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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1890-09-05 · Heft 34 (5.9.1890) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
54 (1890)
Issue
Heft 34 (5.9.1890)
Date
1890-09-05
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 Von Nah und Fern. — Dem Arzt Herrn Dr. Moritz Jastrvwitz ist der Charakter als Sanitätsrath verliehen worden. — Das einzige in Deutschland erscheinende hebräische Wochenblatt „Hamagid" hat zu erscheinen aufgehört. - Der israelitischen Gemeinde zu Kochem sind die Rechte einer Synagogen- Gemeinde ertheilt worden. — Die königliche Negierung zn Cassel (Abtheilung für Schulangelegenheiten) hat gegen den Rektor Dr.Drake in Rodenberg wegen der a nti s e m i 1 i s ch e n Artikel, die er in der amtlichen „Schaumburger Ztg." veröffentlichte, das Disziplinär - Ver« fahren eingeleitet. — Die in unserer jüngsten Nummer veröffentlichte Mittheilung, betreffend die Verweigerung der Aufnahme eines jüdischen Kurgastes in das sogenannte „Kurhaus" Schloß Langenau in Ems, hat unter beit daselbst zur Kur weilenden Juden große (SitX rüstung erregt. Man bezweifelt indessen theilweise die Richtigkeit derselben. Denn der Inhaber, Herr Georg Lang, ist Mitinhaber des Privat-Hotels Schloß Balmoral und des Hotel-Restaurants Hohen' Malberg auf dem Malberg in Ems und Mitpächter der Wirthschaft am Pavillon auf beiu Malberg. In allen diesen Lokalen verkehrten bisher unbeanstandet die zahlreich unter den Emser Kurgästen vertretenen Juden. — Herr Dr. Salomon Stein, welcher seit einigen Monaten interimistisch das Bezirksrabbinat in Schweinfurt verwaltete ist nunmehr definitiv zum Rabbiner der Stadt und des Bezirks Schweinfurt gewählt worden. — In Jena hat vor Kurzem der Professor der Landwirthschaftslehre Freiherr v. d. Goltz die Frage untersucht, welche Stellung die Kirche zur sozialen Frage einzunehmen habe. Er führte dabei aus, daß die Kirche sich bei ihrer Arbeit zur Besserung der sozialen Lage keiner politischen Richtung anzuschließen habe, beim sie gehöre dem ganzen Volke. Noch weniger sollte die Kirche eine eigene politische Partei bilden. „Christlicb-sozial, christlich»konservativ sich zu nennen, sei im Grunde genommen unchristlich." - Das großherzoglich hessische Ministerium des Innern und der Justiz hat soeben eine Verfügung über die Seelsorge u it b Einrichtu n g per io bischer G ottesd ie nste in den groß herzoglichen Gefängnissen erlassen, welcher wir Folgendes entnehmen: „Den jüdischen Gegangenen ist die Abhaltung von Andachtsübungen am Sabbath und au den jüdischen Feiertagen in einem dazu bestimmten Lokale zu ermöglichen. Bei dem Ableben eines Gefangenen in der Anstalt soll ebenfalls ein entsprechender Gottesdienst für die Angehörigen der Konfession des Verstorbenen abgehalten werden. Sämmtliche durch diese Vorschriften entstehenden Kosten werden aus Staatsmitteln bestritten." - Man meldet aus Ober-Roden (Hessen): Ein Arbeiter, Namens Grimm, b e sch impfte beit Handelsmann I. H i r s ch m a nn seiner Religion wegen, und als dieser sich die Rohheiten in ruhigem Tone verbat, zog Grimm ein Messer und stach auf H. los. Ein Stich drang in die Brust und verursachte eine schwere Verletzung; der Blutverlust war bedeutend; glücklicherweise lvar rasch ärztliche Hilfe zur Hand. Der Attentäter hätte vielleicht sein Opfer getödtet, wenn nicht ein kräftiger Mann schleunigst zur Hilfe geeilt wäre. Nach heftiger Gegenwehr wurde der Wütherich durch die Gensdarmen in das Ortsgefüngniß gebracht. Obgleich die Verwundung des Herrn Hirschmann sehr gefährlich ist, hofft man denselben doch am Leben zn erhalten. - Dem Vernehmen nach hat die großherzogliche sächsische Staatsregierung ein N at ur a l i s a t i0ns ge s u ch des russ i s che n Sta atsange h ö r i g e n H e n s ch e l, welcher zur Zeit in Baden lebt, abschlüglich beschieden. Vorher hatte and) die großherzogl. badische Negierung dein Henschel einen ablehnenden Bescheid ertheilt, darauf wandte er sich nach Weimar mit dem Hinweis darauf, daß er früher in Jena gewohnt habe und dort noch jetzt Hausbesitzer sei. Die Ablehnung seiner Gesuche ist, wie verlautet, im Hinblick auf seine Thätigkeit als antisemitischer Agitator erfolgt. Warum will übrigens der Mann ein Deutscher werden d Es muß ihm doch augenblicklich als Russen viel behaglicher in seinem Antisemitismus sein. Oder g aubt er sich nicht als „Urdeutscher" allsgeben zu dürfen? — In Gailingen feierte der K a n t o r, H e rr S. Li ß b e r g e r, jüngsten Sonnabend sein 50jähriges Dienstjubiläum. — Für das neu erledigte Oberrabbinat in Metz haben sich bereits drei Kandidaten gemeldet: Die HH. Rabbiner Uri aus Brilmat; Blum in Pfalzburg und Levy in Weißenburg. — In Wien wurde Sonntag den 24. August Herr Moritz Winternitz im 78. Lebensjahre unter sehr zahlreichem