Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 34 (5.9.1890)
- Date
- 1890-09-05
- Page
- Seite 449 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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449 1 Juden che war , armen, nur besich ihm war — )g einer JudenichtungSanz lind wmögen. Geldgier rren alle hte einer :n Geiz, jüdische den auch inzelnen, in seinen reizendes auungen nn Tage rotz aller ) sie den Maßen griff sie iter lllld h daran der den nk eben so gut biß sie eil aller elkützchen he Haar chlief — er Küche aal nach verlassen, ich Dir lvie die er sagen: es nicht am, lmd ipa nicht jüdischen g, bevor , wie sic nn diese ter hieß,!). . . ) Ursache abgeneigt zu fühlen. Einmal nur — so erzählte er sehr oft — habe er | von einem Anden etwas empfangen, was doch die Menschen als I das Begehrenswertheste erachten, nämlich eine Suinme Geldes, und dieses hatte einen so bitteren Nachgeschmack, daß ihm jedesmal die! Galle übergehe, so oft er daran erinnert wird. Diesen eigentlichen! Grund für seinen Haß und Widerwillen gegen den jüdischen Namen i erfuhr mein Vater erst, nachdem er unser Nachbar wurde, und! iveni er dieses verdankte, war wieder kein Anderer als unser Liebling — \ Die kleine Musch». Eines Tages nämlich kam das Kind zu uils, nicht wie immer! hüpfend und trällernd, sondern still, verstimmt und das goldhaarige ■ Köpfchen auf die Brust gesenkt, wie eine junge Knospe, die das erste j Mal von einem rauhen Sturm angeweht wurde. Die ungelvohnte Traurigkeit des Kindes griff uns Allen ans verz, besonders dem Vater, der das Kind sehr lieb hatte, und Der überdies von sehr weicher Gcmüthsart war. „Was ist Dir, Herzchen?" fragte er voll inniger Theilnahme. Das Kind schwieg, aber in die Augen traten ihm große Thränen.; Das schnitt ihm noch tiefer ins Herz. „Sag', Kindchen," wiederholte er noch eindringlicher, „was ist Tir widerfahren?" „Bei uns, Wujciu," begann das Kind mit schluchzender Stimme, .ist cs heute so traurig, daß ich nur weinen möchte, und auch Sie/ Vujciu, würden weinen, ivenn Sie bei uns heute sein würde»!" „llud was ist denn bei Euch?" „Ich weiß nicht, aber Papa ringt die Hände und ruft, es sei schon; -ms mit uns, wir werden betteln müffen, er werde sich ein Leid anthun!" „Geh, Kind," tröstete sie der Vater, „Papa sagt nur so, cs 'tiefte nicht gar so schlimm sein, bleibe nur ruhig, Kind." „Nein, Wujciu," widersprach sie, „Papa weint den ganzen Tag, i md auch Mama wischt sich fort und fort die Thränen." Mein Vater war damals in glänzenden Verhältnissen, und ein i mtes, edles Herz, wie er war, brauchte es wahrhaftig nicht mehr : -:ls nur eines so lieblichen Kindermundes, m» alle Gefühle des Mit- : rnids und der Barmherzigkeit in ihm anzufachen. - In tiefer Erregung ging er minutenlang auf und ab im Zimmer,; -udlich griff er nach seinein Hute und entfernte sich, ohne nur ein i Wort zu reden, aus dem Hanse. : Wohin mein Vater sich begab? Zu keinem Anderir als zum - -liristlichen Nachbar, dessen Schwelle er das erste Mal heute betrat. Als mein Vater sich durch den Dienstboten bei ihm anmelden - ieß, schünmtc er in wildem Zorne auf.! „Ist das Unglück einmal da, dann verfolgt es Einen auf Schritt j mb Tritt — schon wieder einer von den Blutsaugern! Ich habe i uenug an den Juden — was will dieser von mir?" „Geh nur," suchte seine Frau, die besonnener war als er, zu beschwichtigen, „die Nachbarsleute sind immer so lieb gegen unser 'Und, sie scheinen gute Menschen zu sein. Sei nur freundlich, man um gar nicht wissen!" „Werde schon wissen," brnminte er, „was da von einem Inden - 'Altes herauskommen kann! Uebrigens laß ihn eintreten!" Das gute und sanftmüthige Wesen meines Vaters, das sich schon mtf feinem Gesicht ausprägte, stimmte den Nachbar sofort