Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 34 (5.9.1890)
- Date
- 1890-09-05
- Page
- Seite 452 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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452 „Sehen Sic," sagte der Vater zum Nachbar, als er mit ihm die Straße erreichte, „dieses Juden wegen wären Sic fähig gewesen, wie Sic sich selbstausdriicktcn, alle Juden todtzuschlagen. — So sagen Sie nur selber, ist der ein Jude? Nein! Ist der ein Christ? Auch nein! So sind Alle, die gleich ihm handeln, weder Juden, noch Christen, Cs giebt keine speziell jiidischen und keine speziell christliche» Sünden, cs giebt nur Sünden, und so rufe ich mit »'.einem Psalinisten: „S mögen diese Sünden von der Erde vertilgt werden!" ... * * * Seit jener Zeit war unser Nachbar von seinem Judenhasse gründlich geheilt. Ich nüll zwar nicht behaupten, daß er später lauterideale Menschen unter rinsern Glaubensgenossen gefunden hat, oberer brachte die schlechten Menschen, wenn solche auf seinem Lebenswege ihm begegnet sind, nie mehr in Zusammenhang mit ihrem Volke und ihrer Religion; er verabscheute sic eben nur als schlechte Menschen und nicht weiter; auch war er seit jener Zeit tolerant und nachsichtig und klagte nur die Ursachen an, die alle Untugenden in den Menschen erzeugen. Kain man einmal auf große und freie Gesinnung zu sprechen, dann zitirte er immer im Namen des Vaters den Ausspruch des Talmud, daß die Sünden von der Erde vertilgt werden — aber nicht die Sünder! Sein Töchtcrchen jedoch, die herzige Musch», die seit jener Zeit mit ihren Eltern unsere täglichen Gäste waren, ließ sich davon nicht nbbringcn, daß unter allen ihren Verwandten ihr der jüdische Wujciu und die jüdische Coccia die liebsten sind und daß mit dem jüdischen Lebkuchen kein christlicher sich vergleichen könne — die Kleine war wirklich ganz „verjudct". U Litterarische Mittheilungen. iytbel für israelitische Volksschulen. Von B. Straßburger. Stuttgart, 1890. Deutsche Verlagsanstalt. Wir besitzen eine kleine Fibellitteratur für israelitische Schulen, und doch ist der erste Schulunterricht als Grundlage von hoher Wichtigkeit für die ganze Schulthütigkeit. Die vorliegende „Fibel", die dem Bedürfniß nach dem heutigen Stande der Methodik wie den jüdischen Verhältnissen entsprechenden Lesebüchern für israelitische Schulen entsprungen und sowohl aus der Praxis als aus pädagogischen Erwägungen hervorgegangen ist, wird deshalb von den israelitischen Lehrern freudig begrüßt werden. Tie „Fibel", eine Umarbeitung der als ausgezeichnetes Schulbuch anerkannten und für die württembergischen Volksschulen amtlich eingeführten Fibel, gründet sich auf die Erfahrung, daß die Hauptschwierigkeiten des Lesenlernens nicht in der Erlernung der Laute und Buchstaben, sondern in der Verschmelzung der Laute zur Silbe und zuui Wort liegen. Danach ist auch die Aufeinanderfolge der, Lautzeichen geordnet worden. Es^vird besonders von israelitischen Schulen, die viel Zeit für religiöse Lehrfächer zu verwenden haben, freudig begrüßt werden, wenn sie in der vorliegenden Fibel ein Lehrmittel erhalten, das so schnell als möglich zum Lesen verhilft. Die Methode ist die längst bewährte Schreiblesemethode; auch die Leseschreibmethode kann danach augeweudet werden. Wie zur Erwerbung der Fertigkeit im Lesen und Schreiben und des Verständnisses des Gelesenen giebt die Fibel auch Anleitung zur Bekanntschaft mit den elementaren Sprachregeln und Stoff zum Anschauungs-Unterricht und fördert somit die verschiedenen Unterrichtsziele der Elementarstufe; den religiösen Bedürfnissen der israelitischen Schule ist allseitig Rechnung getragen worden. Der Fibel ist als Anhang eine „hebräische Lesefibel" beigegeben. Dieselbe ist nach der gleichen Lesemethode wie die deutsche Fibel bearbeitet, und ist muh hier die Aufeinanderfolge der Buchstaben nicht oie genetische Ordnung, sondern die der leicht zu Silben verschmelzbaren Laute. In den ersten Hebungen treten, um den Mechanismus zu beschränken, deutsche Wörter mit hebräischen Schriftzeichen auf, und die Leseübungen sind in lückelosem Fortschreiten und stetiger Rücksichtnahme auf die Fassungskraft des Schülers geordnet, so daß es beim Gebrauch dieser Anleitung dem Schüler bald möglich wird, das hebräische Gebetbuch lesen unb benutzen zu können. Für die oberen Klassen ist eine Anleitung zur Erlernung der hebräischdeutschen und hebräischen Kurrentschrist beigegeben, welche die Kenntniß dieser beiden früher vielfach benutzten, heute noch wichtigen Schriftarten j erhalten und fördern dürfte. 