Geleite zu Grabe getragen. Es war ein sehr geachteter Kaufmann, langjähriges Mitglied des Bethausvorstandes und Vizepräsident des Vereines zur Unterstützung Handlungsangehöriger Israeliten". Nach der nunmehr vorliegenden Zählung betrug am 81. Dezember 1889 du Gesammtbevölkerung Böhmens 5,85X812 Personen; davon sind 90,000 Juden. — Herr W. Reiner in Karlstadt ist vom Fürsten von Montenegro zum Ritter des Danilo-Ordens ernannt worden. - Die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich hat unmittelbar nach ihrer Ankunft in Paris einen Kranz auf das Grab Heinrich Heiner niedergelegt. — Der österreichische Reichsrathsabgeordnete Superintendeni Dr. H aase, der Verfasser der bekannten Schrift über „Antisemitismus", ist in Paris eingetroffen, um Beiträge für beit Bau eines Hospitals in Teschen (Oesterreichisch Schlesien) zu sammeln. Diese Wohlthätigkeits anstatt wird sich dadurch von ähnlichen Instituten unterscheiden, daß darin nicht nur Kranke ohne Unterschied des Glaubens und der Nationalität ausgenommen, sondern auch daß Xiebertritte der Patienten von einer Religion zur andern nicht geduldet werden. Dr. Haasi erhielt in Paris bereits Spenden für diesen Zweck, die den Betrag von 5000 Francs übersteigen. — Der Direktor des Pariser Rabbiner seminars, Herr I. Tränet, ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Tränet bekleidete sein Amt seit 34 Jahren. Bei der Bestattung hieü Zadok-Kahn die Trauerrede. —' Das orientalische Museum des Louvre wird in diesen Tagen um einen neuen Saal vergrößert werden, welcher die jüdischen Alterthümer enthält. — Der rumänischen Gemeinde Rucür wurde von der Depntirtenkammer die Eigenschaft als Stadt nur darum nicht bewilligt, weil „möglicherweise sich dort Juden angesiedelt hätten". — Der Warschauer Synagogen-Prüsee beklagte sich beim Kurator für Schulunterricht darüber, daß dic jüdischen Studenten ganz den Synagogenbesuch unterlassen. Es erfolgte in Folge dessen die Verordnung, daß die Studenten nunmehr in gewissen Perioden die Synagoge besuchen müssen. Der fromme Herr Hai im Paradies einen Stuhl mit fünf Füßen dafür in Aussicht. — Am 4. August wurde das neue israelitische Gemeindehaus in Warschau von dem Präsidenten der Stadt, Generallieutenam Starynkiewicz, besucht. Er ließ sich vom Präses der israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Nathanson, die Administrations- und sonstigen! Einrichtungen erklären, verweilte über eine Stunde daselbst und tonnte! nicht genug die musterhaften Anlagen loben. - Die in Odessa bestehende j Gesellschaft zur llnterstühung der jüdischen Kolonisation! in Syrien und Palästina hat eine neuerliche Warnung erlassen, „das: die nach Palästina Auswandernden nicht auf ihre Hilfe rechnen sollten, da sie nur die alten in Palästina und Syrien Ansässigen unterstütze." - Wie verlautet, hätte der Landeskommandirende General Kuropatkin mehreren m Aschkabad wohnhaften Juden den Befehl zugehen lassen, ihrc Geschäfte abzuwickeln und binnen einem Monat Transkaspien zu verlassen. — In Spanien wüthet das Volk augenblicklich gegen die Aerzte als die Urheber der Cholera. Ein Glück, daß dort keine Juden mehr wohnen; denn sicher wären diese sonst die Schuldigen gewesen. -- Der hochherzige Philantrop Herr Jacob H. Schiff in New-Aork ha! einen neuen Beweis seines opferfreudigen Interesses für seine eingewanderten russisch-polnischen Glaubensgenossen gegeben. Viele der Letzteren wurden in ihrer Unerfahrenheit durch betrügerische Bankangestellte be schwindelt, viele nach der alten Heimath für zurückgelassene Familien abgesandte kleine Summen wurden unterschlagen, größere Depositen nichi zurückbezahlt u. s. f. Auf Veranlassung und unter Leitung des Herrn. Jacob H. Schiff wurde nun jüngst die 8tnto^I)auü eröffnet, welche den Leuten Sicherheit und reelle Behandlung garantirt und sie gegen fernere Verluste schützt. — Baron Hirsch hat der M ontrealer hebräischen Wohlthätigkeitsgesell sch ast 10,OOO Dollar mit dem Versprechen weiterer Unterstützung geschickt, damit mit dieser Summe ein Heim für jüdische Einwanderer errichtet werde, in welchem diese Aufenthalt finden bis sie Arbett erlangt. AuchlHandwerker sollen daselbst zeitweilig Aufnahme finden. — Unlängst starb in Alexandrien der Präsident d er israeli tischen Gemeinde B. M. Aghiou im Alter von 71 Jahren. Derselbe war sehr geachtet und war Inhaber mehrerer ausländischer Orden. Das Leichenbegänguiß wurde in sehr feierlicher Weise von der Synagogc aus (ein sehr seltener Fall) unter reger Betheiligung begangen. Unter den Notabilitäten sah mau den Gouverneur von Alexandrien Osman Orphi Pascha, den österreichischen Konsul und die Präsidenten der griechischen und armenischen Gemeinde. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz tu Berlin.

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