Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 34 (5.9.1890)
- Date
- 1890-09-05
- Page
- Seite 450 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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450 sprechen. Erzählen Sic mir gütigst jetzt Ihre Verlegenheit, und wir wollen sehen, wodnrch Ihnen geholfen werden kann!" „Tie Wahrheit gestanden," begann der Nachbar, „datirt mein! bitterer Haß gegen das jüdische Volk seit der Zeit, als ich j den Mann erkannt habe, von dem ich Ihnen jetzt erzählen will, i Eines Tages nämlich — ich wohnte damals noch in der Hauptstadt K. — suchte mich in meinem Bureall ein Geldverleiher auf, den ich früher hin und wieder mit meinen Amtskollegen verkehren! sah, und bot niir in der verführerischsten Weise eine Anleihe j an. Er behandle seine Kunden solid, betheucrte er, sei immer ■ bereit, auf Verlangen den Termin zu verlängern und begnüge sich mit den mäßigsten Zinsen. Es war just damals der lustige Karneval, die Zinsen waren ihatsüchlich mäßig; genug, es war zu verlockend, so daß ich die kleine Sunline von fünfzig Gulden bei ihm gegen! ein dreimonatliches Accept aufilahm. Die Zeit verstrich leider schneller, I als mir erwünscht war, deiln ich war just nicht in der Lage, den j Terminstag einzuhalten. Mein Geldmann witterte bald, daß ich j in Verlegenheit war und schraubte den Zinsfuß für die weitern drei ' Monate um ein Bedeutendes hinauf. Den nächsten Termin einzu- I halten war mir durch die inzwischen angewachsene Höhe der Summe i um so weniger möglich, und die Schraube zog sich um so fester zu-! sammcn. Um nun kurz zu sein — nach anderthalb Jahren schwoll! die Summe von fünfzig Glilden zu einer Höhe von hundertfünfzig j an. Dieses erschreckende Allwachsen des ursprünglich kleinen Betrages! bewirkte, daß ich alle meine Kräfte auspannte und meine Schuld! bezahlte. Woran ich aber weniger dachte, war, den bezahlten! Wechsel mir beim Wucherer abzuhole». Mich drückte nur die Schuld^ der Wechsel war Nebensache. Dazu hatte ich damals den Kopf voll! mit der Uebersiedelung, denn ich war just hierher versetzt — kurz, den Wechsel hatte ich ganz vcrgesseil!" „O, daß die Sünden von der Erde vertilgt werden!" zitirte mein Pater lächelnd feinen Psalm.! „Welche Sünden?"; „Ist denn Leichtsinn nicht auch eine Sünde?" ° „Ja, Sie haben recht, ich war sehr leichtsinnig. — Inzwischen," i fuhr er lveiter fort, „wurde ich hierher versetzt, da erhielt ich eines j Tages — schon hier — von meinem Geldmann einen Brief, in lvelchem er mir wieder seine Börse anbot! Er traf gerade die rechte j Zeit. Die Uebersiedelung hierher brachte eine bedeutende Mehraus-! gäbe in nicincm Haushalte mit sich, die Zinsen waren lvieder sehr mäßig, Sünde — wie Sie den Leichtsinn nennen, war noch genug j im Kopfe zurückgeblieben — kurzum, ich überlegte nicht lailgc und nahm eine Anleihe von hundert Gulden bei ihm auf. Diesi mal — suchte ich mich zu bereden — werde ich den Termin schon , einhalten. Denken Sie sich aber meine Bestürzung, als ich einige i Tage vor dem Termin von ihm ein Schreiben erhielt, in dem er mich auffordertc, ihm ja genau zum Terminstag die Baarsumme von i zweihundcrtfünfzig Gulden anzuschasfen, er könne sich auf weitere : Prolongationen nicht cinlassen. Ich gerietst außer Fassung — wie so j waren aus den hundert zweihundertfünfzig geworden? Und da mußte 1 ich erfahre», daß der Schurke von Geldverleihcc meinen bereits ihm ■ schon einmal bezahlten Wechsel wieder zur Geltung brachte. Die Wahrheit gestanden, wünschte ich damals das ganze Judenvolk in die Hölle, und hätte ich die Macht in