Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 34 (5.9.1890)
- Date
- 1890-09-05
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227825-3227860--47333-3268848- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 sammlnug ist entschlossen, die Umwandlung vorzuuehmen trotz des hart- I näcfiucii Widerstandes, den die klerikalen NUtglieder des Kollegiums i der Neuerung entgegensetzen. Sachlich haben die Herren nichts vor-! zubringen, und nun klammern sie sich all die Möglichkeit, daß einmal ein Jude | Mitglied der Schulkommission werden und auf die Verwaltung der! Volksschule Einfluß gewinnen könne. Indessen ihr sonderbares Treiben j hat in der Stadt wie bei der Mehrheit der Stadtverordneten nur einen > Heiterkeitserfolg davongetragen. Die Umwandlung wird nach Erledigling! einiger Formalitäten vorgenommen werden. s. Alrrtonierrhntte, 1. September. Ein schönes Zeichen ihrer Lebens- - fähigkeit hat unsere Gemeinde, eine Filiale der Gemeinde Königsj Hütte, durch den Bau eines neuen zweikla ssigen Schulhauses gegeben. Schon längst war das Bedürfniß nach einem solchen vor-; Händen; denn das alte genügte in keiner Weise den Anforderungen, j welche die heutige Schulhigiene an ein Schulhaus stellt. Zur Gewinnung! eines geeigneten Terrains für beit in Aussicht genommenen Synagogen-; bau mußte das alte Schlllgebäude abgetragen werden, und diesem Um-! stände haben wir es in erster Reihe zu danken, daß unsere Schuljugend! sich seit Kurzem in einem den Anforderungen der Neuzeit entsprechenden! Schulhallse befindet. Am 27. August fand die feierliche Einweihung! des neuen Gebäudes unter reger Theilnahme der jüdischen Gemeinde! und vieler Andersgläubiger statt. Herr Lokalschulinspektor Fröhlich, dessen Vater einstmals die hiesige Gemeinde und späterhin auch ihre Schu.'e begründet hat, hielt die wohl durchdachte Festrede, die in einem begeisterten Hoch auf Se. Majestät den Kaiser endigte. Der erste! Lehrer Herr Salomon dankte darauf Namens der Lehrer der Schule der Gemeinde für ihre Opferfreudigkeit und empfahl die neue Anstalt dem Wohlwollen und dem Schutze der Gemeinde und dem Staate. Lewandowskis schönes Lied „Wenn Gott der Herr das Haus nicht bauet" trug nicht wenig zur Verschönerung der Feier bei. Zu wünschen wäre, daß der geplante Tempelball ebenso schnell verwirklicht lvürde, loie der Schulbau. Das Bedürfniß läßt sich nicht leugnen; denn das alte Gotteshaus vermag seine Andächtigen nicht zu fassen lind entspricht > auch sonst in keiner Weise seiner hehren Bestimmung.! Oesterreich - Ungarn. * Wien, 20. August. Ein Akt unerhörter Rohheit wurde j gestern Nachmittag in der Kohlmessergasse, Ecke der Rothenthurmstraße, | begangen. Drei polnische Juden in ihrer bekanntell Tracht kamen des j Weges, in der Mitte ein Mann ehrwürdigen Alters mit weißem Bart-! uub Haupthaar. Da trat an ihre Seite ein Soldat, ein Feldwebel des : *<>. Infanterie-Regiments, und nachdem er sie zuerst geringschätzig genmstert hatte, stellte er sich ihnen in den Weg und fragte den Alten: > „Bist Du ein Jud'?" Der Alte, etwas konsternirt, autwortete lächelnd,! mit fast unterwürfiger Freundlichkeit: „Jawohl, mein Herr!" Auf! diese Worte hin hob der Feldwebel die Hand und versetzte dem Greise! Uvei Schläge in das Gesicht. Der Alte taumelte zurück und preßte die! Hände gegen die Allgen . . . Diese Szene spielte sich jo rasch und so j unerwartet ab, daß die welligen Zuschauer auf der Straße im Augenblick! nicht daran dachten, den Feldwebel, der sich entfernen wollte, anzuhalten.! Ein Herr jedoch, der zufällig von einer Trafik aus den kurzen Wort-! Wechsel uub die folgende Handlung des Soldaten beobachtet hatte, stürzte! uns diesen zu und faßte ihn in größter Erregung über dessen Brutalität! au der Gurgel. „Wie können Sie es wagen, der Sie des Kaisers Rock j iragen, eine solche Niederträchtigkeit zu begehen?" rief ihm der Fremde! ui, ein Berliner, der erst kllrze Zeit hier weilt. Der Soldat antwortete! ihm mit Grobheit; er wurde jedoch festgehalten und einem Wachmann! übergeben. Der Wachmann fragte den Feldwebel um sein Nationale > und wollte ihn dann freigeben. Der Berliner, Herr Eh. S. Silz, jedoch! tagte zu dem Wachmann: „Ein Mann, der eine so schändliche Handlung j begeht und einen alten Mann schlügt, kann auch einen falschen Namen! ungeben. Bringen Sie ihn zur Wache, ich gehe mit!" In der That gab der Feldwebel erst auf das zweite dringende Befragen des Wach-! mannes seinen richtigen Namen an. Um die handelnden Personen hatte sich mittlerweile ein Ring von über hundert Menschen geschlossen. Der Wachmann Fischer erklärte gemäß der Aufforderung des Herrn Silz, daß der Soldat, der mißhandelte Alte und die Augenzeugen ihm zum Polizei-Kommissariat zu folgen hätten. Der ganze Allssehen erregende 3ug begab sich mm nach dem Schvttenring, zum Stadtkommissariat, innerhalb