. Deutsch. — Aus Briefen Berthold Auerbachs. Von Karl Emil Franzos. — Rembrandt als - Antisemit. Von Reinhold Berger. — Feuilleton: Der Renegat. Von v Berg. — Miscellen. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Hannover. Tilsit, Gollub, Posen. Rimbach. Mannheim, Karlsruhe. Wien. London, Jerusalem. — Von Nah und Fern. No8cl»-lm°8elrrlnall-Gednnlren. 0. K. Berlin, 7. September. Nur wenige Tage trennen uns noch von dem Neujahr der israelitischen Welt, von dem großen und ernsten Feste, das unter eine» vielen Namen vor Allem den des Jom lia-Sikaron mit kanderer Bedeutung trägt. Und in der Thai, wenn irgend ein Tag nt Kreislauf der Zeit als Beginn eines neuen Jahres gelten soll, welche andere, welche tiefere Bedeutung könnte dies haben, als daß Mieser Tag der Erinnerung an die abgclaufene Zeit mit all ihren Ereignissen freudiger und trüber Natur geweiht sein soll! Ein Tag Mer Erinnerung ist also vor Allem der jüdische Neujahrstag.?er Anfang des religiösen Jahres soll zunächst der Erinnerung an ie Bergangenheit gelten. Bei den Tönen des Schofar soll der Nensch sein Leben im abgelaufenen Jahr nach einmal an seinem eistigen Auge vorüberziehen lassen. In Wahrheit: unter allen Ro^c-tl-Iia-Zelianat,-Gedanken ist dieser ohl der größte und erhabenste. So obenhin betrachtet, scheint - ja natürlich und selbstverständlich, daß man an der Jahresscheide och einmal de» Blick in die Vergangenheit zurückgleiten läßt. Aber enn wir näher Zusehen, finden wir doch die seltsame Thatsache, die llerdings nur ans psychologischen Gründen zu erklären, daß das deal fast aller großen Kulturbölker nicht das Erinnern, sondern ins Vergessen war. Die Inder, vielleicht das älteste aller Kulturvölker, sahen in dem ki-vana, d. h. in dem Auswehen, Verlöschen der individnellen ^ristenz das höchste Gut. Alle Seligkeit und Wonne ersprießt de» Kahnianen und den diese feiernden Dichtern einzig ans dem Vergessen 'lies irdischen Leids. Die Griechen, wohl das bedeutendste aller alten Kulturvölker, erherrlichten in dem Lethe den Quell des Bcrgessens. „All sein soffen, all sein Denken in des Lethe stillen Strom versenken", erhien den Griechen nicht nur als das preisenswcrtheste Glück, sondern auch noch dem deutschen Dichter, der die schönen Tage der Antike sich zurückwünscht. Die Römer, sicher das mächtigste aller alten Kulturvölker, feierten der Göttin des Vergessens eines ihrer lautesten Feste. Und leinen bester» Trost wußte ihnen ihr philosophischer Kaiser Mare Aurel auf den Lebensweg mitzugeben als den Spruch: Bald — und Du hast Alles vergessen, Bald — und Alles hat Dein vergessen. Inder, Griechen und Römer waren die Lehrer der modernen Menschheit — wie auf allen andern, so auch auf diesem Gebiete. Von ihnen haben die Völker gelernt, daß in der Flucht der Erdendinge das Vergessen das beste Heilmittel der Seele sei. Und die Feier der Neujahrsnacht bei fast allen modernen Kulturvölkern mit ihren rauschenden Festen, mit all' dem Trubel und Jubel, der die trüben Gedanken und die ernsten Erinnerungen überiönen, verscheuchen soll, ist sic nicht vor allem dem Vergessen geweiht? Der Philosoph Hegel nennt cs eine „List der Idee", daß die gebildeten Völker Feste begehen, in deren Feier die Aufhebung und das Gegentheil der Sitte zur Sitte gehört. „So tief verschlingen sich hier die beiden inneren Mächte der Natur", ruft bei diesem Gedanken der Völkerpsychologe Lazarus aus; unzweifelhaft hat er dabei auch an die rauschende Feier des Sylvestcrabcnds gedacht. Und nun Israel? Wahrhaftig, ich bin kein eitler Lobredner meiner Glanbensgcnosscn, ich möchte viel eher ihre Schäden und Fehler ihnen Vorhalten und sie zu bessern, zu bekehren suchen, wenn dies meines Amtes wäre; dieser eine Vorzug aber schmückt Israel doch vor allen anderen Völkern: die Art und Weise der Feier seines Neujahrs! Wie feierlich bewegt schreitet der Jude von der Wcgschcide des alten Jahres in das neue hinein! Während dort Freude und Jubel jedes Gefühl der Schwerinuth und Bangigkeit ob des Wechsels und Scheidens der Zeit verscheuchen sollen, tritt der Jude, der dein Glauben seiner Väter treu ist, mit tiefem Ernst und sittlicher Würde an die Grenze des alten und in die Marken des neuen religiösen Jahres, die von Freund und Feind gleich anerkannt zu lverden verdiente. Wer, und wäre er der größte Herzciiskenner, vermöchte wohl die Gefühle zu schildern, die die Brust eines wahrhaft froninicn Juden am Vorabend des Rosdi-lia-Sclumah durchbcbcn? Die Freude, daß man das ncne Jahr erlebt, neben dem Schmerz über die Verluste, die das scheidende gebracht, die Trauer, daß wieder ein Stück von der Scholle, die wir Leben nennen, sich losgelöst und hinabgerollt ist in das Meer der Ewigkeit, das erhebende Bewußt-