Händen gehabt, wahrhaftig, ich hätte unter den Juden ein Blutbad angerichtet. Was half mir aber mein Toben und Wettern? Ich war nicht einmal in der Lage, die hundert Gulden zu bezahlen, geschweige die zweihundertfünfzig, ich mußte mich ducken und nach einigen vergeblichen Widerreden in aller Temuth um eine Fristerstreckung von sechs Monaten bitten. Er willigte ein, aber die schreckliche Schraube machte diesmal einen Ruck, daß eS mir den Athem benahm. Ich mußte ihm ein Accept über die Summe von vierhundert Gulden ausstellen und erhielt dafür meine früheren Accepte zurück. Heute, es ist gerade acht Tage vor dem Termin, erhalte ich von ihm eilt Schreiben, in welchem er mit aller Entschiedenheit darauf beharrt, daß ich ihm die Gesammtsumme von vierhundert Gulden bezahle, sonst klage er meinen Wechsel ein. Ganz bestimmt wird er seine Drohung ansführen, und ist das der Fall, dann werde ich ans dem Amte gejagt und mir bleibt kein anderer Ausweg, als mit meiner Familie zum Bettelstab zu greifen." „Nein, es giebt noch ein andern Ausweg," wendete mein Baker ein. „Und welcher denn?" „Daß ich Sie nicht zu Grunde gehen lasse!" „Sie wollen uns wirklich helfen?" rief der Nachbar und seine Frau ans, die voll Dankbarkeit seine Hände ergriffen. „Wodurch haben wir uns das bei Ihnen verdient?" „Einzig dadurch, weil Sie Menschen sind und es Pflicht eiucs Jeden ist, dem Nebenmenschen in der Noth beizustehen!" „Sie sind der edelste Mensch, der mir je im Leben begegnet!" betheuerte der Nachbar. „Wie gesagt," nahm der Pater wieder auf, „Sie sollen unter allen Umstünden Ihren Wechsel bald nstedcr in Händen haben, und was die hundertfünfzig Gulden betrifft, um die jener Wucherer Sie betrogen hat, hoffe ich ihm dieselben noch aus dem Rachen zu jagen. Ich selber will mit Ihnen morgen in die Hauptstadt reisen, und ol* Jude werde ich ihm so lange ins Gewissen reden, bis er von dieser Forderung abstehen wird, und sollte mir selbst das nicht gelingen, dann nehme ich den Einfluß des dortigen Rabbiners zu Hilfe, dem er gewiß nicht widerstehen wird." „Daran glaube ich kaum," versetzte der Nachbar. „Und warum nicht?" „Weil mein Geldmaun der fortschrittlichen Richtung angehört, indem er wie unser einer sich trügt, und auf einen solchen, wie. ich glaube, dürfte der Rabbiner gar keinen Einfluß haben." „Das hat gar nichts zu sagen, im Ucbrigen werde ich ihn zu einem Schwur zwingen, rind vor einem Meineid wird er sich gewiß, in Acht nehmen." Inzwischen kam die kleine Muschu herein und, als sie ihre Eltern wieder heiter ivic immer mit meinem Pater zusammen sah, blieb sic ganz überrascht auf der Schwelle stehen. Eine Weile prüfte sie mit ihren klugen Augen die Gruppe um den Tisch, worauf sie lustig zu ihren Eltern sich begab. „Aber jetzt, Papa", jauchzte sic, „bist Dil nicht mehr traurig wie früher, und auch Tu nicht, Mama!" „Nein, mein Herzkind, das hast Du aber unscrm guten und edlen Nachbar zu verdanken!" „Hab's ja bald gewußt," jubelte die Kleine, „hab's ja bald gcivußt, daß der Wujeiu Niemand traurig sein läßt, er hat ja mut zu mir so gut und lieb gesprochen, daß ich rasch die Traurigkei! verloren habe." „Hast recht, Kindchen," stimmte er zu, „dieser Wujeiu ist ein guter und edler Wujeiu — Du sollst ihm die Hand küssen!" „Und warum nicht auch den Mund?" „Natürlich auch den Mund!" Das liebliche Kind setzte sich meinem Pater auf den Schoos; und schlang beide Aermchen um seinen Hals. „Aber jetzt werde ich schon immer zum Wujeiu und zu de> Eieeia gehen dürfen — nicht wahr?" „So viel Dir nur lieb ist, Kind." Die Kleine war ganz glücklich darüber.