der Räume desselben kam es noch zu einem Zwischenfalle. Tie Parteien mußten einige Zeit auf dem Korridor warten, bevor sie vor den Kommissär geführt wlirden. Da riß der Feldwebel seine Mütze vonl Kopf, lvarf sie auf beu Boden hin und rief dem Alten zu: „Heb' auf, Jud!" Herr Silz zwang den Feldwebel, seine Mühe sofort selbst aufzuhebeil. Vor dem Kommissär Schild wurde der Feldwebel Namens Alois Denk, 32 Jahre alt, Rechnungsunterofsizier beim 86. Infanterie- Regiment, 7. Kompagnie, derzeit Rudolfskaserne wohnhaft, befragt, was ihn zu dieser Handlung bewogen. Der Feldwebel ermiederte gleichmüthig, er habe eine Affaire mit einem Juden gehabt und seither könne er Jedeni etwas anthlln. Der Mißhandelte ist der über 60 Jahre alte, bekannte jüdische Litterat M. Weißmann, ein tüchtiger Orientalist. Der Polizei-Kommissär verhörte alle Zeugen. Herr Silz gab hier noch einmal seinem Bedauern Ausdruck, daß dieser brutale Mensch den Ehrenrock des Kaisers trage, und höchstens Trunkenheit oder Geistesstörung wären in diesem Falle eine Entschuldigung gewesen. Leider wäre keines von beiden hier der Fall. Der Feldwebel wurde von einem Civilwachmann in die Rudolfskaserne begleitet und seinem Regiment übergeben, welchem gleichzeitig der polizeiliche Akt zugestellt wurde. — Selbst in unserm arg verhetzten Wien ist dieser Akt von Rohheit und Frechheit noch ohne Beispiel; es ist eine traurige Erscheinung, wenn auch im Militärstand schon sich solche Auswüchse zeigen. Der „muthige" Feldwebel wird zweifellos strenge bestraft werden; werden auch die Leute/ welche tagaus tagein die Moral predigen, nach welcher dieser Mensch gehandelt hat, ihr Handwerk weitertreibeu, ohne daß ihnen ein Haar gekrümmt würde? * Wien, 2. September. -Es ist dieser Tage eine Flugschrift, als deren Verfasser sich Dr. Oskar Hein nennt, erschienen, welche angesichts des Umstandes, daß der in vielen antisemitischen Prozessen lvenig rühmlich genanllte Mechaniker Ernst Schneider eben jetzt wieder einen Gewerbe-Genossenschnftstag einberuft, sich die Aufgabe stellt, diesen nun schon genügend bekannten Agitator in seinem wahren Lichte darzustellen. Insbesondere enthält die Flugschrift den phototypischen Abdruck eines Originalbriefes des Mechanikers Schneider an den ehemaligen Sekretär des Bayrischen Handwerkerbundes, Altenburger, in welchem Schneider diesen zur Abgabe eines falschen Zeugnisses vor Gericht auffordert; ferner zahlreiche Urtheile der Parteigenossen Schneiders über dessen Treiben, deren Wiedergabe, weil dieselben ehrenrührigen Inhalts sind, wir unterlassen. Im Ganzen genommen, stellt diese Broschüre mit ihrem vernichtenden Material den Mechaniker Schneider in einem Lichte dar, daß man nur staunen muß, daß es demselben jemals gelingen konnte, sich einen Anhang zu schaffen. Und trotz alledem stellt sich Mechaniker Schneider wieder an die Spitze eines Genossenschaftstages und wird von der antisemitischen Partei als Landtagskandidat empfohlen. * Wien, 1. September. In der Gartenbaugesellschaft zeitigt der Spätsommer antisemitische Blüthen. Die dort befindliche Restauration Pfalz, welche erst kürzlich der Schauplatz eines Halldgemenges zwischen Offizieren und Civilisten war, bot dieser Tage wieder eine abscheuliche Szene; nur mit dem Unterschiede, daß damals der Wirth bestrebt war, Ruhe zu stiften, während er in dem letzteren Falle den Exzeß sich ungestört entwickeln ließ. Wie man berichtet, kam es zwischen einer Gruppe von Antisemiten, welche vorwiegend das Restaurant Pfalz in der Gartenbaugesellschaft heimsnchen, und einem gleichfalls als Gast daselbst anwesenden Israeliten zu einem von den Ersteren provozirten Streite, welcher in den bekannten Schlachtruf „Juden hinaus" ausklang. Der Lärm wurde derart skandalös, daß die Kapelle Drescherplötzlich ihr Spiel unterbrach. Herr Pfalz aber, welcher die Pflicht gehabt hätte, in seiner Eigenschaft als Wirth seinen bedrohten Gast zu schützen, verhielt sich ganz indolent. Griechenland. * Corfrr,30.August. Prof. Lazzaro Belleli, eineZierde unserer Gelehrtenrepublik, wurde auf Vorschlag des Prof. Emile Legrand, Lehrer an der Schule für lebende orientalische Sprachen in Paris, und des gleichfalls daselbst lebenden griechischen Schriftstellers und Dichters Dr. Vikelas zum wirklichen Mitgliede der dortigen Gesellschaft „Sooiete des Etndes (irecques en France4* ernannt. Uebrigens wurde Pros. Belleli schon vor drei Jahren auch zum Mitgliede der „Italienischasiatischen Gesellschaft" in Florenz ernannt, und zwar auf Vorschlag der beiden dortigen Professoren, des Grafen de Gubernatis und des Commendatore Lasinio. So findet der jüdische Gelehrte überall Anerkennung und Achtung, wo man den Rassenhaß noch nicht kennt, und wo man den Menschen nicht nach dem, was er glaubt, sondern nach dem, was er weiß und kann, schätzt und achtet.