etwas milde,! io daß er ihm neben sich Platz anbot. i „Es wird Sie vielleicht wundern," begann der Vater, „daß ich j >üs Nachbar Ihnen gerade heute den ersten Besuch abstatte." Der Nachbar rückte ungeduldig mit seinem Sessel, wie wenn er lagen wollte: Ich Hütte auch heute freudig darauf verzichtet. „Allein," fuhr mein Vater inzwischen fort, „ich hörte, daß Ihnen j Dfr Verkehr mit Juden unangenehm ist." I „Hm, hm, hm!" hüstelte der Nachbar energisch, was wie eine laute Bestätigung sich anhörte. „Heute jedoch," setzte mein Vater dessen ungeachtet fort, „hielt cs mich nicht länger zu Hause, weil ich gehört, daß Sie in bedrängter Lage sich befinden..." „Aha!" stürmte es endlich aus ihm heraus, wie ein wüthendcr Strom, der den Tamm durchbrach, „das muß aber auch eine Freude bei Jhreil Glaubensgenossen geben, daß so ein Christcnmcnsch in Bedrängnis; ist — nicht?" „Die Juden freuen sich nicht über das llngtück Anderer," criviederte mein Vater in verweisendem Tone. „Uebrigens kann ich Ihnen nur bethcuern, daß kein Jude mit mir davon gesprochen hat!" „Und wer denn sonst?" „Ihr liebliches Töchterchen, die kleine Muschu!" „Daß mir aber die Kleine Alles ausdemHanse schwätzt!" suhrer auf. „Das sollen Sie zum Mindesten diesmal nicht bedauern, denn ich bin gekommen, Ihnen in der Noth beizustchen." Der Nachbar mit seiner Frau rückten mit ihren Stühlen näher dem Vater zu. „Sie wollen mir vielleicht eine Summe Geldes leihen," sagte er, „ich würde Ihnen ewig dafür dankbar sein, und wäre auch geneigt, Ihnen die besten Prozente zu zahlen!" „Ich bin kein Prozentcnehmer," versetzte der Vater. „Uebrigens bin ich nicht zu Ihnen gekommen, Geschäfte machen, sondern rein in der Absicht, Ihnen zu helfen, wie cs die Nächstenliebe von uns heischt!" „Nächstenliebe!" rief er venvundert aus, „Sie sprechen ja wie ejn wahrhaftiger Christ!" „Ich wieder sage, wie ein wahrhaftiger Hude, oder richtiger, wie ein Jude und ein Christ sprechen sollen, oder am allerrichtigsten, ich spreche wie ein Mensch; denn es gicbt keine besonders jüdischen ttttb keine besonders christlichen Tugenden. ES giebt nur Tugenden und die sind allgemein menschlich!" „Allgemein menschlich," wiederholte der Nachbar, „das schon eher; denn Euer Talmud — entschuldigen Sie mir, edler Herr! — befiehlt Euch ja, Andersgläubige zu hassen und zu verfolgen!" „Das hat Ihnen entweder Einer gesagt, der den Talmud nicht kennt, oder ein Lügner. Ter Talmud ist im t^cgcntheil im hohen Grade tolerant!" „Der Talmud tolerant!" riefen Beide ungläubig aus. „Ja, der Talmud ist sogar voll Nachsicht gegen die Sünder, denn er verurtheilt nie diese, sondern die Motive und die Ursachen, die sie zu Sündern machen. Wissen Sie, was der Talmud zu der Psalmenstelle: „Es mögen die Sünden von der Erde vertilgt werden" hinzufügt? „Die Sünden, aber nicht die Sünder!" „Das ist ja die höchste Toleranz!" riesen Beide erstaunt aus. „Ja, das ist es auch!" „Aber Sie werden doch zugeben," nahm der Nachbar nach einem kurzen Besinnen wieder auf, „daß es trotzdem jüdische Untugenden giebt." „Nein, es giebt nur Untugenden, aber keine jüdischen. Dadurch, daß man sie jüdische nennt, wälzt man die Schuld des Einen auf das ganze Volk, und das ist mehr als Unrecht!" „So sagen Sie selbst, edler Freund — giebt's nicht unter den Inden hartherzige Wucherer?" „Es mag wohl Wucherer geben, aber das hat nichts mit dem jüdischen Namen zu thun, und zugegeben, daß viele Juden vom Wucher leben, so muß ich erst recht mit dem Psalmisten ausrufen: „Mögen die Sünden von der Erde vertilgt werden!" Mögen nur die Motive verschwinden, welche sie auf diesen häßlichen Erwerb anweisen. Was diese Motive sind, Sie kennen sie wahrscheinlich so gut wie ich. Doch ich bin nicht hergekonimen, um mit Ihnen davon zu