1. — Im Prieste r h a n s e. Erzählung von Clara Steinitz. > Berlin 1890. S. Gerstmann. Clara Steinitz, die rühmlichst! bekannte Schriftstellerin, hat soeben ein neues Werk erscheinen lassen,! welches nicht verfehlen wird, in den weitesten Kreisen, namentlich aber j bei unseren Glaubensgenossen, tieferes Interesse zu erregen. Denn die ' Verfasserin, der wir bereits verschiedene schätzenswerthe Romane und : Novellen: „Die Häßliche," „Des Volkes Tochter," „Ihr Beruf" u. s. w. j verdanken, hat in ihrer neuesten Schöpfung die in letzter Zeit so beliebt | gewordene Gattung des Berliner Romans um ein neues Genre, den; jüdischen Berliner Roman, bereichert. Spielt auch ein großer Theil der; Handlung nicht in Berlin selbst, sondern in Myslowie, einem Posener! Landstädtchen, im Hanse des von seltener Humanität beseelten Rabbiners : Dr. Manasse und seiner ihm au Herzensgüte ebenbürtigen Lebens- I gefährtin Jerusa, so haben doch Beide ihre Ausbildung und Erziehung! in Berlin genossen, dort während eines Jom-Kippur-Gottesdienstes in einem Betsaale der Alexander-Straße sich zum ersten Male gesehen und! bald eine innige gegenseitige Zuneigung gefaßt, die nach Ueberwindung einiger Schwierigkeiten zu einem Lebensbnnde dieser beiden in jeder Beziehung für einander geschaffenen Menschen führen sollte. Die übrigen : Träger der Handlung, Jerusa's weltmännische, egoistisch-kalte und eng- ' herzige Schwester Engel, deren gemuthvoller Gatte, der reiche Banquier! Arnold Ephrut, und ihre Eltern, Herr Ephraim Beitel und seine Frau,; echte jüdische Patrizier vom alten Schlage, leben unb wirken in der Reichshauptstadt. Fesselt die Erzählung also schon durch die Wahl des , Schauplatzes der Handlung, um so mehr als, wenn man von Bernsteines! „Mendel Gibbor" und „Vögele der Maggid" absieht, die meisten andern I jüdischen Erzählungen eines Kompert, Franzos, Sacher-Masoch u. A. sich j auf österreichisch-ungarischem Boden abspielen, so tragen die Wärme! der Pietät, welche die Verfasserin mit Eindringlichkeit des Verständ-! nisses für die Vergangenheit und Gegenwart des Judenthums, dessen! Licht- und Schattenseiten inmitten der heutigen Kultur verbindet, die! plastisch-abgerundete Darstellung, die tiefe Naturwahrheit der Schilderung und die Aarfe psychologische Zergliederung der Charaktere das! Ihrige dazu bei, daß wir mit einem wahren Gefühl der Befriedigung! und mit einer gewissen Läuterung, wie es nur durch ein tiefsittliches Werk hervorgerufen werden kann, das Buch ans der Hand legen. Möge die Verfasserin, deren jüngstes Geistesprodukt Herrn Zadoc Kahn, dem ' Grand-Rabbin von Frankreich gewidmet ist, auf dem soeben betretenen Pfade sortfahren, und wir sind überzeugt, daß so manche Schöpfung ihrer Muse alsdann den ebfeit Zweck erfüllen wird, den Sinn für echt jüdisches Fanlilienleben zu erwecken uub neu zu beleben. 0. P. d I üdischer Volks- und Hauskalender für das Jahr 5651 (1890,1)1), herausgegeben von Dr. M. Braun, Rabbiner zu Pleß. B. Liebermann, weiland Religionslehrer in Brieg, hat vor nunmehr 38 Jahren einen guten Kalender geschaffen, der seit einigen Jahren * durch die verbessernde Hand des Herrn Dr. Braun zu dem besten der! jetzt existirenden geworden ist. Der kalendarische Theil beginnt mit Rosch Haschone 5651 und endet mit dem 31. Dezember 1891. Angabe der Messen und Jahrmärkte für ganz Deutschland, Porto-Tarife! n. s. w., Alles finden wir hier vor. Was uns aber besonders gefallen,! ist der 136 Seiten — gr. Oktav --- starke litterarische Anhang. Dieser bringt u. A. folgende interessante Arbeiten aus der Feder des Herrn! Dr. Braun: Das Geschlecht der jungen Raben. Die Familie Rapoport. j Zu S. L. Rapoport's 100. Geburtstag. 1. Juni 1890. Worauf wir; aber ganz besonders Hinweisen möchten, ist das vortrefflich gezeichnete j Lebensbild Abraham Muhr's. Wir wünschen, daß diese Biographie! durch Sonderabdrücke die weiteste Verbreitung finden möchte. Es folgen j dann noch die Erzählung „Baschinka" von Herzberg-Fraenkel, und u. A.! der vortreffliche Artikel: „Gegen die Hetzer und Verleumder". — Die i Ausstattung des Kalenders ist eine sehr gute und gönnen wir ihm! die weiteste Verbreitung. O. 01. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar. Bauchwik in